Gladbach-Profi im Interview Kramer legt sich fest: "Werder bleibt in der Liga"

Am Samstag steht Christoph Kramer als Gegner des SV Werder auf dem Rasen des Weserstadions: Im Interview spricht der 31-Jährige über seine WM-Chancen, den Bremer Fußball und er prophezeit Werders Klassenerhalt.
01.10.2022, 10:48
Lesedauer: 5 Min
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Von Hans-Günter Klemm

Christoph Kramer, wo wird man Sie bei der Weltmeisterschaft sehen: auf dem Rasen in Katar oder im Fernsehstudio in Mainz?

Eine sehr gute Frage, doch ich möchte nicht zu viel über Katar reden. Ich weiß, dass es aktuell in den Medien aufgebauscht wird. Es ehrt mich natürlich, dass ich nun wieder als WM-Kandidat gehandelt werde. Ganz ehrlich, ich sehe es nicht unbedingt als realistisch an. Mir ist bekannt, dass im Fußball viel passieren kann – in die eine oder auch in die andere Richtung. Also lautet meine heutige Antwort: Es ist minimal realistisch, dass ich auf dem Rasen stehe.

Jüngst ist das Team der Co-Kommentatoren und Analytiker für die WM publik gemacht worden. Ihr Name tauchte auf der Liste nicht auf. Es heißt aber, dass Sie zum ZDF-Team an der Seite des Ex-Bremers Per Mertesacker gehören werden. Stimmt das?

Das ist richtig. Ich gehe davon aus, dass ich dabei sein werde.

Wie bewerten Sie die aktuelle Verfassung der deutschen Nationalelf nach den beiden letzten Auftritten?

Ich sehe dies im Gesamtzusammenhang mit den anderen europäischen Nationen. So richtig weiß wohl kein Team, wo es knapp zwei Monate vor dem WM-Start wirklich steht. Die Franzosen verlieren gegen Dänemark, die Engländer holen nur zwei Punkte in der Nations League. Ich habe Portugal gegen Spanien gesehen, dieses Spiel war auch nicht berauschend. Es haben viele Nationen noch einiges zu tun und zu verbessern. Ich bleibe bei meinem Standpunkt, den ich auch schon nach dem Spiel gegen Ungarn formuliert habe: Es wird eine WM der Form werden. Ich kann nicht in die Glaskugel schauen.

Die Europäer haben Probleme im Gegensatz zu den Mannschaften aus Südamerika, die schon jetzt gute Leistungen abrufen. Liegt die Favoritenbürde bei Brasilien und Argentinien?

Diese beiden Nationen machen gegenwärtig einen guten Eindruck – zumindest von den Ergebnissen her.

Wie stehen Sie zu der Frage, ob die deutsche Elf dringend eine echte Neun benötigt? Ihr Experten-Kollege Lothar Matthäus hat spekuliert, dass der Bundestrainer einen klassischen Mittelstürmer ins Aufgebot berufen werde.

Zu diesem Komplex habe ich zurzeit keine so dezidiert ausgeprägte Sichtweise. Ich denke, dass Kai Havertz ein klassischer Neuner sein kann, Timo ist auch so ein Typ, auch wenn er von der Statur und Größe nicht dem Idealbild entspricht. Ich bin also weit davon entfernt, in dieser Hinsicht irgendwelche Ratschläge zu geben. Ich finde, Deutschland hat eine sehr starke Mannschaft.

Ein Name, der zuletzt häufig genannt wird, ist Niclas Füllkrug. Er ist gegenwärtig der erfolgreichste deutsche Stürmer in der Bundesliga. Was halten Sie von ihm?

Ich finde ihn sehr gut, er ist sehr gut in Form. Füllkrug hat schon einige Hütten gemacht. Mit Marvin Ducksch bildet er ein herausragendes Duo. Vom Typ her sind beide Finisher, doch sie ergänzen sich sehr gut.

Kann Füllkrug noch auf den WM-Zug aufspringen?

Keine Ahnung, ich habe viele Aussagen von Niclas Füllkrug dazu gelesen. Er möchte dieses Thema klein halten. Daran halte ich mich auch.

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Hat Werders gelungener Start Sie überrascht?

Nein, Werder ist nach dem Trainerwechsel auch schon sehr überzeugend durch die 2. Liga marschiert. Bremen hat eine richtig gute Spielanlage, der Ball läuft sehr gut. Es macht Spaß, sich diese Mannschaft anzugucken. Jeder Aufsteiger lebt zudem von der Euphorie, Werder auch. Somit war für mich klar, dass mit Werder zu rechnen ist.

Sie sind für Ihre präzisen Analysen bekannt. Wie kann Gladbach den Bremern beikommen?

Werder presst sehr hoch, das ist für jeden Gegner immer unangenehm. Ich glaube, sie verteidigen extrem mannorientiert. Gegen diese Defensivstrategie müssen wir Lösungen finden.

Wie beurteilen Sie Ole Werner?

Ich kenne ihn nicht persönlich, doch das Bild, das er mir vermittelt, ist äußerst positiv. Er hat eine gute Ausstrahlung, kommt sehr authentisch rüber. Was er bei Werder geleistet hat, ist enorm hoch einzuschätzen.

Beeindruckt Sie die Spielweise der Bremer, die wie in der 2. Liga auf Offensive und Ballbesitzfußball angelegt ist? Fasziniert Sie, dass Werner auch in der Bundesliga als Neuling weiter auf dieses Rezept setzt?

Wenn man als Trainer eine Idee hat, wie gespielt werden soll, dann muss man diese auch durchziehen – egal in welcher Spielklasse. Bei Werner erkenne ich diese klare Philosophie. Warum soll es nach dem Aufstieg geändert werden? Es würde Werner und Werder nichts helfen, wenn sich die Mannschaft nun hinten reinstellen würde und womöglich dennoch jedes Spiel verlieren sollte. Ich finde gut, dass Werner seiner Linie treu geblieben ist.

Wie sehen Ihre Erinnerungen an das Weserstadion aus?

Ich habe viele gute Erinnerungen, dort herrscht immer eine tolle Stimmung. Der Rasen war immer exzellent. Und im Übrigen war ich sowohl mit Gladbach als auch mit Bochum und Leverkusen meist erfolgreich. Die Bilanz spricht also für mich.

Auch die Bilanz aus Gladbacher Sicht sieht gut aus. Der letzte Bremer Erfolg datiert aus dem Dezember 2015 im DFB-Pokal.

Das hört sich doch gut an im Hinblick auf Samstag, sagt aber alles nichts für das nächste Spiel aus.

Wie läuft es bei der Borussia nach der Unruhe durch die vielen Wechsel auf der Führungsebene? Wie läuft es mit dem, neuen Trainer Daniel Farke?

Es läuft gut. Nun ist es wieder so, wie wir es hier kennen: Es wird konzentriert gearbeitet. Alles so, wie es sein sollte.

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Gladbach belegt in der ewigen Bundesliga-Tabelle momentan den sechsten Rang, könnte den Hamburger SV überholen, wenn in Bremen gewonnen wird, und demnächst auch den VfB Stuttgart, wenn es weiter optimal läuft. War Ihnen das bekannt?

Ja, ich habe es gelesen. Mich interessiert es schon, vor allem unter dem Aspekt, dass wir auch in der aktuellen Tabelle der Saison klettern sollten, wenn wir uns in der allgemeinen Rangliste der Liga verbessern.

Sie haben sicherlich die Abschiedsgala von Claudio Pizarro am letzten Wochenende verfolgt. Sie haben häufig gegen ihn gespielt. Wie sehen Sie den ehemaligen Liga-Star?

Ich habe mehrfach gegen Pizarro gespielt, als er schon über 30 Jahre alt gewesen ist. Ich frage mich, wie gut er gewesen sein muss, als er zwischen 20 und 30 Jahre alt war. Ich fand ihn unfassbar gut, ein kompletter Spieler, der irgendwie alles konnte. Er konnte den Ball halten und behaupten, er konnte mit viel Tempo gute und effektive Dribblings ansetzen, in Aktionen mit dem Gesicht zum Tor richtig Akzente setzen. Wer 20 Jahre lang auf höchstem Niveau agiert, ist schon ein Ausnahmespieler.

Normalerweise spielen Sie im Mittelfeld auf der Position Sechs oder Acht. Zuletzt haben Sie sogar einmal als Innenverteidiger und auch als Zehner agiert. Was ist die ideale Rolle für Sie?

Schwer zu sagen, auch für mich. Ich fuchse mich gern in neue Rollen hinein. Solange es nicht auf die Außenbahn geht, ist mir eigentlich egal, wo ich auflaufe. In der Zentrale kann ich alles spielen. Es macht mir zudem unheimlich Spaß, neue Herausforderungen anzunehmen.

Trauen Sie Werder den Klassenerhalt zu?

Auf jeden Fall, ich bin mir sehr sicher, dass Bremen nicht absteigt.

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