Hart erkämpfter 1:0-Sieg in Freiburg

Werder schafft Befreiungsschlag

Werder kann doch noch gewinnen. Nach sieben sieglosen Ligaspielen in Serie setzten sich die Bremer in Freiburg mit 1:0 durch und überzeugten dabei zumindest kämpferisch.
23.05.2020, 20:17
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Werder schafft Befreiungsschlag
Von Christoph Bähr
Werder schafft Befreiungsschlag

Leo Bittencourt (links) blickt nach seinem Tor zum 1:0 gen Himmel. Neben dem Torschützen: Maximilian Eggestein und Josh Sargent.

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Als wäre dieses Spiel für Werder im Abstiegskampf nicht ohnehin schon wichtig genug gewesen, hatte Florian Kohfeldt der Partie beim SC Freiburg im Vorfeld noch jede Menge zusätzliche Bedeutung verliehen. „Ich sehe es so, dass ich nach wie vor der Beste bin auf dieser Position – aktuell“, hatte der Bremer Trainer angesichts der zunehmenden Kritik an seiner Person gesagt. Eine mutige Aussage, einige werteten sie sogar als arrogant. Kohfeldt wollte damit aber wohl vor allem seine Mannschaft unter Zugzwang setzen. Der Trainer stellte sich hart in den Wind, und die große Frage lautete: Würden die Spieler ihn zum wiederholten Male alleine dort stehen lassen? Die Antwort: Nein. Werder glänzte am Sonnabend in Freiburg zwar keineswegs, aber die Mannschaft nahm den Kampf an und verdiente sich somit einen knappen 1:0-Erfolg. Es war der erste Bremer Sieg nach sieben Ligaspielen ohne dreifachen Punktgewinn.

Kohfeldt hatte genau das gesehen, was er sich von seinem Team erhofft hatte. „Wir haben alle Emotionen reingeworfen, alle Mentalität die wir zur Verfügung hatten", betonte Werders Coach. Wie sehr ihn dieses Spiel mitgenommen hatte, zeigte sich nach dem Abpfiff, als Kohfeldt erst einmal schnell in der Kabine verschwand. "Das war Selbstschutz, weil ich natürlich den einen oder anderen gerne in den Arm genommen hätte, aber das geht in diesen Zeiten nicht. Deswegen bin ich rein gegangen, habe mich auf meinen Stuhl gesetzt und mich gefreut", erzählte er.

Sargent ersetzt Selke

Kohfeldt hatte in der Startelf neun Spielern vertraut, die beim 1:4 gegen Leverkusen zum Re-Start nach der Corona-Pause enttäuscht hatten. Nur Davy Klaassen kehrte nach seiner Gelbsperre ins Team zurück und verdrängte Philipp Bargfrede aus dem zentralen Mittelfeld. Dazu erhielt Josh Sargent für den zuletzt enttäuschenden Davie Selke seine Chance im Sturmzentrum. Echte Konsequenzen der Misere gab es lediglich auf der Reservebank zu sehen, denn dort saß weder Johannes Eggestein noch Nuri Sahin. Beide hatte Kohfeldt offenbar aus dem Kader gestrichen, von Verletzungen ist nichts bekannt.

Im fast leeren Freiburger Stadion fand Werder gut in die Partie. Der Einsatz stimmte, die Körpersprache war viel entschlossener als gegen Leverkusen, in der Defensive halfen sich die Bremer gegenseitig, und nach vorne ergaben sich durchaus Chancen. Klaassen schob etwa einen Abpraller in die Arme des Freiburger Keepers Alexander Schwolow (8.).

Von Freiburg kam dagegen zunächst nicht viel, weil Werder, ganz ungewohnt, bei den gefürchteten Standardsituationen der Gastgeber hellwach war. Nur einmal mussten die Gäste kurz schlucken, als Roland Sallai knapp vorbei schoss (17.). Insgesamt aber war Werder das bessere Team und wurde dafür belohnt. Initiator des Führungstreffers war ausgerechnet Marco Friedl, der trotz seiner schwachen Vorstellung gegen Leverkusen erneut anstelle des verletzten Ludwig Augustinsson spielen durfte. Der junge Österreicher gewann einen Zweikampf gegen Sallai mit viel Entschlossenheit und leitete den Ball weiter zu Klaassen, der einen herrlichen, öffnenden Pass in die Spitze spielte. Dort hatte Leonardo Bittencourt, der gegen Leverkusen noch eine Großchance überhastet vergeben hatte, freie Bahn und traf per Flachschuss aus 17 Metern zum 1:0 (19.). „Wir wussten alle um die Wichtigkeit dieses Spiels“, betonte der Siegtorschütze später.

An der Seitenlinie bejubelte Kohfeldt den Treffer am lautesten und ordnete dann eine Dreierkette an. Bis dahin hatte sich Kevin Vogt oft ins Mittelfeld nach vorne geschoben, jetzt blieb er weiter zurück auf einer Linie mit Niklas Moisander und Milos Veljkovic. Das Spiel verlief fortan ausgeglichen ohne große Aufreger, und Werder nahm den 1:0-Vorsprung mit in die Pause. Ganz ohne schlechte Nachrichten geht es bei den Bremern derzeit allerdings nicht: Vogt musste in der 34. Minute verletzt vom Feld und wurde durch Philipp Bargfrede ersetzt. Der Werder-Verteidiger hatte sich eine Hüftprellung zugezogen, die Ausfallzeit ist noch unklar.

Die sichtbare Verunsicherung

Das erste Ausrufezeichen der zweiten Hälfte setzte dann Friedl, der erneut eine mutige Aktion zeigte. Gleich drei Freiburger ließ der Linksverteidiger stehen, doch seine Hereingabe kam nicht an (48.). „Wir haben alles reingeworfen, wir haben wichtige Zweikämpfe gewonnen. So musst du spielen im Abstiegskampf“, betonte Friedl. Allerdings überließen die Bremer den Freiburgern im Verlauf der zweiten Hälfte zunehmend die Spielkontrolle. „Nach dem 1:0 haben wir nicht mehr den Fußball gespielt, den wir eigentlich spielen wollten. Das liegt ein Stück weit an der Verunsicherung“, sagte Bittencourt.

Freiburgs Sallai scheiterte an Werder-Torwart Jiri Pavlenka (55.), ansonsten blieben die Gastgeber trotz deutlich mehr Ballbesitz zumeist ungefährlich. Das bekannte Freiburger Flügelspiel verteidigten die Bremer aufmerksam, nur wie lange würde das gut gehen? In der 61. Minute hielt Pavlenka einen verdeckten Schuss von Lucas Höler überragend. In der turbulenten Schlussphase musste erst Friedl verletzt runter (82.), ehe Bargfrede die Gelb-Rote Karte sah (88.).

Werder zitterte dem Abpfiff entgegen, als der Ball plötzlich im Bremer Tor lag. Nils Petersen hatte an den Pfosten geschossen und Manuel Gulde den Fuß hingehalten (89.). Blankes Entsetzen bei den Bremern, doch Schiedsrichter Robert Hartmann sah sich die Szene noch einmal auf dem Monitor an und erkannte die knappe Abseitsstellung von Petersen – kein Treffer. Nach sechs Minuten Nachspielzeit war dann Schluss und die Bremer atmeten kollektiv durch. Die Abstiegsgefahr ist immer noch riesengroß, aber die Hoffnung auf den Klassenerhalt ist beim Tabellenvorletzten durch den fünften Saisonsieg etwas größer geworden. Kohfeldt hielt fest: „Das war ein erster Schritt, nicht mehr.“

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