Kommentar zum Neubeginn bei Werder

Die letzte Chance für Kohfeldt und Baumann

Mit dem Vorbereitungsstart hat Werder mehrere Veränderungen vorgenommen. Dass doch nicht alles weitergeht wie bisher und externe Einflüsse zugelassen werden, ist eine gute Nachricht, meint Christoph Bähr.
06.08.2020, 17:46
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Die letzte Chance für Kohfeldt und Baumann
Von Christoph Bähr
Die letzte Chance für Kohfeldt und Baumann

Florian Kohfeldt und Frank Baumann haben in diesem Sommer bei Werder viele Dinge umgestellt.

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Nur rund drei Wochen lagen zwischen den zwei Pressekonferenzen, doch die Unterschiede waren beträchtlich. Wenige Tage nachdem sich Werder Anfang Juli in der Relegation mit Ach und Krach vor dem Abstieg gerettet hatte, verkündete die gesamte Führungsriege, dass sie geschlossen weitermacht. Trotzdem sollte es viele Veränderungen geben. Wie diese genau aussehen würden, konnte aber keiner sagen. Die Pressekonferenz hinterließ einige Fragezeichen.

Zum Trainingsauftakt beraumte Werder nun erneut einen Medientermin an und verkündete so viele Veränderungen, dass die Journalisten beim Mitschreiben ins Schwitzen kamen. Auch wenn in der ersten Reihe personell alles beim Alten bleibt, geht es bei Werder nicht einfach so weiter wie bisher. Das ist eine gute Nachricht nach der punktemäßig schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte.

Neue Einflüsse

Den oft angeführten und durchaus berechtigten Kritikpunkt, dass Werder zu sehr im eigenen Saft schmort, haben sich die Verantwortlichen offenbar zu Herzen genommen. Der neue Co-Trainer Danijel Zenkovic bringt vieles mit, aber keinen Stallgeruch. Der 33-Jährige war unter anderem schon in Österreich bei RB Salzburg und in den Niederlanden bei Ajax Amsterdam tätig. Zenkovic kann für neue Einflüsse sorgen. Gleiches gilt für die neuen Analysten Sören Quittkat (vorher Hamburger SV) und Andre Pawlowski (vorher Bayern München).

Einzig die Personalie Clemens Fritz wirft Fragen auf. Der Leiter Scouting wird zusätzlich zum Leiter Profifußball. Dabei muss es gar nicht schlecht sein, dass der Ehrenspielführer aus der oft kritisierten Werder-Familie stammt. Fritz soll nah dran sein an der Mannschaft und ein Bindeglied zum Trainerteam bilden. Dabei dürfte ihm seine Spielervergangenheit helfen. Dass er aber neben der Leitung der wichtigen Scouting-Abteilung noch mal eben eine weitere Tätigkeit übernimmt, erscheint abenteuerlich.

Bei den Transfers ist Werder mehr denn je auf gutes Scouting angewiesen. In der vergangenen Saison holten die Bremer bundesligaerfahrene Spieler wie Ömer Toprak, Leonardo Bittencourt oder Davie Selke, die bei ihren Vereinen keine tragende Rolle mehr spielten. Erfolgreich war Werder damit nicht. Die Corona-Krise hat die finanziellen Möglichkeiten arg begrenzt. Die Strategie musste sich ändern – zum Glück. Der Fokus lag zuerst auf entwicklungsfähigen Spielern, die ablösefrei zu haben waren. Die Verpflichtungen von Patrick Erras und Felix Agu bieten Raum für Fantasie, auch wenn beide etwas Zeit benötigen.

Das Prinzip Hoffnung

Die Trennungen von den altgedienten Fin Bartels, Philipp Bargfrede und Sebastian Langkamp sind schmerzhaft, aber sportlich sinnvoll. Neue Spieler mit einer gewissen Erfahrung werden noch dazu kommen. Für das defensive Mittelfeld und für den Offensivbereich ist Werder auf der Suche. Zudem setzen die Bremer auf die lange verletzten Niclas Füllkrug, Kevin Möhwald und Ömer Toprak als Quasi-Zugänge. Sicherlich haben sie das Zeug, die bekannten Defizite in den Bereichen Schnelligkeit und Körperlichkeit abzumildern. Spieler wie Füllkrug und Toprak ohne ernstere Verletzungen durch die Saison zu bringen, wird allerdings eine Mammutaufgabe für die neu aufgestellte Athletik-Abteilung und die Mediziner. Es gilt das Prinzip Hoffnung, das schon in der vergangenen Saison nicht aufging.

Wenn alle fit sind, verfügt Werder jedenfalls auch ohne Max Kruse über einen Kader, der nicht in den Abstiegskampf rutschen muss. Nach der Corona-Zwangspause trat die Mannschaft verbessert auf und war immerhin körperlich konkurrenzfähig. Diese Entwicklung muss weitergehen. Florian Kohfeldt und Frank Baumann haben noch einmal die Chance bekommen, den Spielerkader und den Mitarbeiterstab neu aufzustellen. Bereits vor einem Jahr gab es viele Veränderungen, die gewünschten Effekte blieben jedoch in allen Bereichen aus. Damals besaßen Kohfeldt und Baumann nach einer guten Saison reichlich Kredit. Das ist jetzt anders. Sollte das ganze Dilemma in der neuen Spielzeit von vorne beginnen, müssten auch führende Posten bald neu besetzt werden. Alle anderen Optionen sind ausgeschöpft.

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