Kantersieg gegen Köln in der Analyse

Werder nimmt die Einladungen an

Werder zeigt sich im Endspiel gegen Köln unbeeindruckt vom Druck, agiert griffig, spielfreudig, effizient und nutzt damit die Steilvorlage seines Gegners, der wehrlos agiert und taktisch voll daneben greift.
28.06.2020, 14:42
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Rommel
Werder nimmt die Einladungen an

Werders Yuya Osako im Zweikampf mit Kölns Noah Katterbach.

nordphoto/gumzmedia

Werder-Coach Florian Kohfeldt änderte seine Mannschaft im Vergleich zum Mainz-Spiel auf drei Positionen: Für Christian Groß (nicht im Kader), Leo Bittencourt und Joshua Sargent (beide Bank) rückten Kevin Vogt, Milot Rashica und erstmals seit September wieder Niclas Füllkrug in die erste Elf. Köln hatte in Jonas Hector und Jhon Codoba schwerwiegende Ausfälle, Trainer Markus Gisdol nahm dafür Dominick Drexler und Anthony Modeste in die Startformation.

Köln überraschte mit einer sehr ungewohnten Anordnung: Gisdol ließ seine Mannschaft nicht wie eigentlich immer in einer Viererketten-Variante auflaufen, im 4-4-2 oder dem gesetzten 4-2-3-1, sondern stellte auf eine Dreier-beziehungsweise Fünferkette um in ein 3-1-4-2. Damit ging Gisdol ähnlich vor wie in der Vorwoche gegen Frankfurt - trotzdem war es seinem 23. Spiel als Kölner Trainer erst die zweite Dreierkettenkonstellation überhaupt. Über die Beweggründe lässt sich nur spekulieren, erklären wollte Gisdol seine Überlegungen nicht. Womöglich sollte in Abwesenheit der beiden zentralen Spieler Hector und Cordoba wieder etwas mehr mit langen Bällen agiert werden. Tatsächlich war das Experiment aber schon nach einer guten halben Stunde spektakulär gescheitert.

Vogt und die Halbräume

Werder stellte sein gewohntes 4-3-3 oder situativ ein 4-4-2 dagegen und hatte dabei ein paar entscheidende Vorteile. Köln konnte im Pressing zwar mit zwei Spielern anlaufen, bekam gegen den Bremer Dreieraufbau aber kaum Druck auf den Ball. Vogts Abkippen und dessen Folgebewegungen nach einem Abspiel rissen Kölns Pressing immer wieder auseinander und ließen dann durch die schlecht gesicherten Halbräume der Gäste rund um Ellyes Skhiri auf der Sechs genug Optionen für einen direkten Ball in die gefährliche Zone.

In der Konstellation mit Milos Veljkovic, Vogt und Niklas Moisander in der ersten Aufbaulinie ließ Werder den Ball geduldig zirkulieren, um dann den geeigneten Moment zum Andribbeln für einen der beiden Halbverteidiger zu finden. Veljkovic und Moisander stießen gut nach vorne und konnten sich dann durch das sehr gut aufeinander abgestimmte Laufverhalten der Bremer Offensivspieler förmlich ihre Anspielstation aussuchen. Entweder spielte Werder flach in den Halbraum oder diagonal auf einen der ausweichenden Angreifer. Ging das alles nicht, wurde der lange Ball auf Füllkrug versucht, der jedes Luftduell gewann und diese Bälle dann auf Yuya Osako oder einen der nachrückenden Achter ablegen konnte.

Schaffte es Köln, diese Passwege über die Halbverteidiger ins Übergangs- und Angriffsdrittel zu verstellen oder Veljkovic und Moisander durch die beiden Pressingspitzen zu beschäftigen, war es Vogt, dem die entscheidende Rolle im Aufbau zuteil wurde. Aus seiner zentralen Position heraus spielte er teilweise überragende Pässe in die Spitze oder diagonal ins Feld, ging kurzen Abspielen sofort nach und besetzte aus der Libero- die Sechserposition. Oder er blieb im Spielaufbau hinter den Kölner Spitzen und machte sich dort anspielbar. Weil sich der FC ohne sein 4-2-3-1 seines Zehners beraubt hatte, hatte Vogt viele Freiheiten und genug Zeit, bis er Gegnerdruck bekam.

Kölns Flügelspieler in der Zwickmühle

In diesen Momenten war es Marco Friedl, der enger an die beiden Innenverteidiger heranrückte und den Dreieraufbau herstellte, wenn Vogt auf der Sechs im Mittelfeld blieb. Werder hatte also sowohl Überzahl im tiefen Aufbau als auch eine feste Anspielposition im Mittelfeld - während alle anderen Spieler mehr oder weniger in einem fließenden Prozess Räume besetzten und Kölns Flügelspieler in die Bredouille brachten. Ismail Jakobs und ganz besonders Kingsley Ehizibue mussten sich permanent entscheiden, ob sie herausrücken oder den im Rücken nach außen driftenden Gegenspieler aufnehmen sollten.

Werder hielt das Spielfeld durch die auf die Flügel ausweichenden Läufe von Rashica oder Osako schön breit und durch Füllkrug auch tief und schaffte so Platz im Zentrum. Durch gegengleiche Bewegungen entstanden die ersten beiden Fernschüsse, die Kölns Keeper Timo Horn noch parierte. Die erste echte Chance von innerhalb des Strafraums versenkte Osako dann aber gleich. Werder sollte diese Effizienz beibehalten, auch die nächsten beiden Torschüsse waren drin - und das Spiel nach nicht einmal einer halben Stunde entschieden.

Gisdol reagiert zu spät

Erst jetzt korrigierte Gisdol seine Grundordnung, nahm den überforderten Toni Leistner runter und stellte auf 4-2-3-1 um. Die Gäste hatten sofort mehr Zugriff auf Vogt und damit auf Werders Aufbau. Werder zog sich wohl auch deshalb mit dem Drei-Tore-Vorsprung etwas weiter zurück und überließ Köln bis zur Pause auch mal länger den Ball. Gefährlich wurde es für Bremen aber nie. Zur zweiten Hälfte brachte Kohfeldt in Josh Sargent einen frischen zentralen Angreifer für Füllkrug. Gisdol stellte Jan Thielmann (für Mark Uth) auf die Zehn, brachte zudem Noah Katterbach (für Elvis Rexhbecaj). Der ging links in die Viererkette, Jakobs dafür eine Linie nach vorne.

Köln attackierte nun früher, bekam im Pressing aber weiter Anschauungsunterricht von Werder. Das Zustellen der Bremer und das Nachrücken der Achter provozierten einige sehr frühe Ballgewinne und damit unweigerlich auch Umschaltchancen. Die allenfalls zaghaften Verbesserungen im Kölner Spiel machte der Bremer Doppelschlag schnell zunichte. Der Rest waren Bremer Kontrolle und einige sehr gute Chancen, das Ergebnis sogar noch weiter auszubauen. Der Sieg ging auch in der Höhe in Ordnung, Werder verdiente sich mit dieser Leistung - und dank der Hilfe von Union - die Relegation.

Gute Vorzeichen

Die Vorzeichen für die zwei Entscheidungsspiele scheinen unabhängig vom Gegner günstig. Rechtzeitig ist der Angriff komplett. Füllkrug, Rashica und Osako bringen jeweils völlig andere Geschmacksrichtungen ein und geben dem Trainer sehr viel Spielraum zum Variieren. Die Art der Tore gegen Köln verdeutlicht diese Vermutung: Werder war abgesehen von einem Standardtor auf alle mögliche Arten erfolgreich: aus dem Positionsspiel, nach einer Einzelleistung (samt Torwartfehler), nach einer Halbfeldflanke, einem Abstauber nach Schuss aus der zweiten Reihe, einem sauber vorgetragenen Angriff aus dem Zentrum über den Flügel und nach einem Konter. Zudem hat die Mannschaft abermals gezeigt, dass sie mit dem immensen Druck umgehen kann und nicht verkrampft.

Das große Aber: Der Auftritt des FC war mit „jämmerlich“ noch schmeichelnd umschrieben. Die Mannschaft im Urlaubsmodus fand zu keinem Zeitpunkt eine Haltung zu dieser für andere Mannschaften sehr wichtigen Partie, von der notwendigen Einstellung und Spannung ganz zu schweigen. Praktisch ohne Gegenwehr und mit den schnellen Erfolgserlebnissen im Rücken fand Werder problemlos zu seinem Spiel. Sechs Tore in einem Spiel bei zuvor deren neun in 16 Partien sollten Zeugnis genug sein für die Kräfteverhältnisse an diesem Nachmittag.

In den letzten beiden Endspielen wird sich allerdings kein willfähriger Gegner präsentieren, sondern eine Mannschaft, die unbedingt will. So wie Mainz in der Vorwoche. Erst dann wird sich zeigen, wie viel die Offensivstärke wert ist, wie sehr sich auch Werder gegen Widerstände behaupten kann und vielleicht auch mit einem Rückschlag umzugehen vermag. Köln diente dafür in jeglicher Hinsicht jedenfalls nicht als Referenzgröße.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+