Die Werder-Legende im großen Interview

Pizarro: „Ich habe erfüllt, was mein Vater wollte“

Der WESER-KURIER würdigt Claudio Pizarro zum Karriere-Ende mit einem Magazin. Darin spricht der Stürmer im Interview auch über seine Anfänge als junger Fußballer in Peru und über seine Beziehung zu Bremen.
07.04.2020, 15:08
Lesedauer: 7 Min
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Von Jean-Julien Beer
Pizarro: „Ich habe erfüllt, was mein Vater wollte“

Gut gelaunte Legende: Beim Interview für das Pizarro-Magazin des WESER-KURIER hatte Werders Torjäger eine Menge Spaß.

Foto/Collage: Marko Kremer/Michael Matthey

Herr Pizarro, wie fing Ihre große Liebe zum Fußball eigentlich an? Wann hat der kleine Claudio zum ersten Mal gegen den Ball getreten?

Claudio Pizarro: Ich war noch sehr klein, als das begann. Eines der ersten Geschenke eines Vaters für seinen Sohn ist ja meistens ein Ball, das war auch bei mir so. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich einmal mit dem Ball in meinem Kinderbett stand, sehr stolz in einem Trikot der peruanischen Nationalmannschaft. Es war sogar ein richtiges Trikotset, mit Hose und allem. Es gibt ein Foto davon, das wird mein Vater wohl irgendwo zu Hause haben. Auf dem Foto bin ich etwa fünf Jahre alt. Und so fing diese ganze Geschichte mit dem Fußball für mich an: Ich habe immer mit diesem Ball gespielt, im Haus und im Garten. Natürlich auch auf der Straße mit meinen Freunden. Und ich habe nie mehr damit aufgehört, Fußball zu spielen.

Sie haben als Kind auch ziemlich gut Tennis gespielt. Irgendwann mussten Sie sich zwischen beiden Sportarten entscheiden. Warum gewann der Fußball?

Das war einfach meine größere Leidenschaft. Ich war zwar generell ganz gut in verschiedenen Sportarten, aber der Fußball hat mich besonders in seinen Bann gezogen. Tennis gefiel mir auch recht gut, das stimmt schon, ich habe auch einige Tennisturniere in Peru gespielt und sogar gewonnen. Aber das hat mich nicht so gepackt wie der Fußball. Ich wollte unbedingt Fußball spielen, dieses Spiel hat mich einfach fasziniert.

Viele Jungs träumen davon, einmal Fußballprofi zu werden. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das packen können, dass Sie besser sind als die anderen Jungs?

Man fängt ja dann schnell an, gegen andere Jungs zu spielen. In der Schule, auch im Verein. Irgendwann kommen kleinere Turniere dazu. Und man schaut dann natürlich immer, wer die Jungs sind, die in ihren Teams auffallen. Ich habe immer zu diesen Spielern gehört. Deshalb hat man mich manchmal auch in Mannschaften mitspielen lassen, die schon ein oder zwei Jahrgänge älter waren als ich. Auch dort gab es Turniere. Und da fing es an, dass ich das selbst merkte: Dass ich das Zeug dazu habe, in diesem Sport große Dinge zu erreichen und eine richtige Karriere zu schaffen.

Dabei half Ihnen sicher Ihre Statur: 1,86 Meter messen Sie heute, das ist für peruanische Verhältnisse sehr viel. Waren Sie auch als Teenager schon so groß?

Zuerst war fehlende Größe mein Problem. Ich bin erst mit 16 oder 17 Jahren so richtig gewachsen. Da habe ich dann aber einen richtigen Schuss gemacht. Bis dahin war ich eher durchschnittlich groß, und das hat mich schon ein wenig gestört. Denn viele waren auf dem Fußballplatz größer als ich, gerade dann, wenn ich bei den etwas älteren Teams mitspielte. Erst als ich in die U17-Nationalmannschaft kam, wurde das besser. Da hat man im Spiel gemerkt, dass ich inzwischen etwas gewachsen war. Nun war ich aber ein Spieler, der zwar wirklich sehr lange Beine hatte, aber einen eher kurzen Rumpf. Das war auch nicht optimal. Und das veränderte sich nur langsam, das dauerte. Ich wuchs noch, bis ich so etwa 19 oder 20 Jahre alt war. Dann erst war ich richtig ausgewachsen – und so groß wie heute.

Viele Fußballprofis aus Südamerika kommen aus armen Verhältnissen, dank des Fußballs können sie ein ganz anderes Leben führen. Bei Ihnen war das anders. Ihr Vater hatte einen guten Job, er war Offizier beim Militär. Der Familie ging es gut. Wie schwierig war es, Ihren Eltern zu sagen: Ich werde kein Arzt oder Anwalt, ich möchte als Beruf Fußball spielen?

Das war wirklich ein sehr schwieriger Moment. In jener Zeit, vor mehr als 20 Jahren, war es in Peru fast aussichtslos, im Fußball eine Karriere zu machen, von der du auch leben konntest. Es sei denn, du warst ein außergewöhnlicher Spieler, der es nach Europa schaffte oder wenigstens raus aus Peru. Aber das kann man ja am Anfang nicht wissen und nicht planen. Als ich ein junger Spieler war, konnte man jedenfalls nicht behaupten, dass der Fußball in Peru irgendwie rentabel gewesen wäre. Natürlich habe ich schon als Kind und Jugendlicher immer gesagt, dass ich mal Fußballprofi werden möchte, aber das sagen ja viele Jungs. Doch dann kam der Moment, wo es ein konkretes Ziel wurde. Als ich mich mit meinen Eltern hinsetzte, um das Thema ernsthaft zu besprechen, war ich gerade 17 geworden. Es war mein letztes Jahr in der Schule. Ich habe also ganz offen und direkt zu meinen Eltern gesagt: Ich möchte Fußball spielen, das ist eine grundsätzliche Entscheidung für mein Leben, es ist das, was ich unbedingt machen möchte.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Mein Vater hatte mich all die Jahre zuvor immer im Fußball unterstützt. Er fuhr mich zum Training und begleitete mich überall hin. Aber natürlich war das vor allem zu den Zeiten, als ich noch ein Kind war. Da ging es nur um den Spaß am Sport, um nichts anderes. Als es dann ernsthafter wurde zwischen mir und dem Fußball, sagte mein Vater: Junge, das ist ein schwieriger Weg, das wird nicht leicht für Dich hier im peruanischen Fußball. Überleg dir das gut! Und er wollte auch, dass ich arbeiten gehe oder studiere, bis ich einen Profivertrag in der Tasche habe. Oder besser sogar beides, arbeiten und studieren. Ich habe ihm gesagt: Okay, damit habe ich kein Problem, aber ich werde Fußball spielen.

Und Ihre Mutter?

Sie war immer diejenige, die sagte: Nein, mein Junge, was willst du denn da? Der Fußball ist nichts für dich. Aber sie hat dann auch gesagt: Wenn es das ist, was du wirklich machen möchtest, werde ich dich dabei unterstützen. So haben mir beide auf ihre Art geholfen. Sie haben mich bestärkt, aber nicht blind unterstützt.

Die Schule war dann schnell vorbei. Sind Sie tatsächlich arbeiten gegangen? Oder haben Sie etwas studiert?

Ja, ich habe gleich nach Ende des Schuljahres angefangen, zu arbeiten. In einer Druckerei.

Was mussten Sie dort machen?

Ich habe die Druckmaschine gereinigt. Ich war der Helfer des Mannes, der diese Maschine bedient hat. So war ich plötzlich Mitarbeiter in einer Druckerei in Lima, habe nebenher aber auch noch an einem Institut studiert. Für einen zweijährigen Kurs hatte ich mich dort eingeschrieben, es ging um Betriebswirtschaft. Aber mit den Schuljahren läuft das in Peru etwas anders als hier in Deutschland. Das Schuljahr endet dort im Dezember. Ich habe also gleich im Dezember mit der Arbeit und dem Kurs angefangen. Aber schon im Februar holte mich mein Verein Deportivo Pesquero in die Profi-Mannschaft, die in der 1. Liga spielte. Ich hatte zuvor schon in der Jugend dort gespielt. Mein Job in der Druckerei dauerte also nur zwei Monate, das Studium auch. Aber am Ende habe ich damit das erfüllt, was mein Vater wollte: Ich habe gearbeitet und studiert, hatte aber das große Glück, dass ich schon nach zwei Monaten einen Profivertrag im Fußball erhielt. Heute kann ich sagen: Das lief ziemlich perfekt für mich.

Nur wenige Jahre später waren Sie schon in Deutschland, Sie wechselten 1999 als 20-Jähriger von ihrem zweiten Profiverein Alianza Lima nach Bremen. Gleich im ersten Heimspiel gelang Ihnen das erste Tor für Werder, eine 1:0-Führung gegen Kaiserslautern. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Ein Kopfballtor war das. 5:0 haben wir gewonnen, und es war ein wunderbarer Tag. Ich kann mich noch genau an das Spiel und meine Emotionen erinnern. Es war der perfekte Moment für mein erstes Spiel im Weserstadion, vor all den Fans. Wir hatten vorher schon bei Hertha BSC gespielt, da wurde ich eingewechselt, es war ein schmuckloses Unentschieden. Dann aber stand eine Länderspielpause an, so hatte ich zwei Wochen Zeit, in Bremen mit meiner neuen Mannschaft zu trainieren und mich an alles zu gewöhnen. Das hat mir sehr geholfen. So stand ich erstmals in der Startelf, gemeinsam mit Marco Bode im Sturm, ich war in einer richtig guten Verfassung. Und es wurde ein außergewöhnliches Spiel. Wann gewinnt man schon 5:0?

Was wussten Sie eigentlich über die Stadt Bremen oder über Werder, als Sie 1999 als 20-Jähriger ins 11.000 Kilometer entfernte Deutschland flogen?

Ich kannte wirklich nur die Stadtmusikanten (lacht). Die sind auch in Peru sehr bekannt. Aber sonst wusste ich gar nichts über diese Stadt. Den Verein Werder Bremen kannte ich immerhin ein wenig aus dem Fernsehen, wir hatten einen TV-Kanal, der Spiele der Bundesliga zeigte. Da habe ich manchmal Spiele von Bayern und von Werder gesehen.

Letztlich sind Sie sogar vier Mal zu Werder Bremen gewechselt. Was bedeuten Ihnen diese Stadt und dieser Verein heute?

Das ist mein zweites Zuhause. Ich fühle mich in Bremen sehr wohl, meine Familie war auch immer sehr glücklich in dieser Stadt. Meine ersten beiden Kinder wurden in Bremen geboren. Ich war und bin dieser Stadt immer sehr dankbar für die Zuneigung und für die Herzlichkeit, die ich erfahren durfte – und das wirklich jedes Mal, wenn ich zu Werder kam. Dadurch habe ich mich hier immer heimisch gefühlt.

Eine Frage darf gegen Ende Ihrer Karriere natürlich nicht fehlen: Was war in all den Jahren Ihr bestes Spiel?

Mein bestes? Aus all diesen Spielen? Das ist unglaublich schwer zu sagen.

Gibt es nicht das eine Spiel, wo Sie danach sagten: Das war mein bester Fußball?

Nein. Weil ich glaube, dass sogar einige ganz gute Spiele dabei waren. Manchmal sind es auch einfach die wichtigen Spiele, die haften bleiben. Internationale Spiele. Daran habe ich viele Erinnerungen. Zum Beispiel in der Saison, als wir mit Werder bis ins Finale kamen. Das hieß noch UEFA-Cup. Da haben wir beim AC Mailand gespielt. Nach dem 1:1 im Hinspiel haben wir in Mailand 2:2 gespielt, ich habe beide Tore geschossen. Dadurch kamen wir eine Runde weiter. Dieses Spiel bedeutet mir viel, weil wir dadurch als Mannschaft und als Verein einen großen Schritt machen konnten.

Bald ist die große Karriere zu Ende, mehr als 20 Jahre davon spielten Sie hier in Europa. Wenn Sie an all die Tore denken, an die Erfolge und Trophäen, und an die Liebe der Fans: War es die beste Entscheidung Ihres Lebens, 1999 als junger Mann ins ferne Deutschland zu fliegen?

Ja, eindeutig. In Europa habe ich so viel erreichen dürfen, vor allem hier in Deutschland, dafür kann ich einfach nur dankbar sein. Damals hätte ich von Alianza Lima aus auch nach Spanien wechseln können, es gab ein sehr konkretes Angebot von Betis Sevilla. Wer weiß, wie meine Karriere dann verlaufen wäre. Was ich heute weiß, ist: Die Entscheidung für Deutschland war eine sehr gute. Für meine Karriere und generell für mein Leben. Ich bin mit meiner Familie sehr gerne und sehr glücklich hier, und das ist die Basis für alles andere im Leben. Wenn es deiner Familie gut geht, kannst du dich auch beruflich gut entwickeln. Bei mir war der Beruf eben der Fußball. Ich bin sehr zufrieden damit, wie ich das damals entschieden habe und was daraus geworden ist.

Das Gespräch führte Jean-Julien Beer.

Das komplette Interview mit Claudio Pizarro gibt es in unserem neuen Magazin über diesen besonderen Werder-Star. Darin verrät Pizarro auch, welches Werder-Spiel er gerne noch einmal spielen würde und warum ihn in Bremen alle nach seinem ersten deutschen Wort auslachten. Außerdem erzählen die beiden Trainerlegenden Thomas Schaaf und Ottmar Hitzfeld, was sie mit diesem außergewöhnlichen Torjäger alles erlebt und mitgemacht haben.

Das Pizarro-Magazin „Würdigung einer Legende“ gibt es in unserem Online-Shop unter www.weser-kurier.de/shop, auch eine telefonische Bestellung ist in Corona-Zeiten natürlich möglich unter 0421-3671-6616. Außerdem gibt es das neue Magazin des WESER-KURIER über Pizarro auch im Zeitschriftenregal vieler Supermärkte in Bremen und Umgebung. Der Preis für das 100 Seiten starke Heft: 9,80 Euro.

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