Kohfeldt jetzt auch Standard-Trainer

Das Ende der Wurstigkeit

Dass Werder wieder Lebenszeichen im Abstiegskampf sendet, hat auch mit der Defensive zu tun. In der Zuständigkeit bei Standard-Situationen hat es einen interessanten Wechsel im Trainer-Team gegeben.
28.05.2020, 18:03
Lesedauer: 3 Min
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Das Ende der Wurstigkeit
Von Christoph Sonnenberg
Das Ende der Wurstigkeit
Nordphoto

Wer sich einen Eindruck verschaffen wollte, ob das wirklich Werder Bremen war, das zuerst in Freiburg gewonnen und dann gegen Gladbach ein verdientes Unentschieden eingefahren hatte, hatte am vergangenen Mittwoch überraschend die Möglichkeit. Da trainierten die Bremer in Fleisch und Blut wie sonst üblich auf den Plätzen 4 und 5 am Weserstadion. Vom Osterdeich hatte man einen freien Blick auf das Treiben und konnte sich vergewissern, dass es tatsächlich dieselben Spieler sind, die gerade in Geisterspielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit um Punkte kämpfen.

Die Verwunderung war ja groß nach den letzten beiden Partien und die Frage, warum plötzlich klappt, was so lange gar nicht geklappt hatte, stand riesengroß im Raum. Was wie eine kleine Demonstration wirken konnte – frei nach dem Motto: Seht her, wir sind es wirklich! –, war in Wahrheit nur der Tatsache geschuldet, dass die anderen zum Training genutzten Plätze eine kleine Auszeit verdient hatten. „Wir haben viel im Stadion trainiert und auch Platz 11 hat mal eine Pause gebraucht„, sagt Frank Baumann. „Grundsätzlich sind aufgrund der Vorgaben aus der Politik und aus dem Medizin-Konzept alle Einheiten nicht öffentlich.“

Größerer Handlungsspielraum für Kohfeldt

Die letzten beiden Auftritte haben dafür gesorgt, dass wieder Zuversicht herrscht unter den Werder-Fans. Es gibt ein paar Gründe, die die Wandlung erklärbar machen. „Athletik, mentale Verfassung, Selbstvertrauen" zählt Baumann auf. Nach der vielwöchigen Pause, die coronabedingt eingelegt werden musste, seien die Bremer Profis endlich auf dem körperlichen Stand, den sie zuvor durch viele Verletzungen nie erreicht hätten. Bisher war es meist so, dass Werder ab der 70. Minute eingebrochen ist. Gegen Gladbach hingegen konnten sogar in der 80. Minute noch zugelegt werden.

Das sorgt zugleich für mehr Konkurrenzkampf innerhalb des Kaders und verschafft Florian Kohfeldt einen deutlich größeren Handlungsspielraum bei seinen Aufstellungen. Leonardo Bittencourt nach seinem Siegtreffer in Freiburg gegen Gladbach zunächst auf die Bank setzen zu können war ein Luxus, den der Trainer so bisher nicht kannte. Es macht eben einen Unterschied, ob in der Schlussphase Bittencourt eingewechselt werden kann oder der 18-jährige Nick Woltemade eingewechselt werden muss. Nuri Sahin und Johannes Eggestein wurden aus sportlichen Gründen erst gar nicht für den Kader nominiert. Und dass Davie Selke zuletzt zweimal auf der Bank saß, zeigt, dass Kohfeldt von seinen neuen Möglichkeiten Gebrauch macht.

Zwei Spiele in Folge ohne Gegentreffer

Neu ist auch, dass Werders Defensive stabiler ist. Zwei Spiele in Folge ohne Gegentreffer ist Rekord in einer Saison, in der zuvor nur ein einziges Spiel ohne eines endete: Am 18. Januar siegte Werder 1:0 in Düsseldorf. 59 Gegentreffer hat Werder kassiert, nur Mainz hat zwei mehr bekommen.

Beim Re-Start gegen Leverkusen kassierte Werder noch vier Tore, jedes einzelne davon war zu verteidigen. Mit größter Wurstigkeit wurden Flanken nicht verhindert oder Gegner nicht attackiert. Das 1:2 von Leverkusens Havertz war der 18. Gegentreffer nach einer Standardsituation. Das hat plötzlich ein Ende. Freiburg, die vor dem 0:1 gegen Werder elf der letzten 15 Tore nach Standards erzielt hatten, blieb nach Eckbällen oder Freistößen erfolglos. Ebenso Gladbach.

Der Grund dafür dürfte eine neue Aufgabenverteilung innerhalb des Trainer-Teams sein. Ilia Gruev, vor der Saison als weiterer Co-Trainer zu Werder gekommen, kümmerte sich bisher schwerpunktmäßig um Standardsituationen. Zeitweise war sogar der ehemalige Mental-Trainer Andreas Marlovits eingebunden, um sich mit der mentalen Seite des Problems zu befassen. Recht erfolglos, wie die Statistik zeigt.

Die veränderte Mentalität ist ein Schlüssel

Jetzt hat Kohfeldt von Gruev übernommen und kümmert sich persönlich darum, den Spielern das richtige Verhalten bei Standardsituation zu erklären. Mit Erfolg, wie ebenfalls die Statistik belegt. Die gesamte Defensive war gegen Freiburg und Gladbach aufmerksamer und aggressiver in den Zweikämpfen.

Die veränderte Mentalität ist ebenfalls ein Schlüssel, dass Werder plötzlich wieder Lebenszeichen sendet kurz vor dem Untergang. Es scheint den Spielern ins Bewusstsein gesickert zu sein, dass es nur noch begrenzte Möglichkeiten gibt, den zweiten Abstieg nach 40 Jahren zu verhindern. Vielleicht hat die Unruhe, die durch Kritik ehemaliger Werder-Größen wie Dieter Burdenski oder Rune Bratseth entstanden ist, etwas Gutes gehabt. Kohfeldt hat sie dazu gebracht, öffentlich und offensiv um seinen Job zu kämpfen. Seine Spieler haben das im Anschluss ebenfalls getan.

„Die sieben restlichen Spiele müssen wir wie Endspiele angehen. Mit der gleichen Intensität, mit der gleichen Leidenschaft in jeder einzelnen Situation„, fordert Baumann. „Es gibt nullkommanull Grund, nachzulassen.“ Aber wieder Grund zur Hoffnung.

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