Durchwachsenes Debüt des Werder-Neuzugangs Chong muss noch viel lernen

Er war gegen Hertha der einzige Neuzugang in der Startelf, zeigte im Spiel aber zwei Gesichter: Tahith Chong. Nach vorne sieht sein Spiel oft gut aus, nach hinten ist es schwach. Da wartet noch viel Arbeit...
20.09.2020, 11:34
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Chong muss noch viel lernen
Von Jean-Julien Beer

Es hat schon seinen Grund, warum sich im Handball die offensiven und die defensiven Spieler immer wieder abwechseln. Diese „fliegenden Wechsel“ sorgen dafür, dass die kreativsten und besten Angreifer im Team vorne für viele Treffer sorgen – und dann blitzschnell die eher rustikalen und robusteren Abwehrspieler aufs Feld kommen, um das eigene Tor zu verteidigen. So eine Möglichkeit wäre wie gemacht für Werders Neuzugang Tahith Chong. Doch der 20-Jährige ist Fußballer.

Die Leihgabe von Manchester United bestätigte in seinem ersten Bundesligaspiel auf eindrucksvolle Weise alle Eindrücke aus der Saisonvorbereitung. Mit dem Ball am Fuß kann er Werders Angriffsspiel verändern und verbessern, im Dribbling ist er gut und gefährlich, wenn die Gegner ihm ein wenig Raum lassen. Und mit seinem enormen Tempo kann er immer wieder für neue Spielsituationen sorgen oder torgefährliche Szenen einleiten. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wenn der Gegner den Ball hat, macht Chong noch überraschend viel falsch für ein Talent mit so einem guten Ruf. Auch gegen Hertha war das wieder zu sehen. Sehr oft kam Chong gar nicht oder viel zu spät zurück, um gegen den Ball die Räume zu schließen. Dass Theo Gebre Selassie als Rechtsverteidiger eines der schlechtesten Spiele seiner gesamten Werder-Zeit machte, lag zum Teil an einer schwachen Tagesform des Tschechen – aber auch daran, dass ihn sein Vordermann Chong auf der rechten Seite immer wieder im Stich ließ. Manchmal konnte Davy Klaassen aus dem Mittelfeld ausrücken, um das Problem zu lösen; aber das waren natürlich nur Notlösungen.

Es erinnerte an den jungen Rashica

So war es ein Bundesligadebüt mit Licht und Schatten für Chong, auf den sich naturgemäß viele Blicke richteten: Zum einen ist er Werders bisher spektakulärster Fang auf dem Transfermarkt, zum anderen war er der einzige Neuzugang, der bei Spielbeginn überhaupt auf dem Rasen stand. Die Idee dahinter war nachvollziehbar: In einer oft quälend langsam agierenden Mannschaft, ob vom Kopf her oder in Sachen Laufpotenzial, sollte Chong für Tempo und Überraschungsmomente sorgen – und dafür, dass die Bremer Spieler nicht das Gefühl haben, es sei alles so wie im Vorjahr.

Doch der Plan ging nur zu einem geringen Teil auf. Das lag nicht nur an Chong, schließlich hatte Werder in der ersten Hälfte relativ selten den Ball. Aber es lag zumindest auch an dem niederländischen U21-Nationalspieler. Dessen Defizite in der Abwehrarbeit hatte Florian Kohfeldt in der Saisonvorbereitung immer wieder angesprochen, doch auch fünf Wochen Training und auch ein deutlicher Rüffel nach dem Pokalspiel in Jena reichten offensichtlich nicht, Chong zu einem verlässlichen Mitspieler zu machen, der seine Aufgaben erfüllt. Das erinnerte stark an den jungen Milot Rashica, der anfangs ebenfalls mit der Defensivarbeit fremdelte und einige Denkpausen brauchte, bis aus ihm ein sehr guter Bundesligaspieler wurde.

Zunächst war Chong gegen die Hertha an jedem halbwegs guten Angriffsversuch von Werder beteiligt. Manager Frank Baumann sagte dazu: „Da hatte er die ein oder andere Aktion, bei der er auch wieder gezeigt hat, welche Qualitäten er hat. Es war nicht so leicht, weil Hertha sehr kompakt stand und es wenige Räume gab. Er hatte Szenen, wo er seine Mitspieler sehr gut eingesetzt hat, er ist aber nicht selbst zum Abschluss gekommen. Das ist eine seiner Qualitäten, dass er die Mitspieler einsetzen kann.“ Als Werders erstes und einziges Tor viel, in der 69. Minute durch Davie Selke zum 1:3, war Chong aber nicht beteiligt. Denn da saß er schon auf der Bank, ausgewechselt nach einem durchwachsenen Bundesligadebüt.

Drei Möglichkeiten für Chong

Immerhin konnte sich Chong damit trösten, dass er in einer weiterhin sehr ideenlos und behäbig agierenden Bremer Mannschaft ganz sicher nicht der schlechteste Spieler war. An seine Verpflichtung ist aber die große Hoffnung geknüpft, dass sich am Bremer Spiel endlich wieder etwas ändert. Doch das benötigt offenbar noch Zeit. „Insgesamt brauchen wir nach dem Spiel nicht über einzelne Spieler zu sprechen“, wollte sich auch Baumann nicht zu sehr mit Chongs Debüt beschäftigen, „wir brauchen auch nicht über die Taktik reden. Es geht darum, dass wir insgesamt als Mannschaft wieder eine andere Leistung auf den Platz bringen.“

Für Chong gibt es nun drei Möglichkeiten: Er versteht, was er auf dem Platz erledigen muss, und zeigt auch die nötige Bereitschaft dazu. Oder er muss permanent abgesichert werden. Oder, die dritte und schlechteste Variante: Er reiht sich in die Gruppe begnadeter Talente ein, die nie den Durchbruch auf höchstem Niveau geschafft haben. Kohfeldt wird, wie bei Rashica, alles daran setzen, dass Chong die erstgenannte Möglichkeit nutzt. Das wäre auch für Werder das Beste.

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