Der große Konkurrenzkampf im Werder-Sturm

Sargent in der Pole-Position

Im Werder-Angriff tobt in der Saisonvorbereitung ein Konkurrenzkampf, wie es ihn lange nicht mehr gab. Acht Angreifer buhlen um maximal drei Plätze, und jeder von ihnen hat schon Pluspunkte gesammelt.
30.08.2020, 17:16
Lesedauer: 5 Min
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Sargent in der Pole-Position
Von Christoph Bähr
Sargent in der Pole-Position

Acht Stürmer kämpfen um die Stammplätze bei Werder: Tahith Chong, Josh Sargent, Yuya Osako, Niclas Füllkrug, Milot Rashica, Johannes Eggestein, Nick Woltemade und Davie Selke.

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Die Frage, wer die Tore schießen soll, begleitete Werder durch die vergangene Saison. Egal wer stürmte, die Bremer trafen einfach zu selten. In der laufenden Saisonvorbereitung muss die Frage dagegen lauten: Wer darf die Tore schießen? Alle Angreifer betrieben bisher mächtig Eigenwerbung und machen es Florian Kohfeldt schwer, sich auf eine Sturmreihe festzulegen. „Wenn wir vorne in der Konstellation zusammenbleiben, habe ich ein paar Probleme – aber gute Probleme“, sagte der Werder-Trainer nach den Testspielsiegen gegen Groningen und St. Pauli in Lohne.

Die Bremer haben bislang alle fünf Partien der Sommervorbereitung gewonnen und dabei insgesamt 15 Treffer erzielt. Zwölf davon gehen auf das Konto der Angreifer. Mit Blick auf die Offensive spricht Kohfeldt gerne von einem „Rennen um die Stammplätze“. Rund zwei Wochen vor dem Pflichtspielstart gegen Jena im Pokal hielt er fest: „Ich sehe keinen, der sich verabschiedet hat aus dem Rennen. Mir wird nicht langweilig beim Überlegen.“ Gleich acht Angreifer kämpfen um maximal drei Plätze.

Josh Sargent

Im Vorfeld der Spiele in Lohne überraschte Kohfeldt mit einer Aussage: „Josh ist in der Pole Position. Ich kann mir momentan keine Startelf ohne Josh vorstellen.“ Eine Einsatzgarantie sei das noch nicht, fügte der Coach hinzu. „Aber Josh kommt nicht mehr aus der Herausforderer-Rolle.“ Sargent kommt seine Flexibilität zugute. In einem System mit drei Stürmern kann er in der Mitte spielen, aber auch über die rechte Seite kommen. Bei einem System mit zwei Stürmern kann der 20-Jährige als zweite Spitze eingesetzt werden. „Die Flexibilität, die spielerische Stärke, die Physis, die Arbeit für das Team gegen den Ball, ein weiterer Schritt im taktischen Verständnis – es spricht extrem viel für ihn“, unterstrich Kohfeldt. Gegen Sargent sprechen die ausbaufähigen vier Tore in 34 Pflichtspielen der vergangenen Saison. „Er war immer grundsätzlich ein sehr torgefährlicher Stürmer, auch wenn ihm das letzte Saison abging. Aber der Abschluss ist immer noch seine große Stärke“, sagte Kohfeldt. In den Testspielen kommt Sargent schon auf zwei Tore. Sein Treffer gegen Groningen, vor dem er sich im Strafraum geschickt behauptet hatte, sei außergewöhnlich gewesen, schwärmte Kohfeldt.

Niclas Füllkrug

Eigentlich gilt Füllkrug als Werders Stürmer Nummer eins, daher überraschte Kohfeldts Aussage zu Sargents Pole-Position. Seine Rückkehr nach einem Kreuzbandriss sehnten alle in Bremen herbei, und dann schoss der 27-Jährige in der Endphase der Saison noch zwei Tore. In der Vorbereitung traf Füllkrug bisher einmal, wird aber nach der langen Verletzungspause auch mit Bedacht aufgebaut. In Lohne gehörte er zu den wenigen Spielern, die nicht 90 Minuten lang auf dem Platz standen. „Mit seinen Fähigkeiten ist Lücke immer wichtig“, betonte Kohfeldt. Dass Füllkrug beim Saisonstart nur auf der Bank sitzt, ist schwer vorstellbar.

Tahith Chong

Steht der Leihspieler von Manchester United auf dem Platz, zieht er immer viele Blicke auf sich. Das liegt nicht nur an der auffälligen Frisur, sondern vor allem an den beeindruckenden Antritten. Bekommt Chong etwas Platz, ist der schnelle Flügelstürmer kaum zu halten – so wie bei seinem ersten Werder-Treffer gegen Groningen. „Er hat sich gut eingefügt und hat sich mit dem Tor belohnt, hat aber auch die Mitspieler sehr gut eingesetzt“, lobte Sportchef Frank Baumann. Kohfeldt betonte, dass der 20-Jährige ihm viel Spaß bereite, aber noch am Defensivverhalten arbeiten müsse. Spielt Werder mit drei Angreifern, hat Chong gute Chancen auf einen Startelfplatz.

Davie Selke

Er war die Enttäuschung der Rückrunde. Als Hoffnungsträger in der Winterpause von Hertha BSC ausgeliehen, kam Selke am Ende gar nicht mehr zum Einsatz. In der Vorbereitung ist dem 25-Jährigen anzumerken, dass er es unbedingt besser machen will. Selke hängt sich voll rein und erzielte schon zwei Treffer. „Wir wissen, was er kann“, betonte Kohfeldt schon mehrmals. Das Experiment, mit Selke und Füllkrug zwei Zentrumsstürmer aufzustellen, klappte gegen St. Pauli allerdings nicht. Ein wirkliches Zusammenspiel zwischen den beiden war nicht erkennbar, eine Großchance vergab Selke zudem, weil er zu lange zögerte. Trotz der guten Ansätze in den Testspielen dürfte er es schwer haben, seinen Platz im Team zu finden.

Johannes Eggestein

Nachdem er in der Endphase der vergangenen Saison nicht einmal mehr im Kader stand, war Eggestein schon fast abgeschrieben. Aktuell zeigt der 22-Jährige aber, dass er eine echte Alternative im Angriff sein kann. Mit drei Treffern ist er bislang der beste Torschütze der Saisonvorbereitung. Dass er nur noch als Stürmer eingeplant wird, tut Eggestein sichtlich gut. „Wir haben gesagt, dass vorne in der Dreierreihe seine Position ist. Oder als zweiter Stürmer. Auf jeden Fall in der vorderen Reihe“, sagte Kohfeldt. Der Versuch, Eggestein zum Mittelfeldspieler umzuschulen, wurde somit ad acta gelegt.

Milot Rashica

Er war eigentlich schon weg, doch ist immer noch da. Mit Rashicas Wunschverein RB Leipzig gibt es weiterhin keine Annäherung bezüglich der Ablösesumme. Also spielte der Flügelstürmer gegen St. Pauli im Werder-Trikot und zeigte bei seinem herrlichen Weitschusstor, über welch besondere Fähigkeiten er verfügt. „Das kann man mal so machen“, kommentierte Kohfeldt grinsend. Baumann lobte die Schussstärke des 24-Jährigen, der in der Vorbereitung kaum spielte, aber trotzdem zwei Tore schoss. Gut möglich, dass Rashica noch wechselt. Steht er aber zum Pflichtspielstart noch bei Werder unter Vertrag, dürfte Kohfeldt kaum auf seine Qualitäten verzichten wollen.

Yuya Osako

Osako wurde in der vergangenen Saison oft und hart kritisiert. Der 30-Jährige wehrte sich im Abstiegskampf zu wenig, macht nun in der Vorbereitung aber im Training und in den Testspielen einen entschlosseneren Eindruck. „Mich freut es, dass das jetzt wahrgenommen wird“, sagte Kohfeldt. „Aus meiner Sicht wird in der Öffentlichkeit durchaus ein falsches Bild von Yuya gezeichnet. Wenn man gegen St. Pauli wieder gesehen hat, wie oft er gefoult wurde: Dass es irgendwann nicht mehr geht und er liegen bleibt, kann ich gut nachvollziehen. Ich bitte die Schiedsrichter: Schützt solche Spieler!“ Zudem habe Osako zwei, drei Pässe gespielt, „die spielt sonst keiner“, schwärmte Werders Trainer. Der Japaner, der in der Vorbereitung einmal traf, steht bei Kohfeldt also weiterhin hoch im Kurs. Als hängende Spitze oder auf der Zehner-Position in einer Mittelfeldraute stehen seine Einsatzchancen daher gut.

Nick Woltemade

Er ist der einzige Werder-Angreifer, der in den Testspielen noch nicht erfolgreich war. Trotzdem hat Woltemade viele Pluspunkte gesammelt. Gegen Groningen zeigte der 18-Jährige eine überragende Leistung als offensiver Mittelfeldspieler. Woltemade kann zudem im Sturm oder als hängende Spitze spielen. Dass Werder ihn jetzt in Absprache mit dem Deutschen Fußball-Bund nicht zur U 19-Auswahl entsendet, zeigt, wie nahe dran der gebürtiger Bremer an der ersten Elf ist. „Für ihn ergibt es Sinn, bei uns zu bleiben. Die letzten Tage der Vorbereitung sind für ihn wichtig“, erklärte Baumann.

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