Viel Konkurrenz, wenig variabel

Wohin mit Selke?

Im Abstiegskampf spielte Davie Selke fast keine Rolle, sondern saß auf der Bank. Für den Stürmer, der nächstes Jahr 12 Millionen Euro Ablöse kostet, wird es auch in der Saison schwer, seinen Platz zu finden.
20.08.2020, 15:41
Lesedauer: 4 Min
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Von Christoph Sonnenberg und Stefan Rommel
Wohin mit Selke?
Nordphoto

In der Regel geht es bei Werder kurz und knapp zu. Es gibt Maxi, Pavlas, Ludde, Flo oder Baumi. Manchmal muss es aber ganz einfach etwas länger sein als nur der Spitzname oder Vorname. „Davy Klaassen" rief Florian „Flo" Kohfeldt im Testspiel gegen Linz, wenn er Klaassen auf dem Feld dirigieren wollte oder loben. „Davie Selke", rief Kohfeldt, wenn er den anderen mit phonetisch gleichklingendem Namen meinte. Der gerufene Vor- und Nachname bei Anweisungen, das machte einen sonderbaren Eindruck.

Ein Grund für diesen Eindruck ist wohl, dass es bisher nur selten der Fall war: Klaassen und Selke zusammen auf dem Platz. Während der eine als Vizekapitän in der vergangenen Saison eine tragende Säule der Mannschaft war, stellte sich bei Selke schnell die Frage: Wohin eigentlich mit ihm? Wirklich beantwortet ist sie noch immer nicht.

Selke kam im Winter, weil Werder Physis benötigte und er für einen körperlichen, robusten Spielstil steht. Viermal stand er nach dem Wechsel aus Berlin in der Startelf, danach verkam Selke zur Teilzeitkraft. In den wichtigsten Spielen zum Ende der Saison kam er nur noch wenige Minuten zum Einsatz. In der Relegation gegen Heidenheim gar nicht mehr. Selke, zunächst für 18 Monate von Hertha BSC ausgeliehen, muss im nächsten Sommer für rund 12 Millionen Euro gekauft werden. Sehr schnell stand das Geschäft als großes Millionen-Missverständnis da.

Werder schützt Selke

Was also tun mit einem Spieler, der aufgrund seiner Ablöse, seines Gehalts, seiner Vita und seines Selbstverständnisses eigentlich Stammkraft sein müsste, bei genauer Betrachtung aber nicht zwingend gebraucht wird?

Werder schützt sein hohes Investment, was verständlich ist. „Ich bin sehr, sehr froh, dass wir Davie Selke haben„, sagte Florian Kohfeldt nach dem Testspiel gegen Linz, in dem Selke zur frühen Führung getroffen hatte. Er stand in der Startelf und zeigte eine engagierte Leistung. „Er braucht Rhythmus, um seine Stärken einbringen zu können.“ Diesen Rhythmus soll Selke in der Vorbereitung bekommen. Soll Selbstvertrauen tanken mit Toren in der Vorbereitung, um dann eine andere Rolle einzunehmen als bisher.

Bei Werder trauen sie ihm das zu. „Wir wissen, was er kann. Und was er für uns einbringt, das die anderen alle nicht haben„, sagt Kohfeldt und erklärt, was er damit meint. Das Spiel gegen Linz sei dafür ein gutes Beispiel: „Wie er in die Box geht, wie er beim Konter mit Tempo durchläuft. Wie er, mit dem Rücken zum Tor, mit wenig Kontakten spielt um dann wieder in die Tiefe zu gehen. Ich hoffe, dass sich das so fortsetzt. Und dann haben wir da vorne einen guten Konkurrenzkampf.“

Selke kann nur im Sturmzentrum spielen

Werders Offensive ist gut besetzt mit Niclas Füllkrug, Yuya Osako, Josh Sargent und nun auch Tahith Chong. Ein klarer Nachteil für Selke ist die Fixierung auf eine einzige Position. Die Mehrheit der Spieler in Werders Kader ist einigermaßen variabel einsetzbar. Die Außenverteidiger können auch im Zentrum spielen, Innenverteidiger auf Außen oder im Mittelfeld. Die Mittelfeldspieler sind in der Lage, jede Position im Zentrum des Spiels einzunehmen, Spieler wie Yuya Osako, Leo Bittencourt oder Johannes Eggestein sind im Zentrum, auf dem Flügel oder gar als Mittelstürmer denkbar. Davie Selke kann einzig und allein im Sturmzentrum spielen, andere Optionen gibt es nicht. Als zurückfallender Angreifer wäre er auf der Zehn nicht ballsicher und gewandt genug, auf dem Flügel fehlen Antritt und notwendige Dribblingstärke.

Zwei klare Angreifer mit einem sehr ähnlichen Profil gibt es im Profifußball kaum noch. Die Regel ist ein bulliger Spielertyp als Fixpunkt auch für lange Bälle und ein kleinerer, wendiger Spieler mit einem tiefen Körperschwerpunkt, der drumherum Räume schafft oder Bälle aufsammelt. Der für kurze Kombinationen bereit steht, der Läufe in die Tiefe startet. Dieser Spieler schafft zusammen mit dem Achter und dem Außenverteidiger durch gezielte Bewegungen Optionen, um dem Stoßstürmer Raum zu verschaffen.

Das wäre der Idealfall. Bleibt nur noch die Frage, wie sich Füllkrug und Selke die Aufgaben aufteilen, damit auch Nutzen entsteht. Dafür braucht es ziemlich viel Fantasie. Beide sind auf dem Flügel schlecht aufgehoben, am ehesten könnte Füllkrug aus dem Zweier-Sturm noch etwas ins Mittelfeld zurückfallen, wobei das auch alles andere als dessen Idealposition wäre.

„Davie greift an und versucht, seine Situation zu verbessern."

Beide Spieler sind sich sehr ähnlich in ihren Anlagen und der Art ihres Spiels. Den Ball klatschen lassen und gehen können beide gut, in den Strafraum eindringen, mit dem Körper arbeiten. Einen Ball nach einem kurzen Zuspiel mit nur einem Kontakt schnell machen, in die Tiefe spielen, einen oder sogar noch mehr Gegner ausspielen, aus dem Stand Tempo machen, kreativ sein, aus der zweiten Rehe abschließen – das kennt man von Fülkrug und Selke zu wenig.

Ausschließen will Kohfeldt aber nicht, mit Selke und Füllkrug zusammen zu spielen, wenn es in die taktischen Grundausrichtung passt. „In der Raute ist es eine klare Option mit zwei Stürmern dieser Art zu spielen. Da gibt es keine Denkverbote für mich„, sagt Kohfeldt und kündigt an: „Wir werden es in der Vorbereitung auch noch mal testen.“

Werder versucht, unter das vergangenen halbe Jahr einen Strich zu ziehen und einen Neustart mit Selke zu beginnen. Selke selbst macht das auch, sagt Frank Baumann: „Er blickt nicht groß zurück. Er greift an, gibt Gas und versucht seine Situation zu verbessern."

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