Werders Gegner Bielefeld in der Analyse

Meister des Hase-und-Igel-Spiels

Arminia Bielefeld mag wie eine graue Maus erscheinen - in Wirklichkeit spielt der Aufsteiger aber einen sehr gepflegten, klar strukturierten Fußball mit einigen ungewöhnlichen Protagonisten.
03.10.2020, 12:42
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Rommel
Meister des Hase-und-Igel-Spiels

Fabian Klos ist mit seiner Kopfballstärke ein wesentlicher Bestandteil des Bielefelder Offensivspiels.

dpa

Das sind Bielefelds Stärken:

Ordnung und Struktur will im Prinzip jede Mannschaft haben, Arminia Bielefeld füllt diese beiden Worthülsen aber mit Leben. Trainer Uwe Neuhaus hat aus einem Abstiegskandidaten der 2. Liga einen Bundesligisten geformt, er hat dabei den Fußball aber nicht neu erfunden. Neuhaus ist ein eher konservativer Trainer, lässt seine Mannschaft fast ausschließlich in Viererkettenformationen auflaufen und setzt auf ständig wiederkehrende Muster, sowohl mit als auch gegen den Ball.

In der Regel richtet sich die Mannschaft im 4-3-3, im 4-2-3-1 oder auch in einem flachen 4-4-2 aus. Bielefeld konzentriert sich dabei auf die Passwege des Gegners und darauf, die Räume besonders im Mittelfeld zu schließen. Das Pressing der Mannschaft variiert je nach Gegner und dessen Aufbauidee in seiner Art und Anlaufhöhe, zwischen Mittelfeld- und Phasen des Angriffspressings ist alles dabei.

Die Arminia kann schnellen Zugriff auf die gegnerischen Innenverteidiger herstellen oder aber eher kompakt im Block mit Abwehrreihe und Mittelfeld stehen und bedient sich dafür ganz klassischer Kettenmechanismen im Verschieben. Daran ist nichts besonders speziell oder riskant, sondern alles auf die Grundsicherung des eigenen Tores ausgelegt. Und es funktioniert: In der kompletten vergangenen Saison gab es in allen Pflichtspielen nur zwei Partien, in denen Bielefeld mehr als zwei Gegentore kassierte. Dafür gab es aber gleich 15 Spiele zu Null. Auch in den Pflichtspielen bisher kassierte die Arminia zwei Mal nur ein und zuletzt gegen Köln gar kein Gegentor.

Noch deutlich auffälliger als die Defensivbewegung der Mannschaft ist das Spiel mit dem Ball. Neuhaus hat eine ganz eigene Spielweise etabliert, die zwar aus längst bekannten Bausteinen besteht, in ihrer Ausführung aber ziemlich eigenwillig ist. Das Positionsspiel der Mannschaft ist der Schlüssel zu allem. Abstände, Positionen, Ballvortrag: Das ist alles klar und sauber strukturiert und organisiert und die Mannschaft ist mittlerweile perfekt darauf eingestellt.

Bielefeld baut fast immer mit zwei sehr breit stehenden Innenverteidigern auf, die sich tief und fast an der Seitenauslinie positionieren. Aus beiden Innenverteidigern, dem einen Sechser im 4-3-3 (im Ballbesitz) und Torhüter Stefan Ortega bildet sich eine Raute, die Bielefeld gleich mehrere Vorteile bietet: Durch das breite Auffächern der Innenverteidiger wird das Pressing des Gegners extrem gestreckt, die anlaufenden Angreifer müssen sehr lange Wege zurücklegen, wenn sie Druck aufbauen wollen. Der Sechser bietet in der Schnittstelle in deren Rücken eine offensive Anspieloption, um dann schnell aufzudrehen, während Ortega eine Sonderrolle zukommt.

Der Keeper geht eigenen Zuspielen immer auch nach, agiert wie ein zusätzlicher Feldspieler, traut sich Vertikalpässe ins Zentrum ebenso zu wie flache Zuspiele unter Druck auf einen Innenverteidiger. In dieser Raute löst Bielefeld auch starke Drucksituationen absolut ruhig und sauber auf oder arbeitet auf das hin, was man den Plan B nennen könnte: Wird der Druck zu groß oder ein kurzes Anspiel zu riskant, erfolgt der lange Ball in die Spitze auf den zweiten Schlüsselspieler Fabian Klos.

Während andere Mannschaften aus einer gewissen Verlegenheit heraus lange, vermeintlich neutrale Bälle ins Mittelfeld schlagen, ist dies bei der Arminia ein zentraler Bestandteil des Offensivplans. Das leicht schmuddelige Image langer Bälle kommt in Bielefelds Spiel aber gar nicht erst auf. Vielmehr schafft es die Mannschaft, den Gegner permanent vor das Problem zu stellen, ob er jetzt ins Pressing aufrücken kann oder nicht.

Der tiefe Aufbau der Arminia ist so stark und in der Regel makellos ausgeführt, dass der Gegner mehrere Spieler weiter vorne im Feld abstellen muss, um in dieser Spielzone so etwas wie Druck aufzubauen. Bielefeld lockt den Gegner also bewusst nach vorne, um dann die dahinter geöffneten Räume sofort und dank des sehr guten Fußballers Ortega auch zielgenau mit einem langen Schlag zu bespielen. Dieses Hase-Igel-Spiel betreibt die Mannschaft bis zum Exzess und oft genug in Perfektion.

Weil aber auch das Positionsspiel ausgereift wirkt und Bielefeld ebenfalls gegen einen tieferstehenden Gegner in dessen Abwehrdrittel Möglichkeiten findet - über schnelle, kurze Ballzirkulationen, über Diagonalbälle auf die Seite ausbrechende Angreifer, über Tiefenpässe, über lange Bälle und abschließende Ablagen, über Flanken - bleibt die Mannschaft schwer ausrechenbar und der Gegner muss quasi immer erst reagieren und kann nicht so aktiv wie gewohnt pressen.

Das sind Bielefelds Schwächen:

Die mannschaftliche Geschlossenheit und das Auftreten als Einheit sind überragende Kennzeichen der Mannschaft - die individuelle Unterlegenheit des Teams kann aber auch dieses starke Gerüst nicht immer kaschieren. Bielefeld verfügt über einen, bei allem Respekt, Low-Budget-Kader, vollgepumpt mit zwar talentierten Spielern, denen durchaus auch noch Entwicklungspotenzial attestiert werden kann, die aber fast durch die Bank nicht über Erfahrung in der Bundesliga verfügen. Und auf dem Papier und als Einzelspieler betrachtet bringen sie nicht immer das nötige Niveau mit.

Es dürfte nicht nur für dieses eine Spiel gegen Werder, sondern auch auf Sicht in der langen Saison das größte Problem für Neuhaus werden, inwieweit die unterdurchschnittliche individuelle Qualität sich auswirkt und ob die fehlende Kadertiefe, besonders in der Defensive, nicht noch zu einer eklatanten Schwäche wird.

In den Testspielen und nun auch in den ersten drei Pflichtspielen der neuen Saison zeigte die Mannschaft ein paar unterschiedliche Probleme im Offensivspiel. Es fehlt an Zielstrebigkeit und dieser gewissen Leichtigkeit, mit der Bielefeld in der vergangenen Saison scheinbar mühelos immer noch einen Gang höher schalten konnte. Das kann mit der gehobenen Qualität der Gegner zu tun haben, beim Pokal-Aus gegen Viertligist Essen war die frappierend schlechte Chancenverwertung das größte Problem.

Die durchaus körperbetonte Spielweise passte ganz gut zur 2. Liga, könnte sich aber gegen bessere Einzelspieler in der Bundesliga noch als Schwachstelle herausstellen, in Form von zu vielen Freistößen für den Gegner oder Verwarnungen für die Arminia. Das flügellastige Spiel im letzten Drittel ist einigermaßen leicht zu durchschauen, auch die langen Bälle in die Spitze samt folgender Ablage können ein Rezept sein - sind aber für gefestigte Bundesligisten auch vergleichsweise leicht zu verteidigen.

Das ist der Schlüsselspieler:

Fabian Klos ist nicht nur der gefährlichste Angreifer der Mannschaft, sondern auch deren Kapitän und Kopf und als Zielspieler in der Offensive nicht zu ersetzen. Klos‘ Gegenstück auf der anderen Seite des Spielfelds ist Stefan Ortega. Der ist selbst für Bundesligaverhältnisse ein recht außergewöhnlicher Torhüter, weil er so unglaublich viele Szenen mit dem Ball am Fuß spielerisch lösen kann und als erster Aufbauspieler auch den wichtigsten Part einnimmt: Ortega entscheidet allein mit seinem Passspiel, wie ein Angriff fortgeführt werden soll. Andere Mannschaften lösen ihre Angriffe über die Innenverteidiger, den Sechser, vielleicht auch mal die Außenverteidiger auf. Bielefeld nutzt dafür Ortegas fußballerische Fähigkeiten und überlässt diesen Part zu großen Teilen seinem Torhüter. Und weil Ortega auch ganz gut Bälle halten kann, gilt er als zwar immer noch etwas unterschätzter, aber doch sehr guter (Bundesliga-)Keeper.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+