Klub-Boss Filbry im Interview „Es besteht keine Insolvenzgefahr“

Klaus Filbry spricht über Werders angespannte Finanzsituation. Er sagt, welche Veränderungen den Wettbewerb wieder spannend machen könnten und verrät, dass es bald neue Sponsoren-Millionen gibt.
24.10.2020, 11:01
Lesedauer: 6 Min
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„Es besteht keine Insolvenzgefahr“
Von Christoph Sonnenberg

Herr Filbry, Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke, die Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern München und Borussia Dortmunds, haben sich in den vergangenen Tagen zu Wort gemeldet. Der eine warnt vor einer dauerhaften Abwendung der Fans bei weiteren Geisterspielen, der andere beklagt „populistisches Fußball-Bashing“ durch die Politik. Schließt Werder sich dem an?

Klaus Filbry: Es ist keine schöne Situation, Fußball ohne Zuschauer. Wir und der gesamte Fußball leben von Emotionen, den Fans und der Fankultur in den Stadien, das tut allen weh. Und das hat sicher einen Entfremdungsprozess zur Folge. Da sehe ich eine Gefahr für den Fußball.

Wie bemerken Sie diese Entfremdung?

Fußball ist Emotion, dazu gehören volle Stadien mit der entsprechenden Atmosphäre. Gibt es die nicht, suchen sich die Menschen etwas anderes. Fußball ist aktuell nicht mehr die wichtigste Nebensache der Welt. Corona ist für die ganze Gesellschaft eine riesige Herausforderung, da gibt es vieles, mit dem die Menschen klar kommen müssen. Wir müssen trotzdem Wege suchen, auch künftig eine schöne Nebensache zu sein.

Rummenigge hat nicht immer nachzuvollziehende Maßnahmen durch die Politik kritisiert. Wie sehen Sie die Entscheidungen in Bremen?

Wir stimmen alles mit der Politik ab und fühlen uns durch das Bremer Ordnungs- und Gesundheitsamt und die politischen Entscheidungsträger gut betreut. Hier wurde bisher sehr verantwortungsvoll gehandelt. Es gibt regionale Unterschiede, und die werden aktuell berücksichtigt. Man kann sicher schauen, ob zusätzliche Kriterien zur Anwendung kommen können, um ein Spiel mit Zuschauern zu organisieren. Reicht ein Mindestabstand von einem Meter? Wird nur aufgrund der Inzidenzzahlen entschieden oder kann es andere Maßstäbe geben? Beispielsweise Cluster zu bilden aus bestimmten Altersgruppen. Wir müssen mit der Politik beraten, wie man schrittweise zur Normalität zurückkommen kann.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will überlegen, ob wenige Zuschauer zugelassen werden oder gar keine. Watzke hat das kritisiert. Viele Funktionäre des Fußballs beklagen unter der Hand, Politiker würden sich über den Fußball profilieren. Zurecht?

In der Diskussion um den Re-Start ging es um die Testung. Da hat sich Karl Lauterbach stark auf Kosten des Fußballs profiliert und mit falschen Zahlen die Öffentlichkeit versorgt. Das wurde schnell gerade gerückt. In Bremen sind die Politiker sehr bei uns und unterstützen uns. Hier ist eher das Gegenteil der Fall, es wird gemeinsam nach konstruktiven Lösungen gesucht.

Rummenigge und Watzke haben in der Corona-Pandemie deutlich mehr gesprochen als andere Vertreter des Fußballs. Sind sie eine Art inoffizielle Sprecher der 36 Bundesligisten?

Christian Seifert hat sich als Sprecher des Fußballs etabliert und hat dabei einen hervorragenden Job gemacht. Rummenigge und Watzke haben ihre Meinung kundgetan, was völlig in Ordnung ist.

Ist die Vergabe der KfW-Kredite ein Politikum in dem Sinne, dass kein Politiker dafür verantwortlich sein will, den Fußball mit Krediten zu unterstützen?

Das wissen wir nicht. Unsere Anfrage liegt schon längere Zeit bei der KfW und ist sehr lange nicht bearbeitet worden und wird sorgfältig geprüft. Wir sind im Dialog mit der KfW. Für den Fall, dass wir die Lösung nicht hinbekommen, haben wir Alternativen erarbeitet, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eintreten werden. Insofern sind wir gut durchfinanziert und es besteht in keiner Form Insolvenzgefahr.

Wo liegt der Unterschied zwischen einem Kredit über die KfW und einem selbst besorgten bei einer Bank?

Die KfW vergibt keine Kredite, sie ist ein Bundesinstitut, das den Banken Sicherheiten gibt. Auch in diesem Fall läuft der Kredit über eine Bank, und es werden Zinsen gezahlt. Wir sind mit der Variante B, falls es mit der KfW nicht klappen sollte, gut abgesichert, die Saison ist durchfinanziert. Favorit bleibt aber die Lösung über die KfW.

Haben Sie eine Idee, weshalb die Prüfung so lange dauert?

Der Fußball wird in der öffentlichen Wahrnehmung kritisch hinterfragt. Da spielt auch das Thema Spielergehälter mit rein. Das ist ein Thema, bei dem sowohl die KfW als auch die Politik sehr genau hinschauen. Wir haben hier zweimal einen Gehaltsverzicht der Spieler und des Trainerteams hinbekommen. Das ­Management verzichtet bereits seit geraumer Zeit auf einen zweistelligen Prozentsatz der Gehälter. Im administrativen Bereich – Reisekosten, Neubesetzung von Positionen, Investitionsstopp – haben wir drei Millionen Euro eingespart. Wir haben viel getan in dieser Hinsicht und dokumentieren diesen Verzicht.

In der Diskussion ist unter anderem eine Obergrenze der Spielergehälter. Ist das aus juristischen Gründen eher Fantasie oder tatsächlich möglich?

Wenn wir es schaffen, diese Obergrenze europaweit einzuführen, können die Folgen der Corona-Pandemie gemeistert werden und der Fußball kann wirtschaftlich gesunden. Zunächst müsste die Uefa, deren Präsident Aleksander Čeferin diesem Thema gegenüber sehr aufgeschlossen ist, ein Konzept entwickeln. Dieses müsste in Brüssel über die EU juristisch abgesichert werden. England, dann nicht mehr EU-Mitglied, müsste dazu geholt werden und sich anschließen.

Ziemlich viele Interessen, die unter einen Hut gebracht werden müssen.

Das größte Interesse aller Ligen muss doch sein, einen spannenden Wettbewerb zu haben. Und nicht sieben- oder achtmal in Folge denselben Meister. Dazu kommen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie, die in allen Ländern enorm sind. Und nicht zuletzt muss man den Fans den Fußball wieder näher bringen. Über Gehaltsobergrenzen wäre das eine Möglichkeit.

Sehen Sie weitere?

Die Verteilung der Fernsehgelder. Nationale und internationale Einnahmen zusammengenommen, liegt die Spreizung in der Bundesliga bei 4:1. Der Bestverdiener bekommt also viermal so viel Geld wie der, der am wenigsten bekommt. Alle sind sich einig, dass sie verringert werden muss. Hinzu kommen für Bayern die Einnahmen aus der Champions League, was zum Beispiel für die Bayern bedeutet, dass sie 13 bis 14 Mal so viel bekommen wie der Tabellenletzte. Und es gibt das Financial Fair Play.

Was viele Fans nicht ernst nehmen, weil die großen Klubs am Ende doch nie zur Rechenschaft gezogen werden.

Am Ende ist es wie ein Steuersystem: Man braucht eine gute Finanzbehörde, die die Regularien strikt umsetzt. Verstöße müssen sauber verfolgt und sanktioniert werden, es darf keine Schlupflöcher geben. Das Instrument Financial Fair Play ist gut. Es muss nur weiter ausgestaltet und dann scharf gestellt werden.

Seit Beginn der Corona-Krise ist klar, dass viele Klubs finanziell angeschlagen sind. Gehört Werder zu denen, die von einer Insolvenz bedroht sind, wenn es längerfristig Geisterspiele gibt oder gar eine erneute Unterbrechung der Saison droht?

Zu denen gehört Werder nicht. Wir sind mit der Situation immer sehr transparent umgegangen. Wir haben Mindereinnahmen von etwa 30 Millionen Euro, das ist eine große Herausforderung. Der Transfermarkt hat sich nicht gut entwickelt. Wir haben Klaassen verkauft, Rashica aber nicht, obwohl wir das eingeplant hatten. Wir haben die Kaderkosten angepasst. Es ist eine große wirtschaftliche Herausforderung, es besteht aber keine Insolvenzgefahr.

Haben Sie ab Januar mit Zuschauern kalkuliert?

Meines Wissens haben das alle Klubs. Es ist eine dynamische Situation. Gegen Hertha waren Zuschauer da, jetzt sind keine zugelassen. Was im Januar ist, was in drei Wochen ist, können wir nicht einschätzen. Deswegen ist die Planung unheimlich schwer.

Was würden weitere Geisterspiele bedeuten?

Pro Spiel verlieren wir zwischen einer und 1,5 Millionen Euro. Das kann sich also jeder ausrechnen.

Hat sich die DFL darauf vorbereitet, dass die Saison abgebrochen wird?

Insofern, dass die Fernsehgelder anders ausgeschüttet werden. Normalerweise sind es vier Tranchen. Jetzt wird erst ausgeschüttet, wenn gespielt wurde und die Leistung gegenüber dem TV-Partner erbracht wurde.

Sind Spielerverkäufe im Januar Thema, um die finanzielle Situation zu verbessern?

Das waren sie bei Werder immer. Es ist aktuell nicht geplant, kann aber passieren.

Welche Bedeutung haben die bevorstehenden Vertragsverlängerungen der Sponsoren EWE und Umbro?

Wir sind aktuell in Gesprächen mit drei großen Unternehmen aus dem Top-Sponsoren-Segment, die jeweils im siebenstelligen Bereich liegen. Alle drei haben signalisiert, dass sie verlängern möchten – in der aktuellen Situation ein sehr großer Vertrauensbeweis.

Welches ist das dritte Unternehmen?

Da bitten wir darum, abzuwarten.

Sieben Punkte aus den letzten drei Spielen, Platz sieben in der Tabelle. Wie groß ist Ihr Vertrauen in die Mannschaft?

Mit dem Start bin ich sehr zufrieden. Wir hatten durch Frank Baumann und Florian Kohfeldt eine sehr klare Analyse der vergangenen Saison, in deren Folge wir viel verändert haben. Die Punkte sind die ersten sichtbaren Ergebnisse. Die Zielsetzung – uns sportlich zu stabilisieren – ist gekoppelt an die wirtschaftliche Situation. Wir haben eine wettbewerbsfähige Mannschaft und müssen sehen, nicht in den Abstiegskampf hineingezogen zu werden. Junge, talentierte Spieler haben wir und wollen sie entwickeln, um dann wieder eine andere sportliche Perspektive zu haben. Da sind wir – dank der guten Arbeit von Frank Baumann und Florian Kohfeldt – auf einem guten Weg.

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