Werder-Gegner Schalke in der Analyse Am Abgrund

Der FC Schalke 04 steht vor dem Spiel gegen Werder mit dem Rücken zur Wand. Um das Unmögliche doch noch möglich zu machen, helfen nur noch Siege. Aber wie soll das gelingen?
29.01.2021, 09:31
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel

Im Kontext mit Horst-Gregorio Canellas aufzutauchen, war schon vor 50 Jahren ein eher zweifelhaftes Vergnügen für den FC Schalke 04. Der ehemalige Präsident der Kickers Offenbach brachte einst den Bundesligaskandal ins Rollen und mit ihm Schalke gehörig ins Wanken - immerhin steckte eine ganze Reihe Schalker Spieler tief mit drin im Sumpf aus Betrügereien und verschobenen Spielen.

Canellas war für die Kickers damals alles - Präsident, Mäzen und irgendwann sogar Trainer. Und so schaffte es Offenbach in der Skandal-Saison auch zu einem anderen traurigen Rekord: Fünf verschiedene Trainer versuchten sich an der Rettung. Die Kickers stiegen am Ende trotzdem ab.

Schalke will mit Transfers gegensteuern

Schalke 04 hat in der Hinserie schon drei Trainer verschlissen, derzeit darf sich Christian Gross als Nummer vier daran versuchen, das Unmöglich doch noch möglich zu machen. Gross haben die Schalker aus dem vorzeitigen Ruhestand zurück in die Bundesliga geholt, davor hatte er Al-Ahli Dschidda betreut, einen Erstligisten aus Saudi-Arabien. Mit Gross gelang immerhin der erste und bisher einzige Saisonsieg gegen Hoffenheim. Es setzte aber auch schon wieder vier Niederlagen und nach den ersten paar Wochen kann man feststellen: Es hat sich kaum etwas verändert auf Schalke.

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Klar sind ein paar neue Spieler gekommen, Sead Kolasinac und Klaas Jan Huntelaar sind echte Herz-Schmerz-Transfers mit einem gewissen Nostalgiefaktor, dazu kam vor wenigen Tagen noch Wolfsburgs William. Schalke hat damit auf die Probleme auf den defensiven Außenbahnen reagiert und sich womöglich sogar wirklich individuell verstärkt.

Aber wie soll eigentlich Huntelaar eingebaut werden? Der ist eher ein Strafraum-Stürmer, war noch nie der Schnellste und ist mittlerweile 37 Jahre alt. Schalkes Offensivkonzept sieht aber schnelle Umschaltmomente vor und lange Bälle in die Spitze. Woher Huntelaar das nötige Futter bekommen soll, um seine zweifelsfrei immer noch enorme Abschlussqualität zu beweisen, erscheint unklar. Zumindest macht Gross bisher keine Anstalten, Schalkes Spiel in diese Richtung zu lenken. Gegen Werder dürfte der Hunter erstmals im Schalker Kader stehen.

Defensive Ausrichtung und Probleme

Zur Konstanz des Scheiterns auf Schalke gehört auch, dass sich keiner der bisher eingesetzten Trainer getraut hat, an der Spielausrichtung grundsätzliche Änderungen vorzunehmen. Am ehesten konnte man dies wohl noch Manuel Baum zuschreiben. Aber seitdem: Stagnation auf allen Ebenen. Schalke will defensiv in einem kompakten 4-4-2-Block stehen, bekommt das aber nie flächendeckend hin. Grundsätzlich gilt im Spiel gegen den Ball das Prinzip, den Gegner nicht ins Zentrum kombinieren zu lassen, sondern ihn schon mit dem Anlaufen auf die Flügel zu drängen, dort zu isolieren und im besten Fall einen Ballgewinn zu erzielen.

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Auch weniger begabte Mannschaften ziehen die Formation aber immer wieder auseinander und schaffen große Schnittstellen im Schalker Verbund. Die Abstände werden zu groß, die Zuständigkeiten sind nicht mehr genau geregelt, das gegenseitige Absichern dadurch erschwert und am Ende ist es eine Frage der Zeit, bis das erste Gegentor fällt.

Wo ist das Offensivkonzept?

Schalke kompensiert das mit jeder Menge Laufarbeit und Leidenschaft, den Willen kann man der Mannschaft garantiert nicht absprechen. Aber das Drumherum bleibt eine unvollendete Komposition. Denn treuer Begleiter der wieder größer werdenden Probleme in der Defensive bleibt auch die erschreckende Harmlosigkeit im eigenen Ballbesitz.

Zwar kommt Schalke durch die Geschwindigkeit oder eine Einzelleistung seiner Angreifer im Umschalten immer mal wieder zu einem vernünftigen Torabschluss. Sobald die Mannschaft aber aus dem geordneten Spiel heraus Gefahr kreieren soll, versagen die Systeme. Und sobald das erste Tor der Gegner erzielt, ist die Partie fast schon gelaufen. Den letzten Schalker Sieg nach einem Rückstand gab es im November 2019.

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Auch Gross ist es bisher nicht gelungen, griffige Konzepte im eigenen Offensivspiel zu entwickeln, die einen Gegner auch mal in Bewegung und damit ins Schlingern bringen könnten. Stattdessen spitzt sich die Hoffnung auf Einzelspieler zu, auf den verlorenen Sohn Huntelaar, auf den neuen Kapitän Kolasinac, auf den 19-jährigen Matthew Hoppe. Das ist schon sehr dünn, weil man aus taktischer Sicht doch konstatieren muss: Im letzten Jahr hat Schalke das Mindestmaß an Bundesligatauglichkeit verloren.

Schalke braucht acht oder neun Siege

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Mannschaft nicht im Weserstadion gewinnen könnte. Aber die Ausgangslage für einen Sieg gegen Werder ist doch ziemlich schlecht. Schalke hat noch 16 Spiele, um an die 30 bis 33 Punkte einzufahren. So viele sollten nötig sein, um wenigstens die Relegation zu erreichen. Das wären umgerechnet acht oder neun Siege. Bisher hat die Mannschaft einen aus 18 Spielen geschafft.

Die Devise kann also nur noch lauten, mit deutlich größerem Risiko nach vorne zu spielen. Denn Unentschieden helfen jetzt nicht mehr weiter. Aber wie soll das eine Mannschaft schaffen, deren größtes unter vielen anderen Problemen das Spiel im eigenen Ballbesitz ist? Und die gegen eine Mannschaft antritt, die in dieser Saison gelernt hat, solide zu verteidigen?

Schalke steuert auf den Abgrund zu und bisher hat Christian Gross nicht gezeigt, dass er das Ruder irgendwie herumreißen könnte. Der bisher erzielte Schnitt von 0,6 Punkten pro Spiel wird für den Klassenerhalt jedenfalls nicht reichen. Und wem würde man einen vierten Trainerwechsel innerhalb einer Saison zutrauen, wenn nicht Schalke 04 in diesen wilden Zeiten?

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