Wontorra vermisst Streitkultur bei Werder

„Die Umarmungsmentalität muss aufgebrochen werden“

Im Interview erklärt Jörg Wontorra, warum Kritik von außen notwendig ist. Er bemängelt eine fehlende Streitkultur. Und hat eine Idee, wie sich Werder in finanziell schwierigen Zeiten neu erfinden könnte.
09.08.2020, 18:03
Lesedauer: 6 Min
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„Die Umarmungsmentalität muss aufgebrochen werden“
Von Christoph Sonnenberg
„Die Umarmungsmentalität muss aufgebrochen werden“
dpa

Herr Wontorra, Sie haben vor Kurzem verkündet, keine eigene Sendung mehr im Fernsehen zu moderieren. Was ist der Grund?

Jörg Wontorra: Wir haben lange im Familienkreis diskutiert und überlegt. Meine Tochter Laura war vier Wochen in unserem Ferienhaus in Spanien, da haben wir intensiv gesprochen und es dann gemeinsam entschieden. Es gibt verschiedene Gründe. Gerade in Corona-Zeiten ist das Format „Wontorra on Tour“ schwierig, jede Woche auf Reise zu gehen. Und immer am Wochenende, was Lebensqualität kostet. Dazu kommt, dass diese Eins-zu-Eins-Gespräche irgendwann auserzählt sind. Alle großen und wichtigen Menschen der Liga habe ich gehabt, da ist es schwer, Neues zu erfahren.

Ist das ein endgültiger Rückzug oder nur ein vorübergehender?

Das lasse ich auf mich zukommen. Wer das Journalisten-Gen in sich trägt, verliert es ja nie. Ohne etwas zu müssen bin ich trotzdem offen für neue Projekte. Mit Laura habe ich Möglichkeiten durchgespielt, wie wir etwas gemeinsam machen können. Kein Fernsehformat, es wäre angelehnt an die neuen Medien. Die Idee ist am Pool entstanden und noch nicht konkret, am Feinkonzept müssten wir noch arbeiten. Wir schauen jetzt mal, wann wir das zeitlich hinbekommen. Um ganz in den Ruhestand zu gehen, bin ich zu unruhig.

Gilt das auch für das Fernsehen: Wenn es ein spannendes Projekt gibt, würden Sie zurückkehren?

Ich höre mir alles an, aber ohne den Druck, etwas machen zu müssen. Und im Übrigen habe ich ja noch diesen spannenden Job als Kolumnist beim WESER-KURIER.

Sie könnten auch für Werders Aufsichtsrat kandieren, von 1999 bis 2003 waren Sie bereits Mitglied. Im November dieses Jahres stehen Wahlen an. Wäre das eine reizvolle Aufgabe?

Im Augenblick kann ich mir das nur schwer vorstellen. Zum einen ist der Aufsichtsrat gut besetzt. Zum anderen habe ich in meiner Zeit in dem Gremium gemerkt, dass es spannender ist, Werder von außen zu begleiten. Da bin ich freier von Zwängen, denen man als Mitglied des Rats unterliegt.

Welche Art von Zwängen?

Mehrheiten müssen gebildet werden. Häufig muss man sich im Aufsichtsrat diplomatisch geben. Kritisch konstruktiv zu beobachten geht als Journalist wesentlich einfacher. Bei Werder, und dazu gehört auch der Aufsichtsrat, ist nur wenig Streitkultur vorhanden. Das könnte auch eins der Probleme gewesen sein, die zu der verkorksten Saison geführt haben.

Warum gibt es diese Streitkultur nicht?

Um das genau zu sagen, bin ich zu weit weg. Ich kann mir vorstellen, dass einige Mitglieder des Aufsichtsrates durch ihre beruflichen Verpflichtungen sehr wenig Zeit haben. Und dann vielleicht ganz glücklich sind, wenn es bei Werder friedlich abläuft. Und mit Marco Bode steht dem Gremium jemand vor, der ein sehr harmoniebedürftiger Mensch ist. Das tut einem Kontrollorgan nicht unbedingt gut.

Mit Kurt Zech, Marco Fuchs oder Thomas Krohne sind sehr erfolgreiche Unternehmer unter den Kontrolleuren. Es gab die Hoffnung, durch ihre Netzwerke Sponsoren oder sogar einen Investor zu finden. Hätte in dieser Hinsicht mehr passieren können?

Das ist nicht die Kernaufgabe eines Aufsichtsrates, sie sollen kontrollieren. Das wäre eine Zugabe, ein Bonusspiel. Wenn es der Plan war, von ihren Netzwerken zu profitieren, muss man so etwas im Vorfeld klar besprechen. Ob das geschehen ist, weiß ich nicht.

Rechnen Sie mit personellen Veränderungen im Aufsichtsrat?

Von dem einen oder anderen weiß ich, dass er weiterhin zur Verfügung steht.

Sie sprachen von fehlender Streitkultur. Woran machen Sie das fest?

Ich will es umdrehen. In der kritischen Phase der Saison waren im Aufsichtsrat die Meinungen in der Personalie Florian Kohfeldt durchaus unterschiedlich. Es gab Befürworter einer Weiterbeschäftigung, aber auch einer Freistellung. Da haben sie sich dann auch mal kontrovers ausgetauscht, bis sich am Ende die Befürworter einer Weiterbeschäftigung durchgesetzt haben. Wie ich gehört habe, mit dem doppelten Stimmrecht des Vorsitzenden Marco Bode, die Abstimmung soll 3:3 ausgegangen sein.

Der Aufsichtsrat hat öffentlich bestritten, dass es diese Abstimmung gegeben hat.

Das ist richtig. In gewissen Werder-Zirkeln wird diese Geschichte dennoch erzählt. In jedem Fall wünsche ich mir für die Zukunft, dass sie bei Werder streitbarer miteinander umgehen. Dass diese friedliche Umarmungsmentalität aufgebrochen wird. Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb – dieses System ist für Wirtschaftsunternehmen, die Bundesligisten ja sind, nicht geeignet. Eine weit größere Verantwortung hat ohnehin die Geschäftsführung zu tragen, die für das operative Geschäft zuständig ist. Dort ist nach meinem Eindruck viel zu harmonisch, viel zu wenig selbstkritisch agiert worden. Das ist das größere Problem.

Sollte diese Streitkultur transparent sein, nach außen sichtbar, damit die Öffentlichkeit weiß, dass kontrovers diskutiert wird?

In früheren Zeiten haben sich Willi Lemke, Jürgen Born, Manfred Müller zuweilen gestritten wie die Kesselflicker – aber intern. Am Ende haben sie eine Lösung gefunden, die fast nie einstimmig war, nach außen aber so verkauft wurde. Das ist für mich die Kunst: Sich streiten zu können, ohne es persönlich zu nehmen, und so zielführend zu Lösungen zu kommen. Diese Kunst hat Werder viele Jahre beherrscht und war sportlich erfolgreich. Mein Eindruck ist, dass Personalien im aktuellen Vorstand mehr oder weniger nur durchgewinkt wurden, wenn der Geschäftsführer Sport sie seinen Kollegen präsentiert hatte. Da wird zu wenig hinterfragt. Sonst wäre es nicht passiert, dass vergangene Saison die Ersatzbänke der anderen Bundesligisten leergekauft wurden, und das völlig kritiklos.

Kritik gab es aus dem Umfeld des Vereins: Dieter Burdenski hat sich öffentlich geäußert, Klaus-Dieter Fischer und Willi Lemke ebenfalls.

Wenn die Altvorderen Kritik äußern, die das Werder-Gen in sich tragen, heißt das etwas. Es sollte die Verantwortlichen aufschrecken, wenn Leute, die in grün-weißer Bettwäsche schlafen, den Finger in die Wunde legen. Dann könnte etwas falsch sein im System und sollte überprüft werden. Diese Kritik von außen halte ich für unheimlich wichtig. Es ist ein Gegenpart, der für neue Ideen sorgen und Anstöße geben kann. Und der die Bosse daran hindert, es sich so richtig schön bequem einzurichten.

In Ihrer letzten Kolumne im WESER-KURIER haben Sie gefordert, Werder müsse sich neu erfinden. Einige Veränderungen wurden beschlossen. Geht das in die richtige Richtung?

Alles, was personell bisher passiert ist, ist okay. Was mir fehlt, ist eine klare Ausrichtung des Vereins. Und, trotz einiger Veränderungen, spüre ich keinen Aufbruch. Das macht mich schon ein bisschen traurig. Marco Bode hat einen Aufbruch angekündigt, bisher sehe ich da nicht viel. Mit den beiden Co-Trainern, die gehen mussten, sind zwei Bauernopfer gefunden worden, mehr nicht. Das ist viel zu wenig. Um Aufbruchstimmung zu erzeugen, muss Werder in der Breite neu aufgestellt werden. Das geht aus meiner Sicht nur, wenn man sich – wie Freiburg, wie Mainz etwa – zum Ausbildungsverein erklärt. Das wäre eine zukunftsfähige Strategie. Für alles andere fehlen ohnehin die finanziellen Möglichkeiten.

Ausgebildet wurden bei Werder in den vergangenen Jahren kaum Spieler, die sich im Profikader etabliert haben. Maximilian Eggestein war der letzte, davor Philipp Bargfrede. Was läuft da schief?

Das ist eine Frage des Personals. Ein Grundproblem ist, dass im Scouting sehr viele Alt-Werderaner unterwegs sind. Als Außenstehender hat man ja das Gefühl, Werder ist kein Ausbildungsverein, sondern ein Versorgungsverein. Der Bereich Spielersichtung aber gehört zu den wichtigsten überhaupt im Klub, andere Vereine bestücken ihn mit hoch bezahlten Spezialisten. In diese Richtung sollte Werder auch denken. Die Scoutingabteilung muss kreativer werden, ideenreicher. Aufgabe des Leistungszentrums sollte es sein, jedes Jahr mindestens einen Spieler für die Profis herauszubringen.

Leiter des Scoutings ist Clemens Fritz, der nun in Personalunion auch noch zum Leiter Profifußball ernannt wurde. Zu viel Werder bei Werder?

Dass die Position Leiter Profifußball geschaffen wurde, halte ich für gut und richtig. Und ich glaube, dass Clemens Fritz eine gute Besetzung ist. Mit der Doppelfunktion halte ich ihn aber für überlastet, zumal er sich auf dem neu geschaffenen Posten ja auch noch einarbeiten muss. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, das Scouting jetzt perfekt neu aufzustellen. Diese Chance hat Werder verpasst.

Welche Rolle trauen Sie Werder in der kommenden Saison zu?

Das lässt sich noch nicht prognostizieren. Bis zum 5. Oktober ist das Transferfenster geöffnet, erst dann ist klar, welcher Kader zur Verfügung steht. Und erst dann kann ich eine Einschätzung abgeben.

Und wie sehen Sie die mittel- und langfristigen Perspektiven des Klubs?

Es braucht das Bekenntnis, ein Ausbildungsverein zu sein. Und wenn dieses Bekenntnis dann auch konsequent gelebt wird, ist es – wie bei anderen Vereinen dieser Preisklasse – durchaus drin, auch mal die Europa League zu erreichen. Siehe Frankfurt, siehe Freiburg, siehe Augsburg. Werder muss sich also dem anpassen, was Werder wirklich ist – oder geworden ist. Es braucht endlich Kreativität bei Transfers. Eine intelligente Transferpolitik, bei der pfiffige Scouts sich quasi als Perlentaucher betätigen und dort fischen, wo sonst keiner hinfährt. In die französische Provinz zum Beispiel wie Mainz bei Moussa Niakhate oder in die tiefste Pfalz wie Freiburg bei Robin Koch. Einige Vereine zeigen wirklich jedes Jahr, wie das geht.

Fehlt Werder heutzutage ein Alleinstellungsmerkmal, das es aufgrund der sportlichen Erfolge trotz geringer finanzieller Mittel lange Zeit gab?

Dieses Alleinstellungsmerkmal halte ich für enorm wichtig. Werder hat in der Bundesliga noch immer die dritt- oder viertgrößten Sympathiewerte, was den guten alten Zeiten zu verdanken ist. Jetzt könnte Werder der Ausbildungsverein im Norden werden, das wäre eine Marke. Es gibt im Norden ja nur zwei Bundesligisten: den Plastikverein aus der Autostadt und Werder Bremen.

Das Gespräch führte Christoph Sonnenberg.

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