Sieben für den Zusammenhalt Werder erwartet in einer heiklen Phase viel von seinen Führungsspielern

Sieben Spieler bilden den Mannschaftsrat bei Werder - Trainer Florian Kohfeldt nennt sie „Führungsspieler“. Auf die kommt es nun in der vielleicht heikelsten Phase der Bremer Saison ganz besonders an.
23.02.2021, 19:35
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniel Cottäus

Als überstürzt lässt sich die Entscheidung wahrlich nicht beschreiben, schließlich hatte sich Florian Kohfeldt im vergangenen Herbst wochenlang damit Zeit gelassen. Die Saison war bereits sieben Spieltage alt – Werder Bremen hatte zehn Punkte gesammelt und belegte Tabellenplatz neun –, als der Trainer Mitte November endlich auf eine stets wiederkehrende Journalistenfrage antwortete und die Besetzung des neuen Mannschaftsrats bekanntgab. Sieben Spieler: Jiri Pavlenka, Niklas Moisander, Ömer Toprak, Theodor Gebre Selassie, Maximilian Eggestein, Leonardo Bittencourt und Niclas Füllkrug.

„Ich möchte in jedem Bereich der Kabine einen Anker haben“, erklärte Kohfeldt damals und ließ einen Satz folgen, der im Februar 2021 plötzlich wieder Gewicht bekommt: „Das ist die Gruppe, die als Führungsspieler fungiert.“ Und auf die es nun, in der vielleicht heikelsten Phase der Bremer Saison, ganz besonders ankommt.

„Sie müssen jetzt dafür sorgen, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen“, hatte Sportchef Frank Baumann nach der 0:4-Pleite gegen Hoffenheim öffentlich von den Führungsspielern gefordert. Schere ein einzelner Profi aus dem Konstrukt aus, müssten sie ihn wieder einfangen, was nach 21 absolvierten Partien wichtiger denn je erscheint: Schließlich dürfte sich in den kommenden drei Ligaspielen gegen Frankfurt, Köln und Bielefeld entscheiden, an welchem tabellarischen Schauplatz Werders Rest-Saison spielt: im gesicherten Mittelfeld oder doch wieder im ungemütlichen Keller. Das Wirken der Führungsspieler auf und abseits des Platzes wird ein sehr wichtiger Teil der Antwort darauf sein. Eine Bestandsaufnahme.

Jiri Pavlenka: Dass der Einfluss des Tschechen auf seine Vorderleute während des Spiels begrenzt ist, liegt in der Natur der Sache – als Torhüter ist sein Bewegungsradius eben arg eingeschränkt. Was jedoch auffällt: Pavlenka ist in der Kommunikation mit seinen Vorderleuten in seiner vierten Saison bei Werder aktiver geworden – er dirigiert und kommandiert. Die Zeiten, in denen der mittlerweile 28-Jährige auf dem Platz nahezu schweigsam agierte, sind endgültig vorbei. Weil zudem die eigenen sportlichen Leistungen stimmen, hat er die Kapazitäten, sich mehr und mehr um die Kollegen zu kümmern. In der Kabine soll Pavlenka aber immer noch kein Wortführer sein.

Niklas Moisander: „Der Kapitän, der nicht mehr spielt“ – dieses Etikett trägt der mit 35 Jahren älteste Profi des Kaders seit dieser Saison unfreiwillig. Während der Spiele – Überraschung! – kann er in der Regel also wenig tun. Moisanders Einfluss auf die Kollegen soll das aber nicht geschadet haben. Zum einen, weil der Finne seine neue Rolle zwar nicht begeistert, aber doch professionell und besonnen annimmt, und zum anderen, weil seine große Erfahrung ihn auch als Reservisten zur Autorität macht. Das Wort des einstigen Abwehrchefs hat bei Werder immer noch großes Gewicht.

Ömer Toprak: Zugegeben, das Hoffenheim-Spiel müssen wir ausklammern, denn am vergangenen Sonntag zeigte der 31-jährige Innenverteidiger seine mit Abstand schwächste Leistung im Werder-Trikot. Seit er körperlich endlich fit ist, hat er die Rolle des Abwehrchefs aber unstrittig übernommen. Toprak ist bei Werder ein Leader, ein Spieler, der großen Anteil daran hatte, dass sich die Defensive (vor Hoffenheim) stabilisiert hat. Während der Trainingswoche führt er viele Gespräche, gerade auch mit den jüngeren Kollegen, was in einer heiklen Phase helfen kann. Auch Trainer Kohfeldt tauscht sich regelmäßig mit Toprak aus.

Theodor Gebre Selassie: Mitte der zweiten Hälfte platzte ihm während des Spiels gegen Hoffenheim der Kragen: Nach einer Rettungstat knöpfte sich der 34-Jährige lautstark seine Mitspieler vor – eine bemerkenswerte Szene, weil „Theo“ für derlei Ausbrüche normalerweise nicht bekannt ist. Als Kapitän-Ersatz auf dem Platz darf so etwas aber ruhig häufiger vorkommen, wenn es denn sein muss. Möglich, dass er an seine Außenwirkung dem Amt etwas anpasst. Generell bleibt das Werder-Urgestein aber ein sehr ruhiger Vertreter. Öffentlich wachrütteln müssen andere.

Maximilian Eggestein: Mit seinen 24 Jahren ist er das mit Abstand jüngste Mitglied des Mannschaftsrats, ist Bezugsperson und Sprecher für die nachwachsende Spielergeneration im Kader. Diese Rolle soll Eggestein dem Vernehmen nach gut ausfüllen. Wie ein Wortführer innerhalb der gesamten Mannschaft wirkt er hingegen nicht. Sportlich zudem immer wieder mit Aufs und Abs, was es ihm deutlich schwerer macht, selbstbewusst vorweg zu gehen.

Leonardo Bittencourt: Sportlich ist der 27-Jährige bei Kohfeldt nicht mehr unantastbar. In den acht Bundesligaspielen seit Jahresbeginn stand Bittencourt zwar vier Mal in der Startelf, wurde aber auch zwei Mal erst spät eingewechselt und zwei Mal sogar überhaupt nicht berücksichtigt. Das macht seinen Einfluss im Team nicht eben größer. Der Offensivmann selbst sieht sich dennoch als Führungsspieler, was er bei öffentlichen Auftritte mit klaren Aussagen unterstreicht. Bittencourt ist neben Niclas Füllkrug der Werder-Profi, der am wenigsten ein Blatt vor den Mund nimmt. Gegen Hoffenheim war er von seinen eigenen Ansprüchen allerdings meilenweit entfernt.

Niclas Füllkrug: Sollte der Angreifer gesund bleiben, wäre er ein unglaublich großer Gewinn für die Mannschaft. Zum einen selbstredend wegen der Torgefahr, für die er steht und die seinen Sturmkollegen so abgeht. Zum anderen aber auch, wegen seiner unbekümmerten Art, seines verschmitzten Optimismus, der in den vergangenen Wochen in der Kabine gefehlt hat. Ein fitter Füllkrug verbindet Ehrgeiz und Lockerheit, was den Kollegen nur helfen kann.

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