Die Bundesliga-Kolumne von Jörg Wontorra

Nur Veränderung bringt Fortschritt

Wie soll ein Klub neu aufblühen, wenn seine Führung auf eingetretenen Pfaden marschiert? Diese Frage stellt TV-Moderator Jörg Wontorra nach Werders Fehlstart gegen Hertha in seiner Bundesliga-Kolumne.
25.09.2020, 14:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörg Wontorra
Nur Veränderung bringt Fortschritt

Jörg Wontorra schreibt als Kolumnist für den WESER-KURIER.

WESER-KURIER

Der Unmut über den Lieblingsverein wächst in Stadt und Land. Das Erstaunliche daran: Selbst die Hardcore-Fans setzen sich jetzt kritisch mit der Sachlage auseinander – die Jungen in den sozialen Netzwerken, und meine Generation auf der guten, alten Leserbrief-Seite der Heimatzeitung. So viel Gegenwind war noch nie nach einem ersten Spieltag, was auch daran liegen mag, dass mit dem Hertha-Desaster auch sofort diese unsägliche vergangene Saison wieder hochploppte. Frei nach dem Motto des Roland-Kaiser-Klassikers: „Ich glaub' es geht schon wieder los. Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass man so total den Halt verliert!"

Was der Schlagerbarde eigentlich als Hinweis auf seine Beziehung zum weiblichen Geschlecht dichten ließ, trifft im Kern auch auf Werders Anhängerschaft zu. Sie findet sich zurzeit in einer Stimmung wieder, die zwischen ungläubigem Staunen und Fassungslosigkeit liegt. Irgendwie kam es ja auch irreal rüber, was da am vergangenen Sonnabend passierte, denn die Macher im Verein hatten doch hoch und heilig versprochen, dass nach dem glücklichen Klassenerhalt nun alles viel besser werden würde. Einige Optimisten träumten sogar schon von neun Punkten zum Auftakt: Sieg gegen eine Hertha, die sich noch nicht gefunden hat, Sieg gegen dauerkriselnde Schalke und Sieg gegen einen Aufsteiger aus Ostwestfalen. Klang sogar schlüssig, als der Spielplan veröffentlicht wurde.

Alles wie immer

Aber Stopp! Wie soll das denn funktionieren? Wie soll ein Klub neu aufblühen, wenn seine Führung auf eingetretenen Pfaden marschiert? Ein „Weiter so“ werde es nicht geben, hatten sie vollmundig angekündigt. Und machen stattdessen: „Weiter so.“ Okay, zwei Co-Trainer wurden versetzt, drei Ü 30-Spieler in den Ruhestand verabschiedet, und die Belastungssteuerung in der Vorbereitung passten sie auch an. Das war's dann aber auch mit den Reformen. Ansonsten: Alles wie immer.

Fangen wir mit dem Kader an: Gerade mal ein einziger Neuzugang hatte den Weg in die Startelf gefunden, das Restpersonal setzte sich aus den üblichen Verdächtigen zusammen. Keine Chance für frische Gesichter oder hoffnungsvolle Talente, die als Signal für den Aufbruch gestanden hätten. Denn nur Veränderung bringt Fortschritt. Dann der Trainer: eloquent wie immer, aber für dieses Team vielleicht sogar zu verkopft. Oder wie es in einem der zahlreichen Leserbriefe im WESER-KURIER stand: „Eine Dauerberieselung der Mannschaft mit immer weiter ausschweifenden Spielphilosophien kommt irgendwann nicht mehr an.“

Macher sind gefragt

Und auch dem Management scheint nicht wirklich der Sinn nach einem Kurswechsel zu stehen. Sie mögen es halt gern harmonisch bei Werder, und manch einer hat es sich auch gemütlich eingerichtet in seinem Amt. Nur: Das bringt den Klub nicht weiter. Denn in schwierigen Zeiten braucht ein erfolgreiches Unternehmen keine Kuschler, sondern Macher. Dazu gehören harte Verhandler in Transfer-Angelegenheiten und echte Finanzexperten, die die Folgen von Corona in den Griff bekommen. Beide Baustellen sind noch längst nicht geschlossen, sodass Werder künftig sogar eine kräftige wirtschaftliche Unwucht drohen könnte. Teile des Aufsichtsrates sehen diese Entwicklung denn auch mit Sorge.

Was aber, wenn dazu jetzt noch eine Pleite gegen Schalke kommt? Zwar hat der Gegner mehr Druck, weil der Trainer schon mit einem Ultimatum ausgestattet wurde. David Wagner muss gewinnen. Was passiert aber, wenn er es auch tut? Wird dann der Druck an Florian Kohfeldt weitergereicht und er hat gegen Bielefeld ein Endspiel? Sagen wir es mal so: Der Geschäftsleitung würden so langsam die Argumente ausgehen, und darum ist es am besten für Trainer und Mannschaft, mal wieder zu gewinnen.

Zur Person

Jörg Wontorra (71) ist als Sportmoderator eine Legende und ­arbeitet für „Sky“. Im wöchentlichen Wechsel mit Peter Gagelmann, Lou Richter, Christian Stoll und Daniel Boschmann schreibt Jörg ­Wontorra für WK Flutlicht, was ihm im Bundesliga-­Geschehen aufgefallen ist.

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