Mit Bargfrede geht eine Identifikationsfigur Der Abschied des Abräumers

Die Entscheidung ist vernünftig, aber sie ist auch schmerzhaft: Philipp Bargfrede muss Werder verlassen. Mit ihm verliert der Verein eine echte Identifikationsfigur, einen Jungen aus der Region.
03.08.2020, 19:05
Lesedauer: 4 Min
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Der Abschied des Abräumers
Von Christoph Bähr

Als die berühmte Champions-League-Hymne Ende 2009 zum bislang letzten Mal im Weserstadion erklang und Werder in der Königsklasse gegen Inter Mailand spielte, war er schon dabei. Beim letzten DFB-Pokal-Finale 2010 gegen die Bayern auch. Als die Mannschaft dann immer weiter abrutschte, hielt er im Abstiegskampf seine Knochen hin. Wann immer es sein geschundener Körper zuließ, grätschte er über den Rasen. Philipp Bargfrede fehlte zwar oft verletzt, doch irgendwann kam er stets zurück und spielte meistens direkt so, als wäre er nie weg gewesen. Insgesamt 16 Jahre im Werder-Trikot – in guten wie in schlechten Zeiten war Bargfrede immer da, doch jetzt ist er plötzlich weg. Der 31-Jährige erhält keinen neuen Vertrag mehr.

Am Montag gab Sportchef Frank Baumann diese Entscheidung bekannt. Auch Verteidiger Sebastian Langkamp (32) hat bei Werder keine Zukunft. Baumann und Trainer Florian Kohfeldt wollen nach dem Fast-Abstieg eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft aufbauen, die beiden Routiniers passen nicht mehr ins Konzept. Nur Außenstürmer Fin Bartels (33) darf noch auf einen neuen Vertrag hoffen. „Mit Fin haben wir besprochen, dass wir aufgrund der Kaderstruktur noch keinen Entschluss treffen können“, sagte Baumann. „Auf seiner Position wollen wir uns etwas Zeit nehmen.“

Menschlich seien ihm die Entscheidungen alles andere als leichtgefallen, betonte der Sportchef. Insbesondere bei Bargfrede war es ein Abwägen zwischen Emotionen und Vernunft. „Bargi ist eine Institution bei Werder“, verdeutlichte Baumann. Nach dem Karriereende von Claudio Pizarro geht mit Bargfrede der letzte Werder-Spieler, der die großen Zeiten des Klubs noch miterlebte.

Nicht mehr in Tritt gekommen

Gerne hätte der Mittelfeldspieler weiter für Werder gespielt, doch Werder lässt ihn nicht mehr. Baumann sprach es nicht aus, aber der Hauptgrund dafür ist die körperliche Verfassung des 31-Jährigen. Zahlreiche schwere Verletzungen plagten Bargfrede über all die Jahre, achtmal wurde er an den Knien operiert. Oft kämpfte er sich zurück, doch in den vergangenen zwei Spielzeiten kam Bargfrede nicht mehr in Tritt, fiel immer wieder aus, trainierte unregelmäßig. Selbst nach der Corona-Zwangspause, die den Spielern zusätzliche Zeit zum Fitnessaufbau beschert hatte, offenbarte Kohfeldt in der Schlussphase der abgelaufenen Saison, dass er Bargfrede maximal für 45 Minuten einplanen könne. Im Relegations-Hinspiel gegen Heidenheim durfte der Mittelfeld-Abräumer dann doch noch einmal für 65 Minuten ran, aber seine läuferischen Defizite traten dabei erschreckend deutlich zutage.

Jetzt einen Schlussstrich zu ziehen, ist wohl das Beste. Trotzdem ist es auch schmerzhaft für viele Werder-Fans. Wo gibt es im heutigen Profifußball noch einen Spieler wie Bargfrede, der seine ganze bisherige Karriere bei einem Verein verbrachte? Geboren in Zeven und aufgewachsen in Heeslingen – ein Junge aus der Region, der sich voll mit seinem Arbeitgeber identifizierte. Viele Fans nennen ihn liebevoll „Graf Derbe“, ein Anagramm aus seinem Namen. Bargfrede betonte immer: „Es ist etwas Besonderes, bei Werder zu spielen, weil ich aus der Werder-Jugend komme und in der Nähe aufgewachsen bin.“

Nach seinem Bundesliga-Debüt im August 2009 galt er schnell als der kommende Mann im Bremer Mittelfeld, als der legitime Nachfolger von Torsten Frings. Bargfrede spielte in der U 21-Nationalmannschaft und stand vor einer großen Karriere, doch dann kamen die Verletzungen. 205 Bundesliga-Spiele (sechs Tore) in elf Jahren bestritt Bargfrede, bei einem normalen Karriereverlauf wären es sicher 100 mehr gewesen. Was hätte er nur erreichen können, wenn er dauerhaft fit gewesen wäre? Bei kaum einem Spieler stellt sich diese Frage so sehr wie bei Bargfrede.

Ein Abschiedsbrief

Und trotzdem war er immens wichtig für Werder. Im defensiven Mittelfeld räumte er zuverlässig ab, haute dazwischen, stellte Passwege zu. Ein echter Zerstörer, der das Spiel aber auch mit cleveren Pässen in die Spitze schnell machen konnte. Dazu war er immer eine Identifikationsfigur: bodenständig, bescheiden, norddeutsch. Genauso nahm er jetzt die bittere Nachricht auf, dass seine Zeit bei Werder endet. Baumann hatte Bargfrede und Langkamp telefonisch in Kenntnis gesetzt, weil beide nicht in Bremen weilten, er sie aber schnellstmöglich informieren wollte. Er berichtete: „Sie waren schon ein Stück weit enttäuscht, denn sie hatten gehofft, dass es hier weitergeht.“

Dass er nicht mehr für seinen Verein spielen darf, tut ihm sicherlich weh, doch Bargfrede kann einstecken, das hat er immer wieder bewiesen. Also trat er jetzt nicht nach, sondern verfasste einen Abschiedsbrief, den Werder am Montag veröffentlichte. „Wenn ich an die zurückliegende Zeit denke, kann ich nur sagen, dass es mich mit Stolz und großer Dankbarkeit erfüllt, eine so lange Zeit bei diesem einmaligen Verein erleben und mit prägen zu dürfen“, schrieb Bargfrede. „Für mich gab es nie etwas Schöneres im Fußball, als im Weserstadion vor diesen unfassbaren Fans einzulaufen, die jedes Mal wieder für eine dieser besonderen Atmosphären gesorgt haben.“

Bargfrede blickte zudem in die Zukunft. Er fühle sich fit, betonte er. „Jetzt freue ich mich auf das, was vor mir liegt und auf die neuen Herausforderungen, die kommen werden.“ Ein paar Jahre will er noch spielen, für welchen Verein, ist offen. Sein Abschied aus Bremen ist aber nur vorübergehend. Nach der Karriere absolviert Bargfrede ein Trainee-Programm bei Werder, das ist bereits vertraglich festgelegt. Auf dieses neue Werder-Kapitel freue er sich schon, erklärte Bargfrede. Er wird also auch dieses Mal wieder zurückkommen, darauf ist trotz allem Verlass.

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