Kohfeldt und Baumann bleiben im Amt Evolution statt Revolution

Trotz der Katastrophen-Saison bleiben Trainer Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann nach WESER-KURIER-Informationen im Amt. Veränderungen soll es bei Werder in anderen Bereichen geben.
10.07.2020, 10:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer

Für Bremer Verhältnisse mag es etwas ungewöhnlich gewesen sein, dass die Verantwortlichen von Werder mit all ihren Gremien seit Dienstag analysierten und tagten, um zwei Tage später zu der Erkenntnis zu kommen, dass der Trainer seinen ohnehin bis 2023 gültigen Vertrag weiterhin erfüllt. Mögen die Ergebnisse eines solchen Prozesses auch noch so simpel klingen – die Wege dorthin haben an anderen Bundesligastandorten schon zu volksfestähnlichen Veranstaltungen geführt. Den Vogel schoss dabei der 1. FC Köln ab, als er im Mai 2008 erst in der Villa von Trainer Christoph Daum und später am Geißbockheim über ein Bleiben des beliebten Coaches beriet. Die Kölner Boulevardzeitung „Express“ richtete einen legendären Live-Ticker ein, der 14 Stunden lang nahezu minütlich darüber berichtete, dass noch nichts klar sei. Das bescherte dem „Express“ 2,3 Millionen Seitenaufrufe im Internet und Jogi Löw ein Problem bei der EM-Vorbereitung auf Mallorca: Denn auch seine Spieler lasen und kommentierten eifrig mit. Am Ende versammelten sich Tausende Fans am späten Abend erwartungsfroh am Vereinsheim in Köln, ehe der damalige Manager Michael Meier auf den Balkon trat und der tobenden Menge zurief: „Wir sind heute hier zusammengekommen, um ihnen zu sagen, dass Christoph Daum unser Trainer bleibt.“ Die Boulevardmedien jubelten: „Wie Genscher damals in Prag!“ Viele Tage später kam heraus, dass die Vereinsbosse gar nicht 14 Stunden lang mit sich gerungen, sondern bei Bier und Chips noch ein paar Stunden das Champions-League-Finale geschaut hatten.

Solche Abwechslung war den Werder-Gremien seit Dienstag nicht vergönnt, bei ihnen ging es tatsächlich um Inhalte nach der historisch schlechten Saison, in der die Grün-Weißen nur mit größtem Glück und trotz einer sieglosen Relegation den Abstieg verhindern konnten. Der Bremer Daum heißt Florian Kohfeldt, wie der Fast-Bundestrainer ist auch Kohfeldt bei seinem Herzensverein der an sich beliebte Visionär und Fußballerklärer – wären da nicht die vielen schlechten Spiele gewesen und die unfassbare Verletzungsproblematik.

Nicht auf der Anklagebank

Kohfeldt hat den Bremer Niedergang über viele Monate immer wieder erklären müssen, er war es auch, der nach dem 1:6 in München völlig einsam in den Stadionkatakomben den Abstiegskampf ausrief. Man kann davon ausgehen, dass nicht alles in den vergangenen Monaten an die Öffentlichkeit kam, was sich hinter den Werder-Kulissen abspielte. Aber es ließ aufhorchen, dass Kohfeldt gleich nach der Rettung in Heidenheim deutlich formulierte: „Es darf kein ‚Weiter so!‘ geben und es wird kein ‚Weiter so!‘ geben.“ Die Analyse dieser „brutalen Katastrophensaison“ sei „unglaublich wichtig für die Zukunft von Werder Bremen“, schob der Trainer noch hinterher.

Damit war klar, dass sich der Trainer in den Gesprächen mit Geschäftsführung und Aufsichtsrat nicht auf die Anklagebank setzen würde. Stattdessen sollten es Diskussionen auf Augenhöhe werden, mindestens. Zusätzlichen Rückenwind erhielt Kohfeldt durch das Werben des Ligakonkurrenten Hoffenheim, der den Bremer Trainer mit einer modernen Infrastruktur und einem hochwertigeren Kader lockte. Um Geld ging es Werders Trainer in den letzten Tagen zu keinem Zeitpunkt, sein Vertrag ist ohnehin gut dotiert. Es ging um Inhalte. Zum Beispiel um weitreichende Veränderungen bei der medizinischen Betreuung und im Trainerstab, aber auch um Entlastung des Cheftrainers bei den (zu) vielen öffentlichen Auftritten. Schon im Vorjahr hatte Kohfeldt um eine Art Teammanager gebeten, wie ihn Borussia Dortmund mit Ex-Profi Sebastian Kehl oder Schalke mit Sascha Riether einführten. Dieser soll im Alltag auch mal den Medien zur Verfügung stehen, damit der Trainer nicht ständig sämtliche Fragen beantworten muss. Damals blitzte Kohfeldt damit bei Werder ab, ohne dass Manager Frank Baumann oder Geschäftsführer Klaus Filbry ihren Trainer aber mehr unterstützt hätten. Im Gegenteil: Je prekärer die Lage wurde, desto seltener waren andere Werder-Verantwortliche als Kohfeldt zu sehen oder zu hören.

Natürlich ging es in den letzten Tagen auch um die zu ambitionierte Trainingssteuerung – und um Fehler bei der Kaderplanung, für die Baumann und Kohfeldt, aber auch Aufsichtsrats-Chef Marco Bode verantwortlich sind. Es dauerte bis zum Donnerstagnachmittag, ehe Kohfeldt signalisierte, dass er weiter für Werder arbeiten wird und nicht zu Hoffenheim geht. Zu diesem Zeitpunkt hatte er von Vereinsseite all die Zugeständnisse gehört, die ihn glauben lassen, dass der Verein nicht wieder sehenden Auges in eine bedrohliche Saison gerät. Denn dass nicht alles von alleine besser werden würde, war allen Verantwortlichen klar.

Kohfeldt wäre sonst zurückgetreten

Am Ende genießen Kohfeldt und auch Sportchef Frank Baumann nach dem Verbleib in der Bundesliga also weiter das Vertrauen der Gremien, sie werden nun jedoch auch daran gemessen, sämtliche Fehler der Vorsaison zu korrigieren und rund um die Mannschaft eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der erfolgreicher Leistungssport möglich ist. Das Motto: Evolution statt Revolution. Kohfeldt hatte nichts anderes im Sinn und wäre nach Informationen des WESER-KURIER von sich aus zurückgetreten, wenn der Verein nicht zu umfangreichen Optimierungen bereit gewesen wäre. Ob der Weg ihn nach Hoffenheim geführt hätte, wäre noch abzuwarten gewesen.

Werder wollte ohnehin immer mit Kohfeldt weitermachen und hatte auch in höchster Abstiegsnot an diesem Trainer festgehalten. Die Entscheider in den Gremien sind nun offenbar mehr denn je überzeugt, dass Werders Problem in dieser Saison nicht der Trainer war, sondern die vielen Unzulänglichkeiten rund um die Mannschaft und die zu blauäugige Transferpolitik. An diesem Freitag werden sich alle Beteiligten dazu auf einer Pressekonferenz im Weserstadion äußern: Um 12 Uhr wollen Kohfeldt, Baumann, Bode, Filbry und Präsident Hubertus Hess-Grunewald erklären, wie Werder wieder in die Erfolgsspur gelangen soll.

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