Kommt Erras' Chance gegen Stuttgart?

Der Vergessene

Gegen Stuttgart fehlen Werder mit Kevin Möhwald und Manuel Mbom zwei Kandidaten für das defensive Mittelfeld. Trotzdem hat Patrick Erras kaum eine Chance auf die Startelf. Er hat weiterhin einen schweren Stand.
02.12.2020, 18:57
Lesedauer: 3 Min
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Von Christoph Bähr und Jean-Julien Beer

Das Wolfsburg-Spiel war gerade vorbei, als Florian Kohfeldt schon seine verbliebenen Optionen für das Mittelfeld durchging. Kevin Möhwald hatte sich eine Gelb-Rote Karte eingehandelt, Manuel Mbom hatte die fünfte Gelbe Karte kassiert. Also überlegte der Werder-Trainer mit Blick auf die kommende Partie gegen Stuttgart: „Das Mittelfeld ist der Mannschaftsteil, in dem wir am wenigsten Auswahl haben. Maxi Eggestein und Christian Groß können auf der Doppel-Sechs spielen. Vielleicht darf der eine oder andere positionsfremd ran, Leo Bittencourt hat auch schon auf der Doppel-Sechs gespielt.“ Und dann scherzte Kohfeldt noch mit Blick auf seinen Co-Trainer Tim Borowski, früher ein Mittelfeldspieler gehobener Klasse: „Der hat Knieprobleme, der kann auch nicht.“

Während Kohfeldt also sogar Offensivspieler Bittencourt und Ex-Profi Borowski nannte, kam Patrick Erras in der Aufzählung der Mittelfeldalternativen nicht einmal vor. Vielleicht hatte der Coach ihn nur vergessen, doch dass der Ex-Nürnberger bei Kohfeldt einen schweren Stand hat, ist offensichtlich. In den Vorbereitungsspielen bekam Erras noch viel Einsatzzeit, spielte zumeist unauffällig, aber ordentlich. Kohfeldt fiel dabei auf, dass Erras sich als Teil einer Doppel-Sechs sicherer fühlt als alleine im defensiven Mittelfeld. Nun setzt Werder inzwischen sogar auf eine Doppel-Sechs, doch den Platz an der Seite von Maximilian Eggestein bekam Christian Groß, der vollends überzeugte. Für Erras reichte es nicht einmal zu einem Kurzeinsatz. Als er jüngst beim Testspiel gegen St. Pauli (2:4) mal wieder spielen durfte, wirkte er sichtlich verunsichert.

Gegen die Bayern nicht im Kader

Man könnte fast denken, dass der ruhige Erras öfter mal vergessen wird. In den neun Bundesligaspielen stand er nur dreimal im Kader. Zwei Partien verpasste er wegen einer Oberschenkelverletzung. Erst bekam Debütant Mbom seine Chance in der Startelf und dann Groß, während Erras überraschend nicht einmal im Aufgebot stand. Beim 1:1 gegen die Bayern wurde ihm kürzlich U 23-Spieler Julian Rieckmann bei der Vergabe der Kaderplätze vorgezogen. Beim 3:5 in Wolfsburg saß Erras zwar wieder auf der Bank, wurde aber gar nicht erst zum Warmlaufen geschickt. Der Eindruck drängt sich auf, auch wenn das natürlich niemand so klar sagt: Kohfeldt hält Erras momentan nicht für gut genug, um in der Bundesliga zu spielen.

Gegen Stuttgart erscheint ein Startelfeinsatz des 1,96-Meter-Hünen somit unwahrscheinlich – trotz der Sperren von Möhwald und Mbom. „Dass die beiden fehlen, kann eine Chance für andere Spieler sein, die noch nicht so zum Zuge kamen“, sagt Sportchef Frank Baumann. Wahrscheinlich bilden allerdings Eggestein und Groß ein Duo im defensiven Mittelfeld. Für Erras bleibt nur die Hoffnung auf eine Einwechslung. Zuschulden kommen lassen habe sich der Zugang nichts, betont Clemens Fritz, Werders Leiter Profifußball. „Patrick hat einen tollen Charakter.“ Ein gewisser Frust sei bei ihm zwar spürbar, „aber dieser ganze Frust, der ganz normal ist, kann auch etwas Positives in Gang setzen“, betont Fritz. „Das Wichtigste ist, dass er weiter an sich arbeitet. Ich bin überzeugt davon, dass er seine Einsatzzeiten bei uns bekommen wird.“

Warten auf das Momentum

Baumann wirbt im Gespräch mit dem WESER-KURIER ebenfalls um Geduld mit Erras: „Wir haben schon erwartet, dass es bei ihm ein bisschen dauern kann. Wie schnell es geht, hängt auch von vielen kleineren Dingen ab. Hat man das Momentum auf seiner Seite oder nicht? Patrick geht sehr gut mit der Situation um.“ Baumann war eine treibende Kraft bei Erras' Verpflichtung. Es gibt einige Parallelen zwischen den beiden: die Nürnberger Vergangenheit, die Position, die ruhige Art. Baumann hatte Erras schon länger im Blick und holte ihn im Sommer zu Werder, als der Mittelfeldspieler seinen Vertrag beim Zweitligisten nicht verlängerte. Erras, der schon eine Saison mit Nürnberg in der Bundesliga spielte, wollte den nächsten Schritt gehen und sich dauerhaft in der Erstklassigkeit beweisen.

Bei Werder lief es auch gut an. Er fühlte sich schnell wohl, absolvierte die Testspiele und stand beim Erstrundenspiel im DFB-Pokal gegen Jena in der Startelf. Gegen den Viertligisten spielte Erras als Pendler zwischen Mittelfeld und Abwehr nicht besonders gut, aber auch nicht katastrophal schlecht. Zur Halbzeit wurde er laut Kohfeldt aus taktischen Gründen ausgewechselt. Seitdem ist er komplett außen vor. Wenn Erras trotz der Ausfälle auch gegen Stuttgart nicht spielen sollte, würde sich schon die Frage stellen, was überhaupt passieren muss, damit er eine Chance erhält.

Und die nächste Frage würde lauten: Macht der Werder-Zugang womöglich schon in der Winter-Transferphase im Januar wieder den Abflug? Darauf hat Frank Baumann schon jetzt eine klare Antwort parat: „Sowohl für uns als auch für Patrick ist ein Wechsel kein Thema. Er möchte seine Situation bei Werder in den kommenden Wochen und Monaten verbessern. Das merkt man ihm an.“ Nach WESER-KURIER-Informationen zeigten Zweitligisten aus Deutschland und England bereits Interesse an einer Ausleihe, doch Patrick Erras will nicht vorschnell aufgeben. Er will sich bei Werder durchbeißen – in der Hoffnung, dass Florian Kohfeldt ihn bald nicht mehr vergisst, wenn es um Alternativen für das defensive Mittelfeld geht.

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