Um Spieler-Gehälter künftig kürzen zu können Neue Verträge nur mit Krisen-Klausel

Sollte höhere Gewalt Einfluss auf Werders Einnahmesituation haben, sollen künftig auch die Profis auf Teile ihres Gehalts verzichten. Dabei dreht es sich um 10 bis 20 Prozent, wie Frank Baumann bestätigt.
29.07.2020, 11:20
Lesedauer: 3 Min
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Neue Verträge nur mit Krisen-Klausel
Von Christoph Sonnenberg

Es ging ziemlich fix. Ende März verkündete Klaus Filbry zum ersten Mal, dass auch bei Werder über Kurzarbeit nachgedacht würde. Anfang April schon vermeldete der Vorsitzende der Geschäftsführung Vollzug: „Wir haben viele Gespräche mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geführt und haben uns am Ende gemeinsam zu diesem Schritt entschieden.„ Filbry sprach von unternehmerischer Verantwortung und dass diese den Klub zu Sparmaßnahmen zwingen würde. Und er bedankte sich für die Bereitschaft zum Verzicht: „Wir sind froh, dass es bei Werder diese Solidarität und dieses Miteinander gibt und diese Verbindung zu diesem besonderen Verein.“

Wie viele andere Unternehmen auch holte sich Werder staatliche Unterstützung. Die kam schnell, in Zeiten der Corona-Pandemie wurden viele Hilfsmaßnahmen erstaunlich zügig beschlossen und umgesetzt. Davon profitierte Werder, wenn auch in überschaubarem Rahmen. Nicht alle Mitarbeiter wurden in Kurzarbeit geschickt, da in einigen Bereichen – Rechnungswesen, Finanzabteilung, Kommunikationsabteilung – sogar mehr gearbeitet werden musste. Und in dem Bereich, in dem Einsparungen bei den Gehältern den größten Effekt erzielt hätten, waren sie am schwierigsten umzusetzten: bei den Spielern.

Werder war beim Thema Gehaltsverzicht sehr zurückhaltend

Bei rund 72 Millionen Euro lag der Personalaufwand in der vorvergangenen Saison. Unter dem Begriff sind nicht nur die Gehälter der Spieler und des Trainerteams zu verbuchen, aber die machen den mit Abstand größten Teil davon aus. Binnen einer einzigen Saison erhöhte sich die Summe zuletzt um fast 16 Millionen Euro. Es braucht eigentlich keine Erklärung, wer davon profitierte: Höhere Gehälter und höhere Prämien für die Spieler waren die Ursache.

In umgekehrte Richtung hat das nicht so schnell funktioniert. Auch Werders Profis verzichteten im Zuge der Corona-Pandemie auf Teile des Gehalts. Wie hoch dieser wirklich war, über welchen Zeitraum er sich erstreckte, das blieb recht schwammig. Die Führung des Vereins war beim Thema Gehaltsverzicht sehr zurückhaltend. Es gab zum einen keine rechtliche Handhabe. Zum anderen sollten die Spieler nicht verprellt werden, die Werder gleichzeitig ja noch vor dem Abstieg bewahren sollten. Wer provoziert in einer solchen Situation Stress mit den Profis?

„Es gibt Bestrebungen, eine solche Klausel einzubauen"

Künftig will Werder besser vorbereitet sein auf derartige Krisensituationen, auch wenn das angesichts der Corona-Pandemie ein wenig vermessen klingt. Tarek Brauer, Werders Justitiar, arbeitet an einer rechtlichen Handhabe. Künftig sollen Spielerverträge eine Klausel enthalten, die sich vereinfacht als Krisen-Klausel beschreiben lässt. Im Kern geht es darum, bei unvorhergesehenen Ereignissen, durch die Werder finanzielle Einbußen erleidet, die Spieler in die Pflicht nehmen zu können. Wenn höhere Gewalt Einfluss auf die Einnahmestruktur des Vereins nimmt, sollen auch die Einnahmen der Spieler sinken.

„Es gibt Bestrebungen, eine solche Klausel einzubauen, um das finanzielle Risiko nach einem unvorhergesehenen Ereignis abzufedern„, sagt Frank Baumann gegenüber dem WESER-KURIER. Werders Sportchef skizziert dabei zwei Möglichkeiten. „Zum einen, dass dazu etwas in die Musterverträge der DFL eingebaut wird.“ Die sind die Grundlage aller Lizenzspielerverträge. In dem Fall würde also jeder Profi die Klausel akzeptieren müssen. Baumann hält das für unwahrscheinlich, „weil es um finanzielle Auswirkungen zwischen Verein und Spieler geht. Da möchte die DFL keinen Einfluss nehmen und kann das auch nicht.„ Er rechnet daher nur mit einer Empfehlung der DFL. Die andere, wahrscheinlichere Möglichkeit sei, so Baumann, „so etwas mit dem Spieler und seinem Berater zu verhandeln“.

Offen ist, ob es eine einheitliche Regelung gibt

Das ist natürlich komplizierter, eröffnet aber auch mehr Möglichkeiten. Wäre die Klausel Teil der DFL-Musterverträge, wäre sie vermutlich bei jedem Spieler gleich. Bei einer individuelle Ausarbeitung hängt es vom Geschick des Managers ab, wie hoch sie ausfällt. Baumann stellt jedoch schon fest, dass die Klausel ausnahmslos in allen Verträgen enthalten sein soll. „Ich gehe davon aus, dass wir das bei allen Spielern mit in die Verträge nehmen werden." Was aber passiert, wenn ein Spieler oder sein Berater die Klausel nicht akzeptieren wollen, Werder ihn aber unbedingt verpflichten möchte?

Das ließe sich über die Höhe des prozentualen Verzichts regeln, glaubt Baumann. „Wir müssen schauen, ob es eine einheitliche Regel gibt oder Unterschiede.„ Der Sportchef gibt einen groben Überblick , um welche Prozentsätze es sich handeln wird: „Bei dem einen reduziert es sich um zehn Prozent, bei dem anderen um 20. Das müssen wir sehen.“

Rechtlich dürfte es laut Baumann keine Probleme geben. „Ich denke, dass wir es mit in die Verträge nehmen können." Er ist ohnehin überzeugt, dass es in vielen Branchen schon bald ähnliche Klauseln geben wird. Noch ist sie auch bei Werder in keinem Arbeitspapier enthalten. Bei bestehenden Verträgen ließe sie sich nur „bei Gehaltsanpassungen mit einer Vertragsverlängerung" einbauen, also wenn der Vertrag verändert wird. Dass die Klausel noch keinen Spieler betrifft, hat einen einfachen Grund: „Weil wir seitdem noch keinen unter Vertrag genommen haben."

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