Kohfeldt verteidigt die Transferpolitik

Ein Trainer im Kampfmodus

Nach dem Testspielsieg gegen St. Pauli hat Florian Kohfeldt ein emotionales Plädoyer für den neuen Werder-Weg gehalten. Der Trainer zeigte volles Verständnis dafür, dass kein neuer Spieler mehr geholt wurde.
07.10.2020, 20:18
Lesedauer: 4 Min
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Ein Trainer im Kampfmodus
Von Christoph Bähr
Ein Trainer im Kampfmodus

Wichtiger Unterschied: Florian Kohfeldt stand gegen St. Pauli im Regen, fühlt sich aber keinesfalls von Sportchef Frank Baumann im Regen stehen gelassen.

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Florian Kohfeldt stand nach dem 4:1-Testspielsieg gegen St. Pauli im Bremer Regen und beantwortete die Fragen der Journalisten. Diesem Bild hätte man sehr leicht eine große Symbolkraft zusprechen können: Der Werder-Trainer wurde im Regen stehen gelassen, die erhofften Verstärkungen kamen nicht mehr. Kohfeldt allerdings ließ derartige Gedanken am Mittwochabend gar nicht erst aufkommen. Sein erstes Statement nach dem Ende der Transferphase hatte sich der 38-Jährige offenbar vorher genau zurechtgelegt, er redete mehrere Minuten lang wie aus einem Guss. Und eines war Kohfeldt besonders wichtig: „Wir müssen uns bei erhöhtem sportlichen Risiko wirtschaftlich konsolidieren. Ich gehe diesen Weg komplett und mit voller Begeisterung mit. Wir alle handeln unter der Prämisse, das Beste für Werder zu tun.“

Von Sportchef Frank Baumann oder der Scouting-Abteilung fühlt sich der Werder-Coach also keinesfalls im Regen stehen gelassen. „Man kann keinem einen Vorwurf machen, weder Frank noch den Scouts. Wir waren vorbereitet und wussten, was wir tun wollen, aber es war eine wirtschaftliche Entscheidung von Werder Bremen“, betonte Kohfeldt. Natürlich hatte der Trainer auf eine zusätzliche Verstärkung gehofft, genauso wie viele Fans. „Aber Werder Bremen befindet sich in einer hochdramatischen finanziellen Lage“, stellte er angesichts der Verluste durch die Corona-Krise und dem gescheiterten Verkauf Milot Rashicas klar. „Das müssen alle verstehen, und wir müssen alle kämpfen.“

Transferziele nicht erreicht

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Trainer, der nun einmal für das Sportliche verantwortlich ist, so viel Verständnis für die wirtschaftlichen Zwänge seines Vereins zeigt. Kohfeldt ist jetzt schließlich derjenige, der dafür sorgen muss, dass das „erhöhte sportliche Risiko“ den Verein nicht in die zweite Liga führt. Er muss sich Woche für Woche eventueller Kritik an den Leistungen seiner Mannschaft stellen. Der Trainer räumte ein: „Aus sportlicher Sicht haben wir unsere Transferziele nicht erreicht. Unser Plan war, bei einem Kader mit Davy Klaassen noch einen Sechser zu holen. Das haben wir nicht geschafft, aber wir waren auf die Millionen aus dem Klaassen-Transfer angewiesen.“

Gerade im Mittelfeld geht Werder nun ein Wagnis ein, daraus machte Kohfeldt keinen Hehl: „An gestandener Bundesliga-Qualität haben wir einiges verloren. Wir haben nicht mehr die Balance im Mittelfeld. Da ist Maxi Eggestein als gestandener defensiver Mittelfeldspieler und dann sind da viele Potenzialspieler, auf die ich mich sehr freue.“ Diese „Potenzialspieler“ durften sich im Testspiel gegen St. Pauli zeigen. Patrick Erras, zuletzt nur auf der Tribüne, spielte im defensiven Mittelfeld und bekam von Kohfeldt ein Lob. Der Ex-Nürnberger hatte mit einem Ballgewinn den dritten Werder-Treffer durch Leonardo Bittencourt eingeleitet, leistete sich allerdings auch einige Unsicherheiten.

Möhwald eine Alternative

Romano Schmid, der in den Pflichtspielen noch keine Chance erhielt, durfte als linker Außenstürmer ran. Dass er mit dem Ball umgehen und ein Spiel schnell machen kann, bewies der Österreicher vor allem in der ersten Halbzeit. Im Zusammenspiel mit dem dynamischen Felix Agu auf der linken Seite bereitete Schmid der Abwehr des Zweitligisten große Probleme. In Zusammenarbeit lieferte das Duo die Vorarbeit für das erste Tor des Abends durch Tahith Chong, noch so einen jungen Spieler mit viel Talent, der später auch den 4:1-Endstand schoss. Mit Josh Sargent traf zudem der Stürmer, auf dem die größten Zukunftshoffnungen ruhen. Nicht mehr ganz so jung, aber wichtig für das Team ist Kevin Möhwald. Er bereitete zwei Treffer vor und ist laut Kohfeldt für das Spiel in Freiburg am 17. Oktober nach der langen Verletzungspause wieder eine echte Alternative.

Der Test gegen St. Pauli brachte also einige positive Erkenntnisse und zeigte, dass Werder über mehrere hoffnungsvolle Talente verfügt. Die Partie bewies aber auch, dass junge Spieler stets Schwankungen unterworfen sind. Nach der Pause setzte der Platzregen ein, und bei den Bremern funktionierte plötzlich kaum noch etwas. Die Hamburger verkürzten zwischenzeitlich durch Boris Tashchy auf 1:3 und hatte weitere Chancen.

Das Spiel lieferte somit die perfekte Untermalung für das, was Florian Kohfeldt zum neuen Werder-Weg noch sagen wollte. „Wir haben diese Potenzialspieler, aber wir brauchen Geduld, Begeisterung und Energie. Wir müssen Pressing spielen, Energie auf den Platz bringen und in jedem Moment den Fokus haben, gegen den Ball zu arbeiten. Das Ziel bleibt dominanter Ballbesitzfußball, nur der Weg dahin ist anders als in den vergangenen Jahren.“ Ist diese Energie und die absolute Fokussierung mal nicht komplett vorhanden, bekommt Werder sofort Probleme, auch gegen St. Pauli. Eines steht für Kohfeldt unter diesen Vorzeichen fest: „Wenn wir am Ende der Saison in der Bundesliga sind und uns wirtschaftlich konsolidiert haben, haben wir alle zusammen einen super Job gemacht.“

Weitere Informationen

Werder: Dos Santos Haesler - Gebre Selassie (46. Rieckmann), Groß, Gruev, Agu - Erras, Möhwald, Bittencourt (46. Eggestein/90. Park) - Chong, Sargent (76. Schönfelder), Schmid

St. Pauli: Smarsch - Ohlsson (56. Zander), Ziereis, Buballa (72. Lankford) - Aremu, Benatelli (72. Becker), Daschner (72. Dittgen), Viet, Flach (72. Zalazar) - Tashchy (72. Kyereh), Burgstaller (72. Senger)

Tore: 1:0 Chong (11.), 2:0 Sargent (15.), 3:0 Bittencourt (35.), 3:1 Tashchy (65.), 4:1 Chong (87.)

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