Werder setzt auf Vorfreude und Mut

„Spiele gegen Bayern kribbeln besonders“

Spaß machen Spiele gegen die Bayern aus Werder-Sicht schon lange nicht mehr. Florian Kohfeldt strahlte trotzdem Vorfreude aus, als er darüber sprach, wie seine Mannschaft gegen den Triple-Sieger bestehen kann.
20.11.2020, 15:19
Lesedauer: 4 Min
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„Spiele gegen Bayern kribbeln besonders“
Von Christoph Bähr
„Spiele gegen Bayern kribbeln besonders“

Mutig dagegenhalten wollen Niklas Moisander und Marco Friedl gegen Bayerns Starensemble um Thomas Müller.

nordphoto / gumzmedia

Der Tag vor dem großen Spiel gegen die Bayern sollte gemütlich beginnen, doch beim Blick in die Zeitung war es vorbei mit der Entspannung. „Ich habe heute Morgen meinen Kaffee verschüttet“, berichtete Florian Kohfeldt am Freitag bei der Pressekonferenz zur Partie in München (Sonnabend, 15.30 Uhr, live bei Sky). Verantwortlich für das Malheur seines Trainers war Marco Friedl, der sich im Interview mit dem WESER-KURIER wünschte, dass Werder an Weihnachten 20 Punkte auf dem Konto hat. Bei Kohfeldt weckte diese Aussage schlimme Erinnerungen an die vergangene Katastrophen-Saison: „Den Scheiß habe ich letztes Jahr auch erzählt und musste mir das immer anhören.“ Zur Erinnerung: Vor ziemlich genau einem Jahr forderte Kohfeldt, dass auf dem Bremer Punktekonto bis Weihnachten mindestens 20 Zähler sein müssten. Es wurden nur 14, und Kohfeldt musste sich an dem verpassten Ziel messen lassen. Dieses Mal betonte er: „Das ist eine Spielermeinung, der Trainer denkt von Spiel zu Spiel! Schmiert es mir nicht aufs Brot, sondern Marco Friedl.“

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Sechs Partien sind es für Werder noch bis zur Mini-Winterpause, zu den Gegnern gehören Bayern, Leipzig und Dortmund. Damit Friedls mutige Rechnung aufgeht, müssen die Bremer, die aktuell zehn Punkte haben, also in mindestens einem der Duelle gegen die Topteams punkten. Kohfeldt will solch ein Ziel zwar lieber nicht ausgeben, aber auch er träumt natürlich von einem Überraschungscoup. Am liebsten gegen den schier übermächtigen Triple-Sieger in einem besonderen Spiel: Werder und Bayern treffen zum 109. Mal in der Bundesliga aufeinander und stellen damit einen Rekord auf. „Spiele gegen Bayern kribbeln besonders“, sagte der Werder-Coach. „Es ist das Schönste, gegen die Besten zu spielen und dann hoffentlich am Samstagabend nach Bremen zurückzufliegen und etwas Historisches geschafft zu haben.“

Die einzigartige Durststrecke

Historisch wäre schon ein Punktgewinn in München, denn damit würde eine im deutschen Profifußball einzigartige Durststrecke enden: 22 Pflichtspiele in Folge hat Werder gegen die Bayern verloren. Eine Zahl, die wohl kein Bremer Fan mehr lesen mag. Mit all seinem rhetorischen Geschick schaffte es Kohfeldt, die vermaledeite Serie nur kurz zu erwähnen, um dann glaubhaft Vorfreude auf das Duell mit dem Rekordmeister auszustrahlen: „Wir wissen alle, was in den vergangenen Jahren war und wie die Ausgangslage aussieht. Aber es ist doch ein Superspiel für uns, auf das wir große Lust haben.“

Mut macht dem Trainer seine persönliche Bayern-Bilanz. Das verwundert zunächst, denn in sechs Pflichtspielen als Bremer Cheftrainer kassierte Kohfeldt sechs Niederlagen. Bis auf das 1:6 in der Hinrunde der vergangenen Spielzeit ging es aber jedes Mal knapp zu. „Mit Ausnahme dieser zweiten Halbzeit in München waren es immer enge Spiele. Wir haben es nur nie geschafft, die Aufmerksamkeit bis zur 90. Minute hoch zu halten“, blickte er zurück. Dieses Mal soll das gelingen, auch weil Werder ohne den ganz großen Druck aufspielen kann. Zehn Punkte sind für Kohfeldt ein „ordentliches Punktepolster“. Daraus folgt für ihn: „Wir können das Bayern-Spiel ein bisschen rausnehmen aus dem Kalender, ohne dass es ein Bonusspiel ist. Wir wollen gewinnen, können aber mental eine spezielle Herangehensweise wählen.“

Alles ausblenden

Die Spieler sollen ganz ohne Ballast und voller Vorfreude an die Aufgabe herangehen, schließlich erwartet ohnehin keiner etwas von ihnen. Kohfeldt erzählte, was er seiner Mannschaft unter der Woche einbläute: „Blendet alles aus! Die Tabelle. Die Ausgangssituation. Wir müssen uns darauf freuen, dass wir uns mit der besten Mannschaft Europas messen können.“ Dass diese Freude schnell vergehen kann, wenn die Bayern ernst machen, weiß kaum eine Mannschaft so gut wie Werder. Der Ex-Bremer Sebastian Prödl verglich Spiele in München mal mit einem Zahnarztbesuch. Frank Baumann mag diesen Spruch nicht. „Wenn man mit der Einstellung nach München fährt, dass es nichts zu holen gibt und man mit Schmerzen nach Hause kommt, dann holt man auch nichts“, sagte Werders Sportchef. „Man muss mutig sein und muss das auf dem Platz in jeder Aktion dokumentieren.“

Auch für Florian Kohfeldt ist der nötige Mut essenziell: „Eine Chance gibt es nur, wenn sie etwas nachlassen und wir mutig und effizient sind. Du wirst gegen Bayern keine Chance haben, wenn du jeden Ball hinten rauskloppst. Dann werden sie dich irgendwann erdrücken. Du musst dich trauen, auch Fußball zu spielen.“ Mit welcher Startelf er dem Starensemble trotzen will, ließ Kohfeldt offen, sprach aber Ludwig Augustinsson nach überstandener Oberschenkelverletzung eine Einsatzgarantie aus. Verzichten muss Werder nur auf die verletzten Niclas Füllkrug und Milos Veljkovic. Für Davie Selke, der wegen Leistenproblemen ausfiel, kommt ein Einsatz über 90 Minuten zu früh.

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Bei allem Mut dürfte Kohfeldt in seinem 100. Spiel als Bundesliga-Trainer den Fokus auf die Defensive richten. Mit einer Dreierkette sowie zwei Außenspielern und zwei defensiven Mittelfeldspielern stand Werder zuletzt stabil. Immerhin sind die Bremer sechs Partien in Folge ungeschlagen, auch wenn die jüngsten vier Spiele allesamt 1:1 endeten. Dass eine Mannschaft fünfmal hintereinander 1:1 spielt, gab es in der Bundesliga erst einmal (Leverkusen in der Saison 1980/81). Auf diesen Rekord ist Kohfeldt allerdings überhaupt nicht scharf: „Fünfmal 1:1 klingt irgendwie langweilig“, sagte er. „Mir wäre ein 2:2 in München lieber, das ist mehr Spektakel.“ Ganz nebenbei würde solch ein überraschender Punktgewinn auch dafür sorgen, dass Marco Friedls gewagte 20-Punkte-Prognose plötzlich doch zu schaffen wäre.

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