Fritz ist Kandidat für neuen Werder-Job Die Allzweckwaffe

Werder braucht Veränderungen in der Außendarstellung, auch deshalb wird ein neuer Posten geschaffen. Aussichtsreicher Kandidat ist Ehrenspielführer Clemens Fritz, der näher an die Mannschaft rücken soll.
12.07.2020, 11:46
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Die Allzweckwaffe
Von Christoph Sonnenberg

Viel Neues war es nicht, was da am Freitagmittag im Presseraum des Weserstadions verkündet wurde. Über die Ergebnisse der Aufarbeitung der vergangenen Bundesligasaison sollte Auskunft gegeben werden, hieß es in der Einladung zur Pressekonferenz. Um dem ganzen mehr Wucht zu verleihen, saßen alle Entscheidungsträger auf dem Podium, das für diesen Zweck coronabedingt provisorisch um zwei Plätze erweitert werden musste: Frank Baumann, Klaus Filbry und Hubertus Hess-Grunewald als Geschäftsführung, Marco Bode für den Aufsichtsrat und Florian Kohfeldt als Trainer.

Wir alle stehen hinter diesen Entscheidungen, das sollte der geballte Auftritt wohl vermitteln. Nur was dann an Entscheidungen verkündet wurde, blieb eher vage. Und die Veränderungen, die tatsächlich sichtbar sind – im Trainer-Team, dem Athletik-Bereich und einer zu schaffenden Stelle in der sportlichen Leitung –, wurde zwar angekündigt, nicht aber umgesetzt.

„Mir ist klar, dass wir durch diese Pressekonferenz keine große Aufbruchstimmung erzeugen werden", sagte Baumann, der wohl wusste, dass es genau darum gegangen wäre und weiterhin geht. Die Frage ist, warum er nicht wenigstens versucht hat, diese zu vermitteln, statt lediglich zu erklären, sie leider nicht im Angebot zu haben.

Werder braucht positive Impulse und Aufbruchsstimmung

Stattdessen zankte er sich mit einem Journalisten um die korrekte Bezeichnung des neuen Postens, der künftig zwischen Mannschaft auf der einen Seite und Baumann und Kohfeldt auf der anderen installiert werden soll. „Ich bin erstaunt, ich will nicht sagen entsetzt„, so Baumann auf die Frage nach dem künftigen Team-Manager. „Wir haben seit Ewigkeiten einen Team-Manager.“ Dass er sich in diese Nebensächlichkeit verbiss, statt über das Jobprofil zu sprechen, war erstaunlich.

Kurz darauf beklagte er, dass das Trikot, mit dem die Bremer in Heidenheim angetreten sind, in den Medien fälschlicherweise als Sondertrikot bezeichnet wurde. Dabei soll es doch in der kommenden Saison als Eventtrikot dienen, für besondere Gelegenheiten. Dass es die PR-Abteilung Werders war, die diese Information an die Medien herausgegeben hatte, darüber war Baumann offenbar auch vier Tage nach dem Spiel nicht informiert.

Es bleibt der Eindruck, dass sich beim Sportchef einiges entlud, was sich über längere Zeit aufgebaut hatte. Was einerseits verständlich ist, alle Verantwortlichen standen über Wochen und Monate schwer im Wind. Und selbst wenn die Kritik berechtigt war, sie prallt nicht einfach ab. Andererseits war Baumanns Gereiztheit unverständlich, da nach der schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte keinerlei sichtbare Konsequenzen gezogen wurden. Inhaltlich konnte er nicht punkten, das hätte er wissen können. Aber er hätte Energie ausstrahlen müssen um das zu vermitteln, was nun dringend benötigt wird: positive Impulse und eine Aufbruchsstimmung.

Es soll einen Recruitingprozess geben

So hat dieser Freitagmittag eins der Bremer Probleme deutlich gemacht, ein Defizit in der Außendarstellung. Es war Kohfeldt, der lieferte, was gebraucht wird. Der von seiner Lust auf die neue Saison sprach. Davon, Talente wie den aus Osnabrück kommenden Felix Agu besser zu machen. Der einen Witz riss, um der bleischweren Stimmung ein wenig Leichtigkeit zu geben. Werder hängt zu großen Teilen am Charme und der Eloquenz einer Person, das sollte nicht so sein.

Und wird es auch bald nicht mehr. Wie auch immer der Job letztlich heißt, der zur neuen Saison geschaffen wird, es wird auch darum gehen, Werder ein neues Gesicht und eine neue Stimme zu verleihen. Zu den Aufgaben gehört es, Stimmungen in der Mannschaft auszuloten und frühzeitig darauf zu reagieren. Ansprechpartner zu sein für die Spieler, für den Sportchef und den Trainer gleichzeitig. Es geht aber auch darum, Teile der Öffentlichkeitsarbeit zu übernehmen.

Der Auswahlprozess hat noch nicht begonnen, soweit soll es erst in rund zwei Wochen sein, nach Baumanns und Kohfeldts Urlaub. Einen Recruitingprozess soll es geben, ein Auswahlverfahren, an dessen Ende der Kandidat mit den besten Voraussetzungen den Job erhält. Dass es einen Top-Kandidaten gibt, ist im Umfeld des Vereins schon jetzt zu hören. Clemens Fritz soll beste Chancen haben, seine nächste Aufgabe bei Werder zu übernehmen.

Fritz als Analyst in der Halbzeitpause

Schon seit Wochen heißt es, der 39-Jährige soll in der kommenden Saison enger an die Mannschaft heranrücken. Überraschend wäre die Entscheidung für Fritz nicht, er ist so etwas wie die Allzweckwaffe des Klubs. Als Spieler und Ehrenspielführer nimmt Fritz einen prominenten Platz in der Ahnengalerie Werders ein. In einem 18-monatigen Trainee-Programm wurde er auf seine zweite Karriere vorbereitet. Aktuell leitet Fritz die Abteilung Scouting, als Mitglied der sportlichen Leitung würde er den nächsten Schritt auf der Karriereleiter nehmen.

Es wäre aus grün-weißer Sicht eine logische Wahl. Fritz soll langfristig ohnehin mehr Verantwortung bei Werder übernehmen. Wenn es um die Nachfolge Baumanns geht, fällt häufig sein Name. Und Baumann selbst hat eine ähnliche Funktion bei Werder ausgefüllt, bevor er Geschäftsführer wurde. Fritz jetzt einen anderen Kandidaten vor die Nase zu setzen, wäre gewagt. Zumal er erfüllt, was es in der neuen Position zu erfüllen gilt. Ein Ex-Profi, der seine Erfahrungen an die Spieler weitergeben kann. Der vermitteln kann, der eingreifen kann. Und der nicht zuletzt öffentlich auftreten kann.

Das hat er zuletzt schon vermehrt gemacht. Gleich zu Beginn seiner Aufgabe als Leiter Scouting war Fritz beim Sport1-Doppelpass zu Gast. In der Endphase der Liga war er es, der in der Halbzeit die Analysen in die Mikrofone der übertragenden Fernsehsender sprach. Im Rückblick wirkt es wie eine Aufwärmübung für seine möglichen Aufgaben in der kommenden Saison.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+