„Das ist einfach unrealistisch" Kohfeldt verteidigt Werders Spielstil

Zum vierten Mal in Folge spielt Werder 1:1 und lässt damit wichtige Punkte gegen Köln liegen. Florian Kohfeldt ist trotzdem zufrieden und wehrt sich gegen zu hohe Erwartung an den Bremer Spielstil.
07.11.2020, 10:29
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Kohfeldt verteidigt Werders Spielstil
Von Christoph Sonnenberg

Ganz neu ist es ja nicht mehr, dass man vieles mitbekommt während der 90 Minuten eines Bundesligaspiels, wenn die Stadien leer sind. Und doch kommt es manchmal zu Wortwechseln, die in ihrer Direktheit faszinieren. Dreieinhalb Minuten waren gespielt, als Milot Rashica an der Außenlinie rüde gefoult wurde und Florian Kohfeldt lautstark sein erstes Fazit zog: „Jetzt ist klar, was die wollen!„ Ein Satz, der wohl an Schiedsrichter Florian Badstübner gerichtet war, auf den jedoch Kölns Trainer Markus Gisdol prompt einstieg, der zwanzig Meter neben Kohfeldt stand. „Was wollen wir denn?“, rief Gisdol provokant mit weit ausgebreiteten Armen.

Beantwortet hat Kohfeldt die Frage nicht, aber es war der Auftakt eines munteren Zweikampfs an der Seitenlinie. Beide Trainer beharkten sich verbal in einer Intensität, die den Zweikämpfen auf dem Platz in nichts nachstand. Und die zeigte, wie beide, Kohfeldt und Gisdol, unter Druck stehen. Der eine, weil er seit acht Monaten keinen Sieg mehr eingefahren hat und es ganz einfach um seinen Job geht. Der andere, weil er nach durchaus geglücktem Start weiß, dass er da ein fragiles Gebildet betreut, bei dem nicht klar ist, ob es fest genug ist für den Überlebenskampf der Bundesliga oder nicht.

„Wir hätten gewinnen müssen"

Schon im Vorfeld der Partie gegen Köln hat Kohfeldt von einer großen Anspannung gesprochen. Es sei ein richtungsweisendes Spiel, hatte er gesagt. Mit einem Sieg wären es zwölf Punkte aus sieben Spielen gewesen, eine Bilanz, mit der sich ganz beruhigt hätte in die nun anstehende Länderspielpause gehen lassen können. Eine Niederlage gegen den so lange sieglosen FC wäre ein Rückfall in alte Zeiten gewesen, ein empfindlicher Rückschlag. Und ein Remis, nun ja, ein Remis bedeutet, dass niemand so wirklich weiß, was in dieser Saison nun möglich ist und was nicht. Das 1:1 gegen Köln ist das vierte 1:1 in Folge.

Als alles vorbei war, rang Kohfeldt um die Bedeutung des Spiels. „Ich bin sehr unzufrieden, dass wir ein Tor kassiert haben", sagte er, das habe nicht dem Spielverlauf entsprochen. Denn insgesamt „haben wir sehr gut verteidigt". Er ärgerte sich, zwei Punkte verloren zu haben. „Wir hätten gewinnen können und es auch müssen. Am Ende ist der Punkt nach dem Spielverlauf zu wenig. Wir hatten deutlich mehr Chancen als der Gegner. Und die hätten reichen können, um das Spiel zu gewinnen."

Kohfeldt sieht einen deutlichen Reifeprozess

Dagegen gibt es keinen Einspruch, weil Köln in den 90 Minuten eigentlich keine einzige wirkliche Chance hatte. Den Treffer zur Führung übernahm Werders Kapitän Niklas Moisander mit einem unnötigen Eigentor selbst. Die Bremer kreierten aber auch nur in sehr bescheidenem Ausmaß Möglichkeiten, ein Tor zu erzielen. Manuel Mbom kam bereits nach 45 Sekunden zu einer Gelegenheit, Josh Sargent kurz darauf und kurz vor Ende des Spiels erneut. Viel mehr war nicht.

Kohfeldt hat dennoch gesehen, was sich vermutlich nicht jedem anderen Zuschauer offenbarte: „Einen deutlichen Reifeprozess der Mannschaft, mit dem man zufrieden sein kann.„ Er benannte ein Beispiel aus der vergangenen Saison. Vier Tag nach dem 3:2-Sieg im Pokal gegen Borussia Dortmund Anfang Februar unterlag Werder im Weserstadion Union Berlin. „Das war genau so ein Spiel wie jetzt gegen Köln, nur haben wir das 0:2 verloren.“

Der größte Spaßverderber der Liga

Bremens Trainer wird die Geister nicht los, die er einst selbst rief. Vergangene Saison hielt er ewig am Mantra des Dominanz-Fußballs fest. Selbst als viele Experten und Kritiker forderten, doch besser hinten Beton anzurühren, wenn der Klassenerhalt gelingen soll. Jetzt spielt er aus einer geordneten Defensive, bekommt wenig Gegentore und punktet auch noch regelmäßig, steht aber plötzlich in dem Ruf, der größte Spaßverderber der Liga zu sein mit dem Fußball, den er spielen lässt.

Im Nachklapp des Spiels, in der virtuellen Pressekonferenz, war ihm anzumerken, wie sehr er mit kritischen Fragen zum stockenden Offensivspiel haderte. „Wir haben keinen traumhaften Kombinationsfußball gespielt, ja, gut. Aber bitte, ich verstehe die Fragen teilweise nicht mehr. Ich kann sie wirklich nicht nachvollziehen.„ Der Trainer ist zum Pragmatiker geworden. Eine Rolle, die er vergangene Saison lange abgelehnt hat, als er von der Vorstellung, mit welchem Anspruch sein Fußball verbunden sein soll, lange nicht abweichen wollte. „Ganz ehrlich: Es kann doch keiner erwarten, dass wir jetzt den Gegner nach Strich und Faden auseinander spielen. Das ist einfach unrealistisch.“

„Unterstützt doch in Bremen alle diese Mannschaft"

Das ist es wohl, denn letztlich entscheiden die Mittel über die Komplexität des Produkts, das am Ende herauskommt. Kohfeldt hat das nicht so gesagt, es lässt sich ableiten aus seinem ausgesprochenen Lob, das nach dem Spiel explizit zwei Spielern galt, Manuel Mbom und Christian Groß. „Alles raushauen" würden sie. Was zweifelsfrei stimmt. Trotzdem beruht die Erfahrung Mboms im Herrenbereich bisher aus einer Saison in der 3. Liga. Und Groß wurde aus der 4. Liga zu den Profis befördert, weil dort vergangenen Sommer das Personal ausging. Das spiegelt sich in der Leistung wider.

Wer es gut meint, sieht es als sympathisches Zeichen, dass beide dauerhaft spielen. Es lässt aber auch den Schluss zu, dass es derzeit keine Alternativen gibt und das der wahre Grund für ihre Aufstellung ist.

Sie machen ihre Sache gut, sind aber eben nicht gehobenes Bundesliganiveau. Groß besetzt eine der wichtigsten Positionen innerhalb einer Mannschaft, die des zentralen defensiven Mittelfeldspielers. Dort spielen häufig die teuersten Profis eines Kaders, weil sie die ersten Aufbauspieler der Offensive sind, bei Werder hingegen nicht. Das aufzulösen ist Kohfeldts Job, ohne die Missstände offen anzuprangern.

Er versucht, das über eine starke Gemeinschaft aufzufangen, ein Kollektiv. Und Kohfeldt wünscht sich, dass auch Werders Anhänger eine Gemeinschaft bilden, um diese Saison zu einem guten Ende zu bringen, dem Klassenerhalt. „Kommt, ey, unterstützt doch in Bremen alle diese Mannschaft. Das ist ein guter Weg, den sie geht!" Dass es kein leichter wird, hat das Spiel gegen Köln gezeigt.

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