Mit welchen Szenarien Werder kalkuliert

Dickes Minus im Millionenspiel

Am Mittwoch sprechen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten über den Wunsch der Profiklubs nach einer Saisonfortsetzung. Auf welche Szenarien stellt sich Werder ein? Ein Überblick.
05.05.2020, 17:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Malte Bürger und Christoph Bähr

Keine schlechten Nachrichten sind in diesen Zeiten gute Nachrichten. Also vermeldete Werder am Dienstag, dass auch beim zweiten Corona-Test für Spieler und Mitarbeiter aus dem Teamumfeld kein Fall von Covid-19 aufgetreten sei, und versah diese Mitteilung mit dem Foto eines fröhlich lachenden Milot Rashica. Während sich beim Zweitligisten Erzgebirge Aue die gesamte Mannschaft nach dem positiven Test eines Mitarbeiters in Quarantäne begab, sind bei Werder also vorerst die Voraussetzungen geschaffen für einen möglichen Wiedereinstieg ins Mannschaftstraining und einen Neustart der Bundesliga.

An diesem Mittwoch sprechen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten über den Wunsch der Profiklubs nach einer Saisonfortsetzung. Auf welche Szenarien stellt sich Werder ein? Ein Überblick.

Eine klare Tendenz

So schnell kann es gehen. Noch vor kurzer Zeit herrschte völlige Ungewissheit. Mittlerweile stellt sich kaum noch die Frage, ob die Saison in der Fußball-Bundesliga fortgesetzt wird, sondern nur noch nach dem Wann. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die Signale, die aus der Politik gesendet werden. Corona-Beschränkungen für die restliche Bevölkerung hin oder her. „Das grundsätzliche Konzept macht Sinn und kann auch Vorbild sein im Übrigen für andere Profisportbereiche“, sagte beispielsweise Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Dienstag im Deutschlandfunk. „Aber dann muss es auch gelebt werden.“ Zuletzt hatten die Ereignisse bei Hertha BSC allerdings arge Zweifel daran aufkommen lassen, dass die Vorgaben der DFL tatsächlich korrekt umgesetzt werden.

Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten grünes Licht für den Profifußball in Deutschland geben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete mit Verweis auf Informationen aus Verhandlungskreisen bereits am Dienstag davon, dass sich Vertreter von Bund und Ländern darauf geeinigt hätten, die Torejagd in den Stadien schon ab dem 15. Mai wieder zu erlauben. Viel Zeit zur gemeinschaftlichen Vorbereitung bliebe den Teams nicht, an den meisten Standorten – so auch in Bremen – darf bislang nur in Kleingruppen trainiert werden. Das dürfte sich mit einem positiven Beschluss ebenfalls ändern: Der Ligaverband hatte bereits am Montag mitgeteilt, dass sich die Vereine vor der Wiederaufnahme in ein „Trainingslager unter Quarantäne-Bedingungen“ begeben müssten.

Der Faktor Fernsehgeld

Wie alle Profiklubs hofft auch Werder darauf, dass die Saison zu Ende gespielt werden kann. Es geht um die letzte ausstehende TV-Rate und für Werder um Einnahmen von 15 Millionen Euro. Wenn Geisterspiele ausgetragen und somit im Fernsehen übertragen werden, fließt dieses Geld und entlastet den Verein. Doch auch eine Saisonfortsetzung kann nicht verhindern, dass Einnahmen wegbrechen. Da Zuschauer nicht mehr erlaubt sind, summieren sich die Rückerstattungen für bereits gekaufte Tageskarten sowie Dauerkarteninhaber und Businesskunden nach Angaben von Klubchef Klaus Filbry auf bis zu sieben Millionen Euro. Werder hofft, dass einige Fans auf Rückerstattungen verzichten und dem Verein auf diese Art in der schwierigen Lage helfen. „Natürlich nur die, die es sich leisten können“, betonte Filbry. Zum Dank für den Verzicht sollen Dauerkarteninhaber ein Paket „mit einem hohen ideellen Wert“ erhalten sowie ein „ganz besonderes Event mit der Mannschaft“ geboten bekommen.

Zu den fehlenden Ticketeinnahmen kommen offene Rechnungen, auf deren Eingang Werder wartet, in Höhe von fünf Millionen Euro. Also auch bei einem regulären Saisonende mit Geisterspielen fehlen Einnahmen im zweistelligen Millionenbereich. Werder hat bereits angekündigt, einen Kredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Anspruch zu nehmen, um die kurzfristige Zahlungsfähigkeit zu sichern. Immerhin rechnet der Klub bei einer Fortsetzung der Saison nicht mit allzu großen Verlusten bei den Sponsorengeldern. „Für den Fall sind wir zuversichtlich, dass wir die meisten Sponsorenleistungen erbringen können“, sagte Filbry. „Mit dem einen oder anderen kleineren Sponsor müsste man dann sicherlich über Kompensationen sprechen, das wird man hinbekommen.“ Trikotsponsor Wiesenhof hatte gegenüber dem WESER-KURIER bereits angekündigt, in keinem Fall Rückforderungen an Werder zu stellen.

Das Szenario Saisonabbruch

Es ist die Drohkulisse, die sich immer noch vor allen Vereinen der 1. und 2. Bundesliga auftürmt. Ganz unabhängig davon, ob demnächst erst einmal wieder gespielt werden kann. Dafür ist das Kartenhaus noch zu instabil, ein Einsturz weiterhin möglich. Und ein Einsturz bedeutet in diesem speziellen Fall Abbruch der Saison. Ausgeschlossen ist es jedenfalls nicht, dass Spieler, Trainer oder Betreuer flächendeckend erkranken, vielerorts in Quarantäne müssen und ein ohnehin schon beeinträchtigter Ablauf der Spieltage folglich gar nicht mehr möglich ist.

In den vergangenen Wochen sind diesbezüglich einige emotionale Worte gefallen. Bei Werder beließ man es beim Manager-Sprech und erstellte ein Worst-Case-Szenario. In diesem würden die ohnehin schon kniffligen Zahlen noch einmal kniffliger werden. Im Falle eines Saisonabbruchs erhöht sich das Minus nach Vereinsangaben aufgrund von Rückzahlungen der TV-Gelder sowie ausbleibender Sponsorengelder, die an Fernsehübertragungen geknüpft sind, um 18,5 Millionen Euro. Laut Klaus Filbry würden so im schlimmsten Fall insgesamt 40 bis 45 Millionen Euro an Einnahmen wegbrechen.

Und dann ist da ja noch der Blick auf die neue Saison, von der niemand weiß, wann sie beginnt und wie sie überhaupt aussieht. Wenn eine Hinrunde ohne Zuschauer bis Dezember gespielt werden würde, müsste Werder dadurch wohl auf weitere 16 Millionen Euro (Ticketverkäufe, Sponsoren, VIP-Bereich) verzichten.

Das Szenario Abstieg

Wenn die Saison zu Ende gespielt wird, sichert das Fernseheinnahmen, bringt aber auch die Gefahr des sportlichen Abstiegs. Als Tabellen-17. befindet sich Werder in einer denkbar schlechten Ausgangsposition. Sollten die Bremer zum zweiten Mal in der Klubgeschichte aus der Bundesliga absteigen, hätte auch das fatale finanzielle Auswirkungen. Werder kalkuliert nach Informationen des WESER-­KURIER mit Mindereinnahmen von etwa 45 Millionen Euro im Abstiegsfall – also mit einer ähnlichen Summe wie im Falle eines Saisonabbruchs. Davon würden 30 Millionen Euro aus den geringeren Fernsehgeldern resultieren, der Rest aus reduzierten Sponsoren- und Ticketerlösen. In der 2. Liga würde Werder aber natürlich auch die Ausgaben deutlich reduzieren. In vielen Spielerverträgen gibt es Klauseln, nach denen das Gehalt im Abstiegsfall sinkt. Die Kaufpflichten bei den Leihspielern Leonardo Bittencourt, Ömer Toprak und Davie Selke gelten nicht für die 2. Liga.

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