Spieler, die nur ein Spiel für Werder machten Einmal und nie wieder

Wenn ein Spiel zum Höhepunkt der Karriere wird: Insgesamt 24 Spieler bestritten für Werder jeweils ein Bundesliga-Spiel. Jürgen Kiefert, Hendrik Völzke und Gerhard Teupel erinnern sich an ihren großen Auftritt.
29.12.2020, 14:00
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Einmal und nie wieder
Von Christoph Bähr

Es gibt Fußballer, die haben Hunderte von Bundesliga-Spielen bestritten und können sich gar nicht mehr an jede einzelne Partie erinnern. Und dann gibt es Fußballer, die durften nur ein einziges Mal in der höchsten Liga auf dem Platz stehen. Sie haben zumeist noch Jahrzehnte später jedes Detail dieses besonderen Erlebnisses genau im Kopf. Jürgen Kiefert, Hendrik Völzke und Gerhard Teupel haben exakt ein Bundesliga-Spiel für Werder absolviert. Sie blicken zurück auf die eine Partie, die für sie zum Höhepunkt der gesamten Karriere wurde.

Per Zufall in die Bundesliga

Die Geschichte, wie Jürgen Kiefert zu Werder kam, ist in der heutigen Hochglanzwelt Bundesliga völlig unvorstellbar. Nachdem er von Berlin nach Bremen gezogen war, trainierte er eines Tages zusammen mit einem Freund Leichtathletik am Platz 11 des Weserstadions. Auf dem Rasen lief eine Einheit der Werder-Amateure. „Ich hatte in Berlin schon Fußball gespielt. Als der Ball einmal zu mir rollte, habe ich ihn zurückgepasst“, erinnert sich Kiefert an den Moment, der sein Leben entscheidend verändern sollte.

Trainer Hans-Wilhelm Loßmann war von dem gekonnten Pass so beeindruckt, dass er den Unbekannten direkt mittrainieren ließ und dann tatsächlich in den Kader der zweiten Werder-Mannschaft aufnahm. Kiefert erkämpfte sich einen Stammplatz als Stürmer und gewann 1966 mit den Bremern die deutsche Amateurmeisterschaft. Allein diese Geschichte ist schon bemerkenswert, doch Kieferts Fußballerkarriere erlebte sogar einen noch spektakuläreren Höhepunkt. Im März 1970 waren mehrere Stammspieler der Werder-Profis verletzt. Mit Kiefert und Norbert Hoyer fuhren daher zwei Spieler aus der Amateurmannschaft mit zur Partie bei Eintracht Braunschweig. Beide machten ihr erstes und letztes Bundesliga-Spiel. Kiefert wurde in der 64. Minute als Halbstürmer für den angeschlagenen Ole Björnmose eingewechselt. „Aufgeregt war ich nicht“, sagt Kiefert. „Ich habe es mir zugetraut, bei den Amateuren hatte ich ja gute Leistungen gebracht.“

Nicht allzu lange vor seinem Bundesliga-Debüt hatten die Werder-Profis in einem Trainingsspiel gegen die eigenen Amateure nur mit 2:1 gewonnen. „Da habe ich gemerkt: Die können nicht viel mehr als ich“, sagt Kiefert. Dauerhaft bei den Profis etablieren konnte sich der Mann mit dem Spitznamen „Atze“ aber nicht. „Ich war eine Notlösung, das war auch in Ordnung so“, sagt Kiefert. „Es war für mich ohnehin zu spät, um noch eine Profikarriere zu starten.“ Als er gegen Braunschweig sein Debüt feierte, war Kiefert schon 28 Jahre alt. „Mein Beruf als Ingenieur war mit dem Training der Profis nicht vereinbar“, sagt er. Enttäuscht darüber, dass er nur ein Bundesliga-Spiel bestreiten durfte, sei er nie gewesen, betont der 79-Jährige, der heute in Weyhe lebt. „Es war einfach ein schönes Erlebnis. Das hat mir viel Spaß gemacht.“

Vertragsamateur gegen Ballzauberer

An den Weg vom Aufwärmen hinter dem Tor zur Auswechselbank erinnert sich Hendrik Völzke noch genau. Der damals 21-Jährige war von Werder-Trainer Dixie Dörner gerufen worden und sollte eingewechselt werden. Als er loslief, blickte er in das Rund des Weserstadions, das mit 30 000 Zuschauern gefüllt war. „Da wurde ich schon ein bisschen nervös“, sagt Völzke. Und dann musste er an der Seitenlinie auch noch „eine gefühlte Ewigkeit“ warten. „Der Ball ging einfach nicht ins Aus.“ In der 82. Minute des Werder-Spiels gegen Stuttgart im März 1997 wurde Völzke schließlich eingewechselt. Spielmacher Andreas Herzog hatte sich müde gelaufen, und der defensive Mittelfeldspieler Völzke sollte mithelfen, den 2:1-Vorsprung über die Zeit zu retten. Nach einer Gelb-Roten Karte gegen Heimo Pfeiffenberger war Werder in Unterzahl.

Auf Völzke kam beim Bundesliga-Debüt eine Aufgabe zu, an der bereits viele gestandene Bundesliga-Spieler gescheitert waren: Der Vertragsamateur hatte es im zentralen Mittelfeld hauptsächlich mit Stuttgarts genialem Spielmacher Krassimir Balakov zu tun. „Das war eine tolle Herausforderung“, sagt er. „Als ich auf dem Platz war, war die Aufregung auch schnell verschwunden. Ich war im Tunnel, von der Kulisse habe ich nicht mehr viel mitbekommen.“ Ehe sich Völzke versah, ertönte schon der Schlusspfiff. Werder hatte kurz vor dem Ende noch das 2:2 kassiert. Glücklich war Völzke trotzdem. „In der C-Jugend war ich zu Werder gewechselt und musste mich jedes Jahr gegen starke Konkurrenz behaupten, um den nächsten Schritt machen zu dürfen. Dass ich dann sogar in der Bundesliga spielen durfte, hat mich sehr gefreut“, betont der gebürtige Bremer, der in Achim aufgewachsen ist. Sein Trikot tauschte Völzke nicht. „Das wollte ich unbedingt behalten.“ Bis heute hat Völzke, der inzwischen in der Nähe von Lübeck lebt und für die Logistikprozesse eines großen Lebensmittelhändlers verantwortlich ist, das Shirt aufbewahrt. „Dass es das Trikot meines einzigen Bundesliga-Spiels sein würde, hätte ich damals nicht gedacht. Ich hatte gehofft, dass noch welche dazu kommen.“

Hendrik Völzke hatte das Gefühl, nah dran zu sein am Profi-Team. „Meine Azubi-Zeit hatte ich gut überstanden und mir die Akzeptanz erarbeitet.“ In der Saison 1997/98 setzte den Defensivspieler jedoch eine Entzündung im Hüftgelenk für drei Monate außer Gefecht. Trainer Dörner wurde entlassen und durch Wolfgang Sidka ersetzt, der den Kader verkleinerte. Völzke musste gehen und wechselte zum VfB Oldenburg. „Werder bin ich aber verbunden geblieben“, sagt der heute 45-Jährige. „Die Spiele verfolge ich als Fan.“

Ein Elfmeter sorgt für Ärger

Schon zwei Tage vor Werders Spiel bei Borussia Dortmund erfuhr Gerhard Teupel, dass sein großer Tag kommen würde. Stammtorwart Günter Bernard und dessen Stellvertreter Klaus Lambertz waren im Oktober 1966 verletzt. Also sagte Trainer Günter Brocker dem Schlussmann der Werder-Amateure beim Training am Donnerstag, dass er spielen werde. „Die Aufregung war unwahrscheinlich groß“, erinnert sich Teupel. Das war dem damals 24-Jährigen offenbar anzumerken, denn beim Training nahmen ihn die erfahrenen Teamkollegen Pico Schütz und Sepp Piontek zur Seite. „Sie haben zu mir gesagt: Du bist nicht allein, wir helfen dir“, erzählt Teupel.

Der Torwart galt als talentiert, hatte mit Werders zweiter Mannschaft die deutsche Amateurmeisterschaft gewonnen und schon an Lehrgängen der Nachwuchs-Nationalteams teilgenommen. Bei seinem ersten Bundesliga-Einsatz fand sich Teupel auch zunächst gut zurecht. Nur die Abstöße sollte er nicht ausführen, denn die waren Trainer Brocker nicht gut genug. Also musste Abwehrspieler Horst-Dieter Höttges diese Aufgabe übernehmen. Kurz vor der Halbzeit passierte dann etwas, das einen Debütanten durchaus aus der Bahn werfen kann: Teupel verursachte im Zweikampf mit Siegfried Held einen Elfmeter. Noch heute bringt ihn die Szene etwas in Rage: „Das war kein Foul! Held kam angelaufen, ich habe mich davor geworfen, und dann hat er eine Schau gemacht. Unsere Spieler sind fast vom Glauben abgefallen, als der Schiedsrichter gepfiffen hat.“ Alle Bremer Proteste halfen nichts: Emmerich verwandelte den Strafstoß zum 1:0 für den BVB und legte später noch einen weiteren Treffer zum 2:0-Endstand nach.

Gerhard Teupel konnte den Elfmeter aber schnell abhaken. „Ich habe in dem Spiel wirklich gut gehalten“, sagt er. Es blieb dennoch sein einziger Einsatz für die Werder-Profis, denn kurz darauf war Stammtorwart Bernard wieder fit. „Er war Nationalspieler. An ihm war kein Vorbeikommen“, sagt Teupel. Einen Lizenzspielervertrag bei Werder wollte er ohnehin nicht unbedingt unterschreiben, denn als Profifußballer hätte er seinen sicheren Job als Postbeamter aufgeben müssen. Teupel wechselte 1967 zum SC Concordia Hamburg, der in der damals zweitklassigen Regionalliga spielte. „Gott sei Dank habe ich meinen Beruf nicht aufgegeben. So habe ich heute eine sichere Pension“, sagt der 79-Jährige, der mittlerweile in Goslar lebt.

Info

Zur Sache: Werders Spieler für nur ein Spiel

Manch einer wie etwa der spätere Nationalspieler Manuel Friedrich legte bei einem anderen Verein noch eine respektable Karriere hin, andere dagegen verschwanden schnell wieder in der Versenkung. Insgesamt 24 Spieler absolvierten nach aktuellem Stand lediglich ein Bundesliga-Spiel für Werder: Niklas Andersen, Stefan Blank, Lothar Böhm, Eren Dinkci, Ralf Faber, Robert Frese, Oliver Freund, Manuel Friedrich, Danny Fütterer, Leon Guwara, Marcel Hilßner, Norbert Hoyer, Luc Ihorst, Ole Käuper, Jürgen Kiefert, Klaus Müller, Torsten Oehrl, Timo Perthel, Luca Plogmann, Niklas Schmidt, Volker Schöttner, Ibrahim Sunday, Gerhard Teupel, Hendrik Völzke.

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