In der Offensive hängt viel an Füllkrug Werders kleine Fortschritte in der Königsdisziplin

Werders Offensivspiel hat sich leicht gesteigert, die Mannschaft erarbeitet sich in kleinen Schritten wieder eine Basis. Die nahende Rückkehr von Niclas Füllkrug steigert zudem die Hoffnung auf mehr Tore.
30.12.2020, 11:22
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel

Mit seiner Wintermütze und dem Schal, den er bis zur Nase hochgezogen hatte, war Niclas Füllkrug am Dienstagvormittag kaum zu erkennen. Es war aber tatsächlich der lange verletzte Werder-Stürmer, der mit seinen Teamkollegen zum Trainingsplatz ging. Erstmals konnte Füllkrug wieder mit der Mannschaft trainieren und absolvierte Teile der Einheit. Beim Heimspiel gegen Union Berlin am kommenden Sonnabend könnte der 27-Jährige dann zumindest wieder als Joker auf der Bank sitzen. Das sei nicht ausgeschlossen, sagte der Leiter Profifußball Clemens Fritz. „Wir müssen in den nächsten Tagen aber erst einmal genau schauen, wie er auf die Belastungen des Trainings reagiert.“

Füllkrug fehlt seit Ende Oktober wegen einer Muskelverletzung in der Wade, die sich als hartnäckiger erwies als zunächst von Werder angenommen. Seine Rückkehr wird sehnlich erwartet. Seit neun Wochen hat Füllkrug kein Spiel mehr bestritten. Werders Mittelstürmer hat in dieser Zeit acht Ligaspiele verpasst, von denen die Bremer nur eines gewannen. Die Kollegen versuchten vergeblich, Füllkrug in der internen Torschützenliste abzulösen: Mit vier Toren in fünf Ligaspielen ist er immer noch Werders gefährlichster Angreifer.

Das sagt zum einen etwas über Füllkrug aus und dessen Stellenwert für die Mannschaft. Es deutet aber auch an, dass Werder nach mehr als einem Drittel der Saison immer noch auf der Suche ist nach einem tragfähigen Offensivkonzept, das losgelöst von einzelnen Spielern funktioniert. Besonders in den ersten Partien der Saison, das 3:1 gegen desolate Schalker ausgenommen, verfolgte die Mannschaft einen sehr reaktiven Ansatz. Ballbesitzanteile von teilweise deutlich unter 40 Prozent gegen Teams, die auf Augenhöhe zu verorten waren, belegten das eindeutig.

Ballbesitz verändert sich

Ganz langsam verbessert sich nicht nur die Statistik, sondern auch das Bremer Verhalten bei Ballbesitz. In den vergangenen Wochen hat sich Florian Kohfeldts Mannschaft etwas davon emanzipiert, sich vor allem über defensive Aktionen zu definieren. Das Bremer Spiel ist immer noch zweckgebunden, aber freier in seiner Ausgestaltung. Kohfeldt hat in der Abwehr die Dreierkette fest verankert. Die recht große Auswahl an Innenverteidigern beim gleichzeitigen Mangel an defensiven Mittelfeldspielern mag ein Grund dafür gewesen sein.

Im bevorzugten 3-4-2-1 können die beiden Halbstürmer und ein höher schiebender Sechser die Anlaufstellen in den Halbräumen besetzen, während die Flügelverteidiger offensiv agieren. Die beiden Sechser können sich zumindest theoretisch gut ergänzen, die Last liegt schon lange nicht mehr auf nur einem Spieler in der Zentrale vor der Abwehr. Über die Aufteilung der drei Innenverteidiger lassen sich günstigere Passwinkel herstellen als bei nur zwei tiefen Aufbauspielern. An diesen kleinen Rädchen hat Werder zuletzt geschraubt. Und auch wenn noch lange nicht alles ineinander greift, erreichte die Mannschaft zumindest phasenweise wieder so etwas wie Spielkontrolle durch einen ruhigeren Ballvortrag. „Wir machen kleine Schritte. Das Herausspielen von Chancen ist die Königsdisziplin im Fußball, dafür werden wir noch etwas Zeit brauchen“, sagte Trainer Kohfeldt kürzlich.

Gefestigt werden die zarten Anflüge kollektiver Verbesserungen im Offensivspiel von der positiven Entwicklung einiger Spieler. Marco Friedl etwa oder Ludwig Augustinsson – das Pärchen funktioniert auf der linken Seite ordentlich. Augustinsson ist in seiner abgewandelten Rolle als Flügelspieler derzeit fast so etwas wie der wichtigste Akteur in der Offensive. Der Schwede ist der entscheidende Teil in einer asymmetrischen Anordnung der Mannschaft, soll als zusätzliche Mittelfeldkraft das Angriffsspiel anschieben und dient als Flankengeber – unter anderem für seinen Gegenüber Theo Gebre Selassie, dem oft die Rolle des Abnehmers am zweiten Pfosten zuteil wird.

Wichtig ist das erste Tor

Das Gerüst wackelt zwar noch hier und da, aber es steht. Der Weg zurück zu einem proaktiven Fußball mit mehr als zwei oder drei Torchancen pro Partie dürfte trotzdem noch sehr weit werden. Das deutete auch Clemens Fritz zumindest indirekt an, als er kürzlich über Werders Offensivspiel sprach: „Wir haben uns in den vergangenen Wochen schon Torchancen erarbeitet, das letzte Quäntchen hat eben gefehlt. Mainz stand zum Beispiel auch sehr kompakt und defensiv. Man braucht dann mal ein Tor als Dosenöffner, um freie Räume zu bekommen.“

Das erste Tor einer Partie ist und bleibt für Werder also der Marker: Schafft es die Mannschaft, selbst in Führung zu gehen, greift das aktuelle Spielkonzept ziemlich gut. Nach einem Rückstand tun sich die Bremer dagegen sehr schwer. Lösungen gegen tief stehende Gegner sind weiter kaum in Sicht, und Zeit für eine grundsätzliche Kehrtwende bleibt kaum. Die Winterpause hat ihren Namen nicht verdient, ein Trainingslager zur Kurskorrektur gibt es nicht. Gerade für Mannschaften mit Nachholbedarf ist das eine ziemlich ungünstige Konstellation.

Große Entwicklungsschritte sind bei Werder also eher nicht zu erwarten. Immerhin stehen Füllkrug und Davie Selke vor der Rückkehr. Milot Rashica soll Ende Januar wieder ins Training einsteigen. Bei aller Kritik darf man nicht vergessen, dass Werder seit Wochen fast ohne Angreifer spielt. Josh Sargent war der letzte verbliebene echte Stürmer. Er steht bei einem Saisontor in der Liga. Mit Füllkrug als Anspielstation und Abnehmer von Flanken könnte es im Bremer Angriff schon bald wieder anders aussehen. Für Werder bleibt nur zu hoffen, dass der Stürmer auch mal für längere Zeit fit bleibt.

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