Die Bundesliga-Kolumne von Daniel Boschmann Diese Saison werden wir richtig durchstarten

In seiner Bundesliga-Kolumne appelliert TV-Moderator Daniel Boschmann an die Werder-Fans, einzelne Spieler nicht wie die Sau durchs Internet-Dorf zu treiben.
19.09.2020, 09:40
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Daniel Boschmann

War was? Zurückschauen hat noch nie jemandem geholfen, oder? Was wäre wenn? Hätte ich mal bloß. Hätte ich mal lieber nicht. Was soll das bringen? Hätte Werder keine Verletzungsseuche gehabt, würden wir jetzt in der Champions League jubeln. Hätte die Mannschaft nach dem Neustart nicht alles reingeworfen und alles gegeben, dann gäbe es jetzt wieder ein richtiges Nord-Derby. Wilden Thesen. Nun, hatten sie aber und haben sie. Mund abputzen, weitermachen.

Ich bin in der Sommerpause mit mir selbst ins Gericht gegangen. In der ganzen Abstiegskampf-Phase war ich in Teilen nicht zu gebrauchen und ungenießbar. Bringt mich zu der Feststellung, dass mir Fußball vielleicht manchmal sogar zu wichtig sein könnte. Eigentlich ist es mir selbst nicht aufgefallen - es "wurde mir aufgefallen". Meine Frau weiß ganz genau, was Sätze wie "Warum suchst Du Dir nicht mal einen erfolgreichen Verein aus?" oder “Haben die überhaupt schon mal gewonnen?” in mir ausrichten. Meine erste Reaktion ist immer ein bockiges “Das ist eine Verbindung fürs Leben!” Meistens schiebe ich ein "Man sucht sich seinen Verein nicht aus, er sucht dich aus!” nach, gefolgt von einem motzigen Abdrehen mit Werder-Tasse in der Hand.

Dieses Mal hat es mich allerdings erwischt. Obwohl ich immer vom guten Ausgang überzeugt war, habe ich gemerkt, dass ich meine Enttäuschung über die Situation „meines Vereins“ zu sehr an vermeintlich ungenügenden Leistungen einzelner Akteure festgemacht habe. Wenn der XY endlich mal seinen ______ in Bewegung bringen würde, dann hätten wir diese _____ nicht und wir müssten ______ auch nicht diese ______ Relegation ertragen. Die Lücken sind
definitiv nicht jugendfrei und möglicherweise justiziabel.

Jede Handlung wird bewertet

Wie jede/r Einzelne das eigene Fan-Leben emotional ausfüllt ist hoch individuell, aber wir müssen alle zusammen aufpassen, dass wir nicht vergessen, dass da Menschen ihren Job unter der Lupe ausführen. Jede einzelne Handlung wird benotet, bewertet, kommentiert. Das gehört bei der, sind wir ehrlich, äußerst anständig bezahlten Berufswahl dazu, aber es gibt Grenzen. Diese Grenzen wurden gerade überschritten.

Achtung, meine Meinung: Die widerlichen Schmähungen und Beleidigungen, die sich der HSV-Profi Leistner offenbar anhören musste, sind das Ergebnis einer beschissenen, arroganten, gar aggressiven Fan-Kultur. Nicht bei Dynamo Dresden, sondern in der Gesellschaft allgemein. Ich halte das Maß der Bestrafung durch den DFB für das falsche Signal. Kein Spieler geht nach einer Niederlage wahllos auf die Ränge, um jemandem die Fresse zu polieren. Der Aggressor stand im Publikum. Warum sollen sich Sportler diese Niederträchtigkeiten immer wieder gefallen lassen? (Zeitlich befristetes) Stadionverbot für den Fan und Bewährung mit Geldstrafe für soziale Projekte bei Leistner wären für mich der richtige Weg gewesen.

Alles gelesen

Bringt mich hierzu: Ich habe im Sommer alles gelesen, gehört, geschaut, was es zu Werder
gegeben hat. Beiträge in Foren, Tweets, Artikel, Kommentare bei Instagram und Facebook,
Podcasts, TV Berichte und alles (!) auf „werder.de“. In manchen Projekten, das ist kein Geheimnis, war ich selbst aktiver Part. Ich komme zu folgender Erkenntnis: Ich bin froh, dass Werder mich Ende der 80er gefunden hat.

Ich mag die Art des Vereins, ich mag seine Größe, ich mag seine (schwer erarbeitete und
gepflegte) liberale Fan-Kultur und ich mag seine Offenheit allen und allem gegenüber. Das sollten auch wir als Fans verteidigen. Wir sollten nicht einzelne Akteure wie die Sau durchs Internet-Dorf treiben. Wir machen das wie immer anders - wir sind der größte kleine Verein der Welt.

DIESE SAISON WERDEN WIR VERDORI NOCH EINS RICHTIG DURCHSTARTEN! Anbei drei Gründe für eine richtig gute Saison 20/21: ein angezündeter Kohfeldt, Chong, WIR #12. Am heutigen Sonnabend geht's gegen den Big-City-Club (lol) los - mit einem Heimsieg. Bitte. Danke.

Zur Person

Daniel Boschmann (39) ist Moderator des „Sat.1-Frühstücksfernsehens“. Er ist Werderfan seit Kindertagen. Im wöchentlichen Wechsel mit Jörg Wontorra, Lou Richter, Christian Stoll und Peter Gagelmann schreibt er in unserer Zeitung, was ihm im Bundesliga-Geschehen aufgefallen ist.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+