Nicht schön, aber erfolgreich

Das neue Werder

Werders Trainer Florian Kohfeldt moderiert notgedrungen einen Fußball, der nicht schön anzuschauen, jedoch gnadenlos zweckmäßig und einigermaßen erfolgreich ist.
18.10.2020, 17:33
Lesedauer: 4 Min
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Das neue Werder
Von Jean-Julien Beer
Das neue Werder
Nordphoto

Gegen Ende des Spiels in Freiburg, als Florian Kohfeldt schon heiser war von dem ganzen Rufen, Anfeuern und Korrigieren, fehlte nur noch, dass er auch noch einen Betonmischer aufs Feld gefahren hätte, um das eigene Tor zur verschließen. Immer defensiver ließ er seine Bremer Mannschaft an diesem Nachmittag agieren: Was mit einer Viererkette und drei Angreifern begann, wurde alsbald zur Fünferkette; erst gab es nur einen Abräumer vor der Abwehr, dann zwei – und schließlich war noch ein breites Vierer-Mittelfeld nötig, um die Außenbahnen wenigstens hin und wieder mal abgedichtet zu bekommen. Das Ergebnis gab dem Trainer recht: Werder rettete auf diese Weise einen Punktgewinn über die Zeit, der nach 20 Spielminuten noch völlig utopisch schien. Denn da feierte Freiburg ein schön herausgespieltes Tor zur 2:0-Führung, Werder war bis dahin chancenlos hinterhergerannt und sah wie der sichere Verlierer aus. Doch dann griff der Videoschiedsrichter ein und nahm diesen zweiten Freiburger Treffer zurück. „Das war Glück für uns“, weiß Kohfeldt, „aber es hat uns so ein bisschen wach gemacht.“

Plötzlich geriet Werder selbst in den Strafraum und schoss ein Elfmetertor. 1:1 statt 0:2 aus Bremer Sicht. Das ging ganz schnell - und wurde fortan mit allen Mann verteidigt. „Mehr als ein Unentschieden wäre in diesem Spiel vermessen gewesen“, stellt Kohfeldt nüchtern fest, „auch deshalb bin ich zufrieden mit dem Punkt“. Sieben davon weist die Tabelle nach vier Spieltagen für Werder aus, die Mannschaft rangiert damit in sicheren Regionen und weit weg vom Ligakeller, in dem sich einige Konkurrenten noch sehr schwer damit tun, in die Saison zu finden. „Punktemäßig“, betont der Bremer Trainer, „kann man den Saisonstart für uns als sehr gelungen ansehen“.

Magere 44 Prozent Ballbesitz waren es am Ende

Wenn nur dieser Fußball nicht wäre, mögen viele Fans da einwenden. Denn Werder steht nun nicht mehr für offensives Spektakel, feine Spielzüge oder ansehnlichen Ballbesitzfußball. Überzeugend ist diese Bremer Mannschaft nur, wenn man sie auf ihr gnadenlos zweckmäßiges Spiel reduziert. Magere 44 Prozent Ballbesitz waren es am Ende gegen Freiburg, Werder schlug dort 14 Flanken weniger als der Gegner, ließ aber 21 gefährliche Flanken zu und gewann nur 44 Prozent der Zweikämpfe. Trotzdem ging Werder nicht als Verlierer vom Platz gegen eine über weite Strecken bessere Freiburger Mannschaft, die Kohfeldt im Vorfeld zwar respektvoll als „echtes Brett“ bezeichnete, die nach einem enormen Qualitätsverlust durch Spielerverkäufe (Waldschmidt, Koch) aber nicht im Verdacht steht, gegen Saisonende zwingend in der oberen Tabellenhälfte einzulaufen.

In diesem Herbst 2020 zeigt sich, wie sinnvoll es war, im Frühjahr nicht den Trainer gewechselt zu haben. Denn Kohfeldt erklärt den neuen Bremer Stil mit einer fast schon abgebrühten Leichtigkeit, wie sie sonst nur noch Niclas Füllkrug am Elfmeterpunkt hinbekommt. Er moderiert damit recht charmant einen schwierigen Umbruch in höchster finanzieller Not. Was andernorts als Rumpelfußball verbucht würde, ist in Bremen nun „ein Phasenspiel“, was nichts anderes bedeutet als: In vielen Phasen war Freiburg besser, nur in einer nicht, rund um den Bremer Ausgleich zum 1:1 nämlich. Geht es nach Kohfeldt, hat Werder auch nicht schlecht begonnen, sondern Freiburg einfach gut angefangen.

„Wir müssen einen gewissen Realismus an den Tag legen"

Was soll er auch machen? In diesem Sommer wurde sein Kader qualitativ deutlich verschlankt, statt stabiler Neuzugänge wie seinem Wunschspieler Marko Grujic vom FC Liverpool, der eine feste Größe im Mittelfeld werden sollte, bekam er eine Gruppe jüngerer, aber unerfahrener Spieler dazu, die zuletzt in der zweiten oder dritten Liga ihren Dienst verrichteten. Sein wichtigster Bezugsspieler in der Zentrale, Vizekapitän Davy Klaassen, wurde aus wirtschaftlichen Gründen nach Amsterdam verkauft.

Kohfeldt beklagt das nicht, sondern begleitet diesen Prozess, quasi als oberster Fan seiner Mannschaft. In Freiburg warf er neben dem jungen Manuel Mbom (20) auch den noch jüngeren Nick Woltemade (18) ins Haifischbecken Bundesliga. „So werden wir nach und nach die Spieler reinschmeißen und entwickeln“, erklärt Kohfeldt, „dann werden sich auch wieder gute Phasen in unserem Spiel haben, die nicht nur 20 Minuten dauern, sondern länger. Wir müssen da nur einen gewissen Realismus an den Tag legen und das weiterentwickeln. Dass es noch ein Weg sein wird, ist doch klar.“

Ein bisschen Phantasie steckt in diesem Kader

Die Ergebnisse helfen dabei, in Ruhe arbeiten zu können. „Der Punkt in Freiburg ist nicht völlig unverdient“, sagt der Trainer, „und den nehmen wir sehr gerne mit.“ Werder hat sich schon jetzt eine gute Distanz zu den Abstiegsplätzen erarbeitet, ein Puffer, den man im Vorjahr gerne gehabt hätte. Nur bei der 1:4-Niederlage zum Auftakt gegen Hertha BSC spielte die Mannschaft inakzeptabel, und es gehört zu Kohfeldts neuem Stil, konsequent die Breite im Kader zu nutzen, wenn es schon an Spitzenqualität fehlt. Zuvor unanfechtbare Stammkräfte wie Kapitän Niklas Moisander oder der japanische Nationalspieler Yuya Osako haben seither nicht mehr in der Bremer Startelf gestanden, der taktisch überraschend unreife Neuzugang Tahith Chong von Manchester United auch nicht. Davie Selke, gegen Hertha noch einziger Bremer Torschütze, wurde von Niclas Füllkrug verdrängt.

Werder spielt dadurch nicht gut, aber wenigstens nicht mehr so schlecht wie beim Start. Und ein bisschen Phantasie steckt ja noch in diesem Kader. Milot Rashica etwa, von den Anlagen her einer der besten Stürmer, hat noch gar nicht richtig stattgefunden. Kevin Möhwald betrat in Freiburg nach 14-monatiger Verletzungspause wieder die Bundesligabühne und wird das dünn besetzte Bremer Mittelfeld nicht schlechter machen. Chong, ein enorm schneller Spieler, bringt alles mit, um auch schnell zu lernen. Anders als im Vorjahr kann all das nun Schritt für Schritt erarbeitet werden. Sieben Punkte aus vier Spielen sind eine gute Basis. Im Vorjahr gab es vor allem im ersten Saisondrittel einige gute Spiele, die Werder nicht gewann oder sogar verlor. Diesem Vorwurf muss sich ein Jahr später keiner mehr stellen.

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