Wie Werders Saisonziel aussieht Die Rückkehr zum Offensivfußball

Vor dem Bundesliga-Auftakt gegen Hertha hat Werder das neue Saisonziel ausgegeben. Es ist nicht so konkret wie in den vergangenen beiden Jahren, sondern hat eher mit dem Auftreten der Mannschaft zu tun.
17.09.2020, 18:58
Lesedauer: 4 Min
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Die Rückkehr zum Offensivfußball
Von Christoph Bähr

Florian Kohfeldt blickte auf einen der Monitore, die im Medienraum des Weserstadions hängen, und sah nur ein Bild des neuen Werder-Trikots. Zufrieden lächelte der Cheftrainer und hielt fest: „Das ist die einzige Pressekonferenz vor einem Bundesliga-Spiel, bei der ich keine Tabelle hinter mir sehe.“ Während der vergangenen Saison sorgte der Blick auf die Platzierungen durchgehend für Bremer Tristesse, doch das ist jetzt erst einmal vorbei. „Es beginnt ein neues Kapitel“, sagte Kohfeldt mit Blick auf die neue Saison, die für Werder am Sonnabend (15.30 Uhr) mit dem Heimspiel gegen Hertha BSC startet.

Also weg mit dem Ballast der vergangenen Spielzeit – tabellarisch und mental. „Wir wollen unverbraucht und mutig sein. Wir wollen zeigen, dass dieses Leben wieder da ist. Das soll man schon gegen Hertha sehen, und das wollen wir die gesamte Saison über ausstrahlen“, betonte Kohfeldt. „Wir sind unglaublich heiß darauf, jedem zu zeigen, für welchen Fußball wir stehen wollen.“ Und damit war der Trainer auch gleich beim Thema Saisonziel angelangt, das während der Pressekonferenz vor dem Bundesliga-Auftakt immer erörtert wird. In den vergangenen beiden Jahren war das Ziel ebenso ambitioniert wie konkret: Werder wollte jeweils den europäischen Wettbewerb erreichen. Einmal scheiterten die Bremer knapp, beim zweiten Mal waren sie von Europa so weit entfernt wie das Weserstadion vom Mars.

Besprechung mit den Spielern

Nach dem Fast-Abstieg versteht es sich von selbst, dass das Ziel neu definiert werden musste. Das Trainerteam und die Mannschaft saßen zusammen und einigten sich darauf, keine Platzierung auszugeben, sondern die Zielsetzung offener zu formulieren. „Wir wollen unseren Fußball wiederfinden und mit Leben füllen“, fasste Kohfeldt das Ergebnis der Besprechung zusammen. „Das Schöne dabei ist, dass wir nichts finden müssen, was es noch nie gab. Zwei Jahre lang waren wir in der Liga anerkannt für unseren attraktiven und offensiven Fußball. Wir standen für zielgerichteten, dominanten Ballbesitzfußball und konnten dadurch einige Spieler für uns begeistern. Ein halbes Jahr lang haben wir diesen Fußball verloren, jetzt wollen wir ihn wiederfinden.“

So schön das auch klingt, wirkt die Zielsetzung bei näherer Betrachtung doch wie ein Herunterschrauben der Ansprüche. Ob das Ziel erreicht wurde oder nicht, lässt sich schließlich nicht so klar bemessen wie bei einem Tabellenplatz. Es ist Interpretationssache. Kohfeldt gefällt diese Sichtweise nicht, er betonte: „Wir sind nicht defensiv. Wir wollen weiterhin jedes Spiel gewinnen. Das ist kein Vermeidungsziel. Wir sagen nicht: Wir wollen nur nicht absteigen.“ Vor zwei Jahren gaben die Werder-Verantwortlichen das Ziel Europa bewusst aus, um die Mannschaft zusätzlich zu motivieren. Aktuell sei das nicht notwendig, schilderte Kohfeldt: „Wir setzen Ziele, die wir nach außen kommunizieren, wenn das sinnvoll für die Mannschaft ist. So, wie ich diese Mannschaft kennengelernt habe, kann ich sagen: Selbstzufriedenheit ist nicht festzustellen. Deshalb brauchen wir diesen externen Anreiz nicht.“

Sargent weiter in der Pole-Position

Der Chefcoach sieht seine Mannschaft nach einer guten Vorbereitung und der erledigten Pflichtaufgabe im Pokal gegen Jena also gerüstet für die neue Saison. Besonders gefällt ihm, dass bei Werder ein Konkurrenzkampf um die Startelfplätze herrscht wie lange nicht mehr. Kohfeldt muss einige schwierige Entscheidungen treffen, gerade in der Offensive. Die Aussage, dass Josh Sargent im Sturm die Pole-Position innehabe, gelte weiterhin, sagte der Trainer. Zudem drängt Niclas Füllkrug ins Team. Kohfeldt: „Er ist auf einem guten Weg, was die Spielfitness und das Entscheidungsverhalten auf dem Platz angeht. ,Fülle' ist nah dran, über seine Qualität müssen wir ohnehin nicht reden.“

Auch Davie Selke, der gegen Jena nicht überzeugte, hat gegen seinen Ex-Verein Hertha laut Kohfeldt jedoch Chancen auf einen Platz in der Mannschaft: „Für ihn muss ich eine Lanze brechen. Hätte er letztes Jahr 20 Tore geschossen, hätte man das Jena-Spiel ganz anders bewertet und gesagt, dass er ein Unruheherd war und Chancen hatte. Ich finde die Konstellation mit Davie und Josh im Sturm sehr spannend. Außerdem ist es schon in meinem Kopf drin, dass Davie die Hertha gut kennt.“ Einiges deutet darauf hin, dass Kohfeldt gegen die Berliner mit zwei echten Mittelstürmern plant. Flügelstürmer Tahith Chong käme dann erneut nur als Joker zum Einsatz. „Wir werden den Fokus auch gegen Hertha auf eine hohe Stabilität legen, damit Spieler wie Tahith von Beginn an oder im Laufe des Spiels ihre individuelle Qualität ausspielen können“, sagte der Trainer.

In der Innenverteidigung buhlen ebenfalls mehrere Spieler um die zwei Plätze. Nach Ömer Topraks Verletzung kann Kohfeldt zwischen Niklas Moisander, Marco Friedl, Milos Veljkovic und Christian Groß auswählen. Nur im Mittelfeld ist der Konkurrenzkampf nicht ganz so groß. Davy Klaassen ist nach überstandener Verletzung wieder gesetzt. Maximilian Eggestein wird auf der Sechser-Position gebraucht, die Zugang Patrick Erras noch nicht alleine bekleiden soll. Kohfeldt: „In der aktuellen Kaderkonstellation ist Maxis Hauptposition die Sechs. Er kann dort alleine spielen oder als Teil einer Doppel-Sechs, die gegen Hertha eine spannende Variante sein könnte. Patrick Erras fühlt sich derzeit wohler, wenn er jemanden neben sich hat.“

Werder bieten sich also auch taktisch einige Optionen für das Spiel gegen Hertha – einen Klub, „der von den finanziellen Voraussetzungen und den Transfers her ein Europa-League-Anwärter oder sogar mehr ist“, wie Kohfeldt betonte. Gegen diesen Gegner muss Werder gleich zum Saisonauftakt beweisen, dass der Neustart gelingen kann. Helfen könnte den Bremern dabei, dass wieder 8500 Zuschauer ins Weserstadion dürfen. „Das hat Einfluss auf das Spiel, doch ich wage noch keine Prognose darüber, ob es den Heimvorteil jetzt wieder gibt“, sagte Kohfeldt. „Klar ist: Wir freuen uns alle, dass endlich wieder diese Atmosphäre herrscht, die wir so lieben.“

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