Verkaufen, verlängern, Kredit aufnehmen?

Die fünf Szenarien im Fall Rashica

Der Millionen-Wechsel von Milot Rashica zu RB Leipzig zieht sich wie Kaugummi. Bei Werder bereiten sie sich deshalb auf verschiedene Szenarien vor - auch für den Fall, dass der Stürmer in Bremen bleiben sollte.
31.08.2020, 16:46
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Die fünf Szenarien im Fall Rashica
Von Jean-Julien Beer
Die fünf Szenarien im Fall Rashica

Top-Einstellung: Milot Rashica lässt sich trotz des ganzen Wechsel-Theaters bei Werder nicht hängen.

nordphoto

Am Wochenende konnte sich jeder Fan davon überzeugen, dass Milot Rashica weiter mit vollem Einsatz bei der Sache ist. Im Testspiel gegen den FC St. Pauli zeigte der Angreifer eine engagierte Leistung und traf mit einem gewaltigen Fernschuss zum 1:0-Sieg für Werder. Auch im Training deutet nichts darauf hin, dass sich der Spieler hängen lässt – auch wenn seine Pläne vorsahen, dass er jetzt, wo der September beginnt, längst im Dress von RB Leipzig trainieren würde. Doch weil sich beide Vereine bei der Ablöse noch nicht einigen konnten, ist Rashica in Bremen, wo er noch bis zum 30. Juni 2022 unter Vertrag steht.

Florian Kohfeldt bestätigt, dass sich Rashica in seinem Alltag bei Werder weiterhin tadellos benimmt. „Er ist einer, dem es auch sehr wichtig ist, was die Mannschaftskollegen über ihn denken“, erklärt der Trainer, „er hat sich nicht verändert, er ist komplett dabei. Unabhängig davon, ob er kommende Saison bei uns spielt oder woanders, ist es ja auch in seinem ureigenen Interesse, sich jetzt gut auf eine Saison vorzubereiten.“

Schließlich startet die Bundesliga in weniger als drei Wochen, rund um den 18. September. Das Transferfenster ist wegen der Corona-Pandemie aber noch bis zum 5. Oktober geöffnet. Wo Rashica dann ist, kann heute niemand vorhersagen. Bei Werder hat man sich inzwischen aber auf verschiedene Szenarien vorbereitet.

Szenario 1: Rashica wechselt zu RB Leipzig

Das wäre allen Beteiligten die liebste Variante. Nach einem Gespräch mit RB-Trainer Julian Nagelsmann ist sich Rashica schon seit März mit Leipzig über die künftige Zusammenarbeit einig (wie der WESER-KURIER damals exklusiv berichtete). Die Ausstiegsklausel in Höhe von etwa 38 Millionen Euro verstrich jedoch, jetzt muss die Summe frei verhandelt werden. In Corona-Zeiten bietet Leipzig dem Vernehmen nach 15 bis 17 Millionen Euro plus Nachschläge, Werder fordert 20 bis 25 Millionen. Sportchef Baumann betont: Wenn sich beide Seiten nicht bewegen, „dann kann es sein, dass der Transfer nicht zustande kommt“. Mit jedem verstrichenen Trainingstag in Leipzig vergrößert sich jedoch auch der Wunsch von Nagelsmann, den neuen Angreifer bei RB integrieren zu können.

Erhöht Leipzig das Angebot, könnte Werder mit der 20-Millionen-Einnahme die noch fälligen Ablösesummen für Niclas Füllkrug (Hannover), Ömer Toprak (BVB) und Leonardo Bittencourt (Hoffenheim) bezahlen und würde sich vor Erleichterung eine Menge Schweiß von der Stirn wischen. „Ich würde das dann wirklich als einen Positiv-Wechsel beschreiben“, sagt Kohfeldt, „es ist völlig legitim, dass Milot mit dem Wunsch an uns herangetreten ist, nach zweieinhalb sehr guten Jahren hier, wo er sich zu einem Topspieler der Bundesliga entwickelt hat, den nächsten Schritt zu gehen und international spielen zu wollen.“ Wenn die Ablöse stimme, sei das „eine runde Geschichte“. Zumal Werder dann einmal mehr in der Branche bewiesen hätte, junge Talente für die Königsklasse ausbilden zu können.

Szenario 2: Rashica wechselt ins Ausland

Aus der Bundesliga gibt es keinen weiteren Interessenten, Dortmund, Bayern und Gladbach haben sich zwar mal nach den Modalitäten eines Transfers erkundigt, wurden aber nie konkreter. Aus England wirbt Aston Villa um Rashica, aber: Vereine dieser Kategorie sind für ihn nicht interessant, weil sie nicht in der Champions League spielen und damit aus sportlicher Sicht kein logischer nächster Karriereschritt wären. Genug Geld ist in England und Italien vor allem durch Investorenmodelle noch im Umlauf. Auch hier würde Werder einem Verkauf sofort zustimmen, wenn 20 bis 25 Millionen Euro fließen. Schließlich braucht Werder das Geld dringend. Weniger dürfte es aber auch hier nicht sein. Kohfeldt betont: „Ich sehe keine Veranlassung, dass Werder auch nur einen Millimeter von seiner Position abweichen sollte.“

Szenario 3: Rashica bleibt und verlängert vielleicht

Wenn Rashica noch eine Saison bleibt, wäre Kohfeldt aus sportlicher Sicht sehr zufrieden: „Er wäre natürlich auch in der neuen Saison einer unserer stärksten Spieler.“ Dass sich der Stürmer nach einem geplatzten Wechsel hängen lassen würde, glaubt Kohfeldt nicht, schließlich wolle Rashica nicht unbedingt weg aus Bremen: „Es ist nicht so, dass er sagt: Ich kann hier mit dem Trainer nicht oder ich kann mit der Mannschaft nicht. Er mag Werder Bremen, der Junge fühlt sich pudelwohl hier. Er weiß, dass er sich auch hier weiterhin gut entwickeln kann. Und wenn er am 6. Oktober noch hier ist, sind wir alle froh.“

Möglich wäre dann ein Deal: Werder verlängert den Vertrag um ein weiteres Jahr, gewährt dem Spieler aber eine Ausstiegsklausel, die bei 20 bis 25 Millionen Euro liegt. Dann könnte Rashica kommenden Sommer völlig eigenständig wechseln. Aktuell würde diese Variante Werder jedoch vor finanzielle Probleme stellen, und sie würde weitere Szenarien wahrscheinlich machen...

Szenario 4: Andere Stammspieler gehen

Wenn Rashica bleibt, wären einige wirtschaftliche Dinge zu berücksichtigen. Denn für ein erträgliches bilanztechnisches Ergebnis im Geschäftsjahr braucht Werder Transfereinnahmen, in Coronazeiten mehr denn je. Natürlich würden dabei auch andere Spielerverkäufe helfen. Um auf das Volumen eines ­Rashica-Transfers zu kommen, müsste Werder dann aber bis zum 5. Oktober schon zwei bis drei potenzielle Stammspieler verkaufen. Im Moment sieht es nicht so aus, als würde es so viele Angebote geben für die Bremer Spieler – zumal sie ihren Marktwert durch die historisch schwache Saison verschlechtert haben, bei Werder aber noch mit einem angenehm ausgestatteten Millionenverdienst unter Vertrag stehen. Aber bis Oktober kann noch eine Menge Bewegung in den Markt kommen, vor allem, sollten andere Teams von Verletzungspech betroffen sein. Unwahrscheinlich ist nur, dass Werder Rashica und zwei bis drei weitere Stammkräfte verkaufen würde – denn dann wäre die Mannschaft mangels Substanz dem Abstieg geweiht.

Szenario 5: Ein Kredit ersetzt den Transfer

Das klingt ungewöhnlich, ist aber nicht völlig unwahrscheinlich. Die Einnahmen aus dem Rashica-Verkauf braucht Werder wohl nicht nur zur Tilgung alter Transferschulden, sondern auch, um die weitere Liquidität zu sichern in einer Zeit, in der ohne Zuschauer Einnahmen in zweistelliger Millionenhöhe wegbrechen. Das beantragte Kfw-Darlehen würde bis Saisonende kaum ausreichen. Ein weiterer Kredit könnte Werder helfen, auch ohne die Rashica-Millionen die nächsten Monate bis zum Saisonende zu überstehen. Absichern könnte man den Kredit durch das Land Bremen oder durch die neue Ausstiegsklausel im Vertrag des Spielers. Die Aussicht auf 20 bis 25 Millionen Euro Transfereinnahme im kommenden Sommer wird einige Banken zumindest nicht abschrecken. Zumal Werder mit ihm erfolgreicher und damit ertragreicher in der Bundesliga abschneiden könnte.

Klar ist nur, dass ein Verkauf von Rashica für Werder in Coronazeiten nicht den erhofften Rekord-Transfer bedeuten würde. Die Bestmarke datiert immer noch aus dem Jahr 2009, als Juventus Turin 27 Millionen Euro für Spielmacher Diego zahlte. Kohfeldt springt Manager Baumann hier zur Seite und forderte am Wochenende bei Werder.tv: „Man sollte die Erwartungen in einem gesunden Rahmen halten. Man darf jetzt nicht erwarten, dass man 50 Millionen bekommt, es ist wegen der Pandemie eine andere Zeit geworden. Man dürfte einen Transfer bei Rashica also nicht daran messen, was vor einem Jahr möglich gewesen wäre, sondern daran, was in der aktuellen Situation realistisch ist.“

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