Weniger Nationalspieler, weniger Geld, weniger Erfolg Werder Bremen muss sich neu erfinden

Bremen. Umbruch? Ausverkauf? Wie auch immer man das, was bei Werder Bremen gerade stattfindet, nennen will: Der Klub, der zwischen 2004 und 2011 sechs Mal in der Champions League spielte, muss sich neu erfinden.
02.05.2012, 05:02
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Werder Bremen muss sich neu erfinden
Von Marc Hagedorn

Bremen. Die "Ewige Bundesliga-Tabelle“ weist Werder Bremen noch immer als Nummer zwei hinter dem FC Bayern aus. Ein paar Jahre lang war Werder zuletzt tatsächlich erster Herausforderer des Rekordmeisters aus München. Aber das ist längst vorbei. Werder wird auch diese Saison mit einer negativen Bilanz und voraussichtlich einem Platz im grauen Ligamittelfeld abschließen – nun schon zum dritten Mal innerhalb von nur vier Jahren und mit möglicherweise weniger Punkten als zur Nach-Rehhagel-Zeit unter den Trainern Aad de Mos und Dixie Dörner.

Nachdem Werder den Transfer von Marko Marin zum FC Chelsea mitgeteilt hatte, überschrieb die Deutsche Presse-Agentur die entsprechende Meldung mit den Worten "Marin zu Chelsea: Symbol für das Ende einer Ära". Die Ära, die zu Ende geht, war gekennzeichnet von einem Meistertitel, zwei DFB-Pokalsiegen und sechs Champions-League-Teilnahmen. Die Gesichter dieser Ära waren Fußballer wie Tim Wiese, Per Mertesacker, Miroslav Klose, Ailton, Valerien Ismael, Torsten Frings, Naldo, Mesut Özil, Diego, Claudio Pizarro – kaum noch einer von ihnen ist geblieben.

Werder muss sich komplett neu aufstellen. Vorbei die Zeiten, in denen die Bremer dank der Millionen aus der Champions League den zweit- oder drittteuersten Kader der Liga hatten. Noch 2008/2009 und 2009/2010 musste Werder fast 55 Millionen Euro für seine Lizenzspielermannschaft ausgeben. Der Geschäftsbericht für die Spielzeit 2009/2010 weist 35 Millionen Euro an fixen Gehältern aus, dazu 14 Millionen an erfolgs- und einsatzabhängigen Prämien plus rund fünf Millionen Euro als sogenannte Jahresleistungsprämien. Die Zuzahlungen fielen auch deshalb so hoch aus, weil Werder 2009 und 2010 in insgesamt drei Endspielen stand (zweimal DFB-Pokal, einmal UEFA-Cup) und im Mai 2010 auf den letzten Drücker auch noch die Qualifikation für die Champions League perfekt machte. Von diesen hohen Kosten will und muss Werder runter, weil der Gegenwert – die gezeigten sportlichen Leistungen der Spieler – seitdem nicht mehr stimmten.

Zum Vergleich: Die aktuelle Gladbacher Mannschaft kostet 30 Millionen Euro. Der VfL Wolfsburg zahlt jährlich rund 50 Millionen an seine Profis, beim FC Schalke 04 sollen es sogar gut 60 Millionen sein. Sie haben damit hinter den Bayern die kostspieligsten Kader der Liga. Dass es auch billiger und trotzdem erfolgreich geht, demonstriert seit zwei Jahren Borussia Dortmund: 35 Millionen Euro gab der BVB 2010/2011 für seine Meistermannschaft der vergangenen Saison aus. Für das Ziel Titelverteidigung erhöhten die Borussen ihr Budget im Vorjahr um sechs Millionen auf 41 – knapp darunter dürfte die Zahl liegen, an der sich Werder Bremen nun orientiert.

Deshalb ist der Klub seit zwei Jahren dabei, fleißig Gehälter einzusparen, etwa von Akteuren, die während der fetten Jahre in der Champions League gut dotierte und langfristige Verträge erhalten hatten (Pasanen, Jensen, Vranjes, Borowski, Almeida). Im Paket mit der Trennung von Top-Leuten und Spitzenverdienern wie Mertesacker, Frings, Özil, Marin und Wiese dürfte das in der Summe über 25 Millionen Euro an Gehaltseinsparungen bringen. Und: Erfolgsprämien fallen seit gut zwei Jahren auch kaum mehr an. Die Neuzugänge, vielleicht mit Ausnahme von Mehmet Ekici, verdienen deutlich weniger als ihre Vorgänger.

Der Sparkurs der letzten 18 Monate hat indes seinen Preis: Werder zahlt dafür mit einem Substanzverlust, vor allem in Sachen Erfahrung. Nur der Hamburger SV hat in der jüngeren Vergangenheit ähnlich rigide gekürzt.

Wirtschaftlich steht Werder Bremen trotz der Europapokal-Abstinenz nach wie vor so gut da, dass die Deutsche Fußball Liga (DFL) dem Klub kürzlich die Lizenz für die kommende Saison erneut ohne Auflagen erteilt hat. Was bleibt, ist das Fragezeichen hinter dem fußballerischen Potenzial der künftigen Mannschaft. Die Verantwortlichen machen sich da offenbar weniger Sorgen als das Umfeld. Werder-Boss Klaus Allofs hat das klare Ziel formuliert, mittelfristig wieder eine Mannschaft beisammen haben zu wollen, die für die Champions League in Frage kommt. Das Gerüst dafür sollen nach Allofs’ Willen Naldo, Sokratis, Kapitän Clemens Fritz und Stürmerstar Claudio Pizarro bilden. Auch Trainer Thomas Schaaf gibt sich optimistisch. Er sagt mit Blick auf die nächste Saison: "Wir werden wieder eine gute Mannschaft zusammenbekommen."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+