Wie Werder das Gladbach-Spiel angeht

Das Warten auf den Wendepunkt

Florian Kohfeldt äußerte sich vor dem Gladbach-Spiel betont vorsichtig. Werder hat zwar gerade gegen Freiburg gewonnen, doch nach wichtigen Siegen brachen die Bremer in dieser Saison dreimal direkt wieder ein.
25.05.2020, 17:43
Lesedauer: 4 Min
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Das Warten auf den Wendepunkt
Von Christoph Bähr
Das Warten auf den Wendepunkt

Florian Kohfeldt und die Mannschaft haben am Montag das Parkhotel bezogen, um sich auf das Gladbach-Spiel vorzubereiten.

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Florian Kohfeldt hat in dieser Saison schon so einige Dinge versprochen. Halten konnte er sie oftmals nicht. Auch deshalb war Werders Trainer womöglich betont vorsichtig, als er darüber sprach, ob der Sieg in Freiburg die Wende zum Besseren sein könnte. „Ich sitze hier nicht komplett hoffnungsfroh“, sagte Kohfeldt während der Pressekonferenz zum Spiel gegen Mönchengladbach (Dienstag, 20.30 Uhr). Es waren ungewöhnliche Worte von jemandem, der normalerweise immer optimistisch auftritt. Nachvollziehbar werden sie aber beim Rückblick auf eine bislang völlig verkorkste Werder-Spielzeit, in der schon dreimal ein vermeintlicher Wendepunkt erreicht war, nach dem dann aber alles noch schlimmer wurde.

Anfang Dezember gewann Werder in Wolfsburg, und Kohfeldt sagte: „Dieser Sieg wird uns etwas geben für die kommenden Wochen.“ Was folgte, waren vier Niederlagen bis Weihnachten. Nach der Winterpause erkämpften sich die Bremer dann ein 1:0 in Düsseldorf, und Kohfeldt stellte zufrieden fest, seine Mannschaft habe den Abstiegskampf angenommen. Sieben Ligapartien ohne Sieg widerlegten anschließend diese Annahme. Unterbrochen wurde dieser Negativlauf nur durch den 3:2-Erfolg im Pokal gegen Dortmund Anfang Februar. „Das war der Fußball, den wir sehen wollen“, jubelte Kohfeldt. Seitdem hat er ihn noch nicht wieder gesehen.

Auch in Freiburg brillierte Werder am Sonnabend keineswegs, doch immerhin stimmten der Einsatz, die Körpersprache, die Laufleistung und am Ende auch mal wieder das Ergebnis. Nach diesem Sieg hat Kohfeldt mit seinen Assistenten Tim Borowski, Ilia Gruev und Thomas Horsch viel gesprochen über die vermeintlichen Wendepunkte dieser Saison, die dann eben doch keine Wendepunkte waren. Zwei Siege in Folge schaffte Werder nur einmal ganz zu Beginn der Spielzeit gegen Augsburg und Union. Warum also sollte das jetzt anders sein? Was spricht dafür, dass der Tabellenvorletzte gegen Gladbach nachlegt? „Es soll und muss jedem klar sein, dass wir nicht mehr viele Chancen bekommen. Einen anderen Hinweis auf Besserung habe ich nicht“, antwortete Kohfeldt auf diese Frage. „Ich baue darauf, dass jeder verstanden hat: Wir haben jetzt noch acht Finals. Wir können es uns nicht erlauben, auf etwas zu warten.“

Werders Trainer kündigte an, mit seinen Spielern noch einmal über die erlittenen Rückschläge nach Erfolgserlebnissen zu sprechen. Sportchef Frank Baumann wollte dagegen nichts mehr davon wissen: „Es bringt nichts, sich großartig mit der Vergangenheit zu beschäftigen.“ Sein voller Fokus gelte dem Spiel gegen Gladbach: „Wir müssen noch eine Schippe drauflegen. Wir spielen gegen eine absolute Topmannschaft. Aber der Sieg gegen Freiburg bringt neues Selbstvertrauen, sodass wir auch gegen Mannschaften wie Gladbach bestehen können. Dieser Zusammenhalt, diese Laufbereitschaft, das Fighten um jeden Meter. Das alles muss immer die Basis sein.“

Gute Laufleistungen

Insbesondere die Laufleistung stimmt auch Florian Kohfeldt positiv. Die Werder-Profis legten gegen Leverkusen und Freiburg jeweils insgesamt mehr als 123 Kilometer zurück, was ein guter Wert ist. „Es war auffällig, dass wir uns läuferisch auf einem anderen Niveau befinden als vor der Corona-Zwangspause. Das beruhigt mich erstmal, denn das war immer ein großes Thema. Im Winter-Trainingslager konnten wir leider nicht die Körperlichkeit aufbauen, die wir für unser Spiel brauchen“, sagte Kohfeldt mit Blick auf die Verletzungsmisere und die erforderliche Belastungssteuerung bei vielen Spielern.

Laufen können die Gladbacher allerdings auch, gerade das Tempo ist im Spiel des Tabellenfünften ein wichtiger Faktor. Kohfeldt: „Die Gladbacher sind in Umschaltmomenten stark. Sie begreifen Ballverluste als Chance, und nach Ballgewinnen laufen sie über ballferne Räume sofort mit Tempo an.“ Dazu komme eine „unglaubliche Wucht im Angriffsdrittel“, analysierte der Werder-Coach und nannte etwa Alassane Plea oder Marcus Thuram. Werders Abwehr, mit 59 Gegentoren die zweitschlechteste der Liga, muss also großem Druck standhalten. „Wir müssen uns auf ein Spiel einstellen, in dem wir sehr intensiv verteidigen müssen. Es kann passieren, dass wir nicht mehr Ballbesitz haben als der Gegner“, blickte Kohfeldt voraus.

Der Heim-Nachteil

Erschwerend hinzu kommt, dass die Bremer im heimischen Weserstadion spielen. Ein Heimvorteil war in der laufenden Saison weder mit noch ohne Zuschauer erkennbar. Gerade einmal fünf Punkte holte Werder in zwölf Heimpartien. Die vergangenen sieben Ligaspiele im Weserstadion gingen allesamt verloren. Und nun gibt es – zu allem Überfluss aus Bremer Sicht – auch noch den Trend, dass bei Geisterspielen besonders oft das Auswärtsteam gewinnt. In den 18 Partien ohne Zuschauer nach dem Re-Start der Bundesliga gab es lediglich drei Heimsiege. Entmutigen lassen will sich Kohfeldt von all diesen ernüchternden Zahlen aber nicht. Etwas trotzig sagte er: „Ich halte es immer noch für einen Vorteil, ein Heimspiel zu haben. Du kennst dein Hotel, die Kabine und den Platz.“

Die Heimbilanz, die Tabelle, die Bilanz gegen Gladbach (seit acht Ligaspielen ohne Sieg) – fast alles spricht jedoch gegen Werder. Begegnen will die Mannschaft diesen Widerständen mit ganz viel Leidenschaft. Kohfeldt: „Ich hoffe, dass die Spieler gegen Freiburg gesehen haben, was wir brauchen, um Spiele gewinnen zu können.“ Ganz klar: Bei Werder geht es nur mit bedingungslosem Einsatz und Zusammenhalt. In Freiburg machten auch die Ersatzspieler und Betreuer mit, feuerten die Mannschaft im leeren Stadion von der Bank und der Tribüne aus lautstark an. „Wir wollen etwas vorleben. Die Stimmung auf der Bank ist sehr wichtig“, betonte Baumann. Teammanager Tim Barten sah sogar die Gelbe Karte, weil er zu vehement einen Eckball gefordert hatte. „Er muss dafür einen ausgeben“, sagte Baumann. „Er hat sich etwas im Ton vergriffen, aber das waren die Emotionen.“ Werder wehrte sich also in Freiburg – ob nun die Spieler oder der Teammanager. Daran gilt es gegen Gladbach anzuknüpfen, um den jüngsten Sieg tatsächlich zu einem Wendepunkt im Abstiegskampf werden zu lassen.

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