Werders Gegner Köln in der Analyse

Gisdol-Fußball und ein bisschen mehr

Absturz, Aufschwung, Absturz, Rettung: Kölns Saison ist eine Achterbahnfahrt. Markus Gisdol leitete die gute Phase ein, der Trainer und das Team zeigten sich wandlungs- und anpassungsfähig - und verwundbar.
27.06.2020, 09:56
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel
Gisdol-Fußball und ein bisschen mehr

Kölns Verteidiger Sebastiaan Bornauw ist unheimlich stark in Luftduellen.

dpa

Das sind Kölns Stärken:

Markus Gisdol sah und sieht sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert ein sturer Dogmatiker zu sein. Pressing, Gegenpressing, Balljagd, Umschaltfußball - Gisdol gilt als klarer Vertreter der Helmut-Groß-Philosophie. Kölns Trainer aber nur darauf zu beschränken, wäre der falsche Ansatz. Grundsätzlich fußt der Fußball von Gisdol-Mannschaften zwar auf diesen Komponenten, Gisdol hat aber gerade beim FC in einer äußerst prekären Lage auch erkannt, dass er seinen strikten Plan aufweichen und sich den Gegebenheiten vor Ort anpassen muss. Nur deshalb hatte Köln von Gisdols Amtsübernahme im November bis zur Coronapause die stärkste Phase in der Bundesliga seit Jahrzehnten.

Lauf- und Zweikampfstärke, Leidenschaft und Intensität, ein griffiges Gegenpressing, Überzahlsituationen in Ballnähe sowie schnelle Umschaltmomente in beide Richtungen bleiben dabei die Eckpfeiler, die aber angereichert werden mit dem einen oder anderen Detail. Als klarer Verfechter der Viererkette setzt Gisdol in Köln auf ein 4-4-2 oder häufiger auf ein 4-2-3-1.

Köln geht dabei gegen den Ball nicht wie in früheren Gisdol-Zeiten oder unter dessen Vorgänger Achim Beierlorzer zu oft ins Angriffspressing über, sondern bleibt eine Spur tiefer und verstrickt den Gegner rund um die Mittellinie in viele Zweikämpfe. Gisdol will seine Abwehrspieler nicht in zu viele Laufduelle schicken, lässt die letzte Linie deshalb etwas tiefer und damit näher am eigenen Tor agieren, um den Raum dahinter kleiner zu halten. Deshalb greift auch das Pressing erst kurz vor der Mittellinie und nicht schon hoch am gegnerischen Strafraum. Kölns Verteidiger bringen für Sprintduelle schlicht nicht die nötige Geschwindigkeit mit.

Aus dieser kompakten Formation geht es nur ab und zu ins Angriffspressing über, wobei Jhon Cordoba, der gegen Werder wohl verletzt fehlt, dabei normalerweise als zentraler Spitze die Aufgabe zukommt, das scharfe Anlaufen und Nachrücken auszulösen. Dann greifen ganz klassische Mechanismen, das Spielfeld wird durch Cordobas Anlaufen halbiert, der Flügelangreifer läuft den ballführenden Innenverteidiger von außen nach innen an und macht den Passweg zum Außenverteidiger zu. Der Ball soll so ins Zentrum geleitet werden, wo der Zehner aggressiv in die Balleroberung gehen kann. Abgesichert wird das von der Doppel-Sechs.

Im Fall der Balleroberung geht der erste Impuls nicht nur nach vorne, der erste Pass geht fast immer in die Tiefe. Die Mannschaft versucht, den am höchsten postierten Spieler zu finden. Damit soll zum einen sofort der Umschaltmoment so schnell und nah wie möglich am gegnerischen Tor genutzt werden. Zum anderen soll dem Rest der Mannschaft die Möglichkeit offeriert werden, geschlossen nachzurücken und sich für das Gegenpressing zu staffeln. Das gute Tempo der Flügelangreifer und die nachschiebenden Außenverteidiger werden dann für die Ablagen aus dem Zentrum genutzt. Und: Mit dem ersten, sehr tiefen Ball ist die Gefahr für das eigene Tor so minimal wie nur möglich gehalten. Das macht Köln zu einer überragenden Kontermannschaft. Acht Tore nach schnellen Umschaltmomenten sind der zweitbeste Wert der Liga, nur der BVB ist besser. Selbst Leipzig oder Leverkusen mit ihren Supersprintern können da nicht mithalten.

Kölns Spieler sind zudem durchweg lauf- und zweikampfstark, haben genug Tempo und Durchsetzungsvermögen und können - ganz vorneweg Laufwunder Ellyes Skhiri - 90 Minuten lang marschieren. Diese Grundaggressivität ist bedeutsam in den Situationen im Kampf um viele zweite Bälle, die in Spielen mit Kölner Beteiligung zu sehen sind. Und die Mannschaft ist in beide Richtungen in der Luft eine der besten der Liga: Das gilt für Offensivkopfbälle, die etwa verlängert werden sollen und auch für die Innenverteidiger, die obenrum fast alles wegnehmen, was angeflogen kommt - was unweigerlich zu der vielleicht größten Stärken führt.

Köln hat mittlerweile mehr als drei Mal so viele Tore nach einem eigenen Standard erzielt wie Werder. 16 Tore nach einer Ecke, einem Freistoß, einem Einwurf oder einem Elfmeter sind notiert, und hierbei ist besonders Innenverteidiger Sebastiaan Bornauw zu nennen. Der ist oft genug der Zielspieler bei Standards, hat ein tolles Timing in der Luft und nicht umsonst schon sechs Saisontore auf dem Konto.

Das sind Kölns Schwächen:

Das Kölner Spiel mag gut orchestriert sein, es bleibt in seiner Ausrichtung aber auch einigermaßen simpel und berechenbar. Neben den vielen guten Momenten hat die Mannschaft trotz einiger kleinerer Veränderungen und Anpassungen immer noch Probleme im eigenen Ballbesitz. Gisdol hat sich zwar auch hier etwas gewandelt, lässt nicht mehr so schnell und unvorbereitet in die Spitze spielen, um dort dann zu jagen und so viel Unruhe und Chaos wie möglich zu stiften, so ganz klappt das aber mit der Umsetzung der Pläne nicht.

Das Locken des Gegners durch eine vergleichsweise ausdauernde wie riskante Ballzirkulation über die Innenverteidiger und Torhüter Timo Horn, um dann über einen ballsicheren Sechser aufzulösen, ging zuletzt oft genug schief. Da gegen Werder in Kapitän Jonas Hector der wichtigste Spieler dafür fehlen wird, dürfte diese Option eher dosiert eingesetzt werden.

Das akzeptierte Risiko in den Umschaltmomenten führt unweigerlich zu einer schlechten Passquote und damit auch zu wenig Kontrolle in den Spielen. Die erzeugte Hektik kann auch kontraproduktiv sein, die vielen Flanken zwar Gefahr ausstrahlen, für den Gegner aber auch leicht zu lesen sein. Die sehr robuste Gangart nicht nur im Mittelfeld führt zu vielen Fouls, Freistößen für den Gegner und Gelben Karten für die Kölner Spieler. Das muss nicht zwingend ein Nachteil sein, kann sich aber im Verlauf einer Partie noch als solcher darstellen.

Köln muss fast alles über das Kollektiv auffangen. Funktioniert die Mannschaft als Einheit, ist sie unangenehm zu bespielen. Die vergangenen Wochen nach dem Re-Start aber waren teilweise verheerend, der anfängliche „Überraschungseffekt“ des Gisdol-Fußballs scheint schon wieder etwas verpufft. Und trotz einiger interessanter Einzelspieler ist die individuelle Qualität im Kader einigermaßen überschaubar.

Über allem steht natürlich die Frage, wie viel Motivation die Mannschaft nach der geglückten Rettung noch aufbringen kann? Zwar könnte Köln mit einem Sieg noch drei Plätze auf Rang elf springen und damit seine Lage bei der Verteilung der TV-Gelder deutlich verbessern. Der sportliche Anreiz fehlt nun aber komplett. Köln dürfte Werder, das schließlich voll auf Sieg spielen muss, den Ball überlassen und wird demnach vermehrt dagegen arbeiten müssen. Wie viel Energie kann und will die Mannschaft dafür noch aufbringen? Auch das dürfte eine sehr zentrale Frage werden.

Das ist der Schlüsselspieler:

Beide Kölner Schlüsselspieler dürften in Bremen fehlen, was natürlich auch ein Vorteil für Werder sein könnte. Kapitän Hector ist aus privaten Gründen nicht dabei. Jhon Cordoba plagen Adduktorenprobleme. Er soll nicht mit an die Weser gereist sein. Der Angreifer ist normalerweise nicht nur der erste Verteidiger im Pressing, sondern auch in den Umschaltsequenzen der klare Zielspieler. Mit 13 Toren wurde der Kolumbianer zur Kölner Lebensversicherung im Abstiegskampf, sein Ausfall ist schwer zu ersetzen.

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