Niclas Füllkrug im Interview

„Bei mir weiß man, was man kriegt“

Werder-Stürmer Niclas Füllkrug spricht im Interview über das Durchhalten während quälend langer Verletzungspausen, Werders neuen Spielstil und seine Qualitäten als Koch.
16.03.2021, 19:40
Lesedauer: 6 Min
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Von Daniel Cottäus
„Bei mir weiß man, was man kriegt“

Hat seine Verletzung überstanden und trifft auch wieder für Werder: Niclas Füllkrug.

Kokenge/nordphoto

Frisch geduscht, die morgendliche Einheit gerade hinter sich, taucht Niclas Füllkrug plötzlich im Handy-Display auf – pünktlich zum verabredeten Video-Interview mit unserer Deichstube. Auf seinem Gesicht: ein zufriedener Ausdruck. Vermutlich, weil der 28-Jährige weiß, dass es während der kommenden halben Stunde nicht mehr nur um dieses eine leidige Thema gehen wird: seine Verletzungen. Die hat Füllkrug nun hinter sich, jetzt will er wieder angreifen, was er mit seinem Tor beim 1:3 gegen den FC Bayern untermauert hat. Am Ende wird es ein Gespräch über das Durchhalten, über Geschnetzeltes, einen wichtigen Tapeverband sowie die forsche Ansage eines Mitspielers.

Herr Füllkrug, im fünften Einsatz nach Ihrer Verletzung haben Sie beim 1:3 gegen den FC Bayern erstmals wieder getroffen. Auch wenn es am Ende nur der Ehrentreffer war – wie wichtig war dieser Moment für Sie?
Ach, bei sowas bin ich immer relativ entspannt. Natürlich habe ich mich gefreut, denn ein 1:3 sieht ja doch irgendwie besser aus als ein 0:3.

Das stimmt. Aber für Sie persönlich war es der erste Treffer seit Oktober 2020, nach Wadenverletzung, Sprunggelenksproblemen und einem langen Weg zurück. Da nehmen Sie das Tor einfach so mit?
Ja, denn ob es bei mir läuft oder nicht, mache ich schon immer an anderen Sachen fest, nicht unbedingt an Toren. Ich kann es ja nicht immer alleine beeinflussen, ob ich treffe oder nicht. Da gehören viele Faktoren dazu. Ich mache es eher an meiner Fitness fest, an meiner Stabilität, an der Ballkontrolle und am Gefühl auf dem Platz. Ich fühle mich langsam immer besser, kann mehr und mehr Wege gehen. Das hat man bei dem Tor ja auch gesehen.

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Seit Ihrer Rückkehr ins Team Ende Februar sind Sie viermal als Joker zum Einsatz gekommen und standen einmal in der Startelf. Wann sehen wir Sie wieder dauerhaft von Beginn an?
Das hängt von meinen Leistungen ab. Ich mag es nicht, wenn nach Status aufgestellt wird und werde ganz sicher keine Einsätze fordern. Ich bin jetzt 28 Jahre alt, also längst nicht mehr in den Anfangsjahren meiner Karriere. Bei mir weiß man, was man kriegt, wenn man mich aufstellt. Ich arbeite sehr viel zusätzlich an meiner Fitness und versuche alles, damit ich da so schnell es geht wieder an mein Limit komme.

Wie weit sind Sie denn körperlich?
Ich fühle mich gut. Im Training merke ich, dass ich wieder mehr und mehr Aktionen habe. Ich treffe regelmäßig in den Abschlussspielen. Das sind so Dinge, die mir ein gutes Gefühl geben.

Es ist in den vergangenen Wochen durchaus der Eindruck entstanden, dass Trainer Florian Kohfeldt Sie immer etwas bremsen muss, dass er sie lieber langsam heranführen und auf Nummer sicher gehen will. Sind Sie mit diesem Kurs immer einverstanden?
Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, weil wir uns schon sehr lange kennen (Kohfeldt trainierte Füllkrug bereits als Jugendspieler, Anm. d. Red.). Ich bin ihm dankbar, dass er mich bei solchen Fragen mit einbezieht. Am Ende muss ich mit dem Kurs aber nicht einverstanden sein, denn er ist der Trainer und stellt auf. Ich bin nach den letzten Verletzungspausen aber auch schon etwas geduldiger gewesen, nur irgendwann ist es dann einfach so, dass ich weiß: Okay, jetzt geht's wieder. Und dann habe ich auch richtig Bock, dann ziehe ich auch nicht zurück, sondern will in jeden Zweikampf und mache mir keine Gedanken mehr. Wenn ich da nicht irgendwann mal ein Stopp bekommen würde, würde ich jeden Tag sechs, sieben Stunden lang trainieren. Also macht es der Trainer schon richtig.

Voll durchziehen ist ein gutes Stichwort. Wenn wir aufs Bielefeld-Spiel schauen, hat Ihr Gegenspieler Nathan de Medina voll durchgezogen und Sie hart an der Achillessehne erwischt. Wie groß war Ihre Sorge, wieder länger verletzt auszufallen?
Ich bin ja sonst ehrlicherweise durchaus etwas aufbrausend auf dem Platz, aber in dem Moment war ich einfach nur erschrocken, denn er stand gefühlt drei Sekunden lang auf meiner Achillessehne. Unabhängig davon, ob es gewollt war oder nicht, fand ich es schade, dass er sich nicht bei mir entschuldigt hat. Ich habe einfach Glück gehabt. Ich spiele seit ein paar Wochen wegen einer leichten Knöchelverletzung mit einem Tapeverband, und der hat mich gerettet. Sonst wäre es schlimmer ausgegangen. Ich habe es auch im Bayern-Spiel noch gespürt, konnte mich aber gut durchbeißen.

Reagieren Sie nach Ihren Verletzungen aus der jüngeren Vergangenheit, insbesondere nach dem Kreuzbandriss, inzwischen sensibler auf solche Szenen?
Nein, gar nicht. Ich wurde so erzogen, dass es Dinge gibt, durch die man einfach durch muss – und dann gehe ich da auch durch. Es geht ja immer weiter.

Durch Ihren Treffer gegen die Bayern sind Sie in der internen Torjägerliste bei Werder mit Josh Sargent gleichgezogen. Jetzt, wo Sie wieder fit sind – kann er sich sein Ziel, Werders bester Torschütze in dieser Saison zu werden, abschminken?
Ich habe gelesen, dass er das gesagt hat. Es ist doch gut, dass er sich so etwas vornimmt, auch wenn ich es vielleicht nicht öffentlich gemacht hätte. Schon gar nicht als ich in seinem Alter war und bei Werder Spieler wie Pizarro und Rosenberg vor mir hatte. Das muss er aber selbst wissen. Wir haben darüber nicht gesprochen. Wir reden eher über andere Dinge. Ich habe ihm schon oft Tipps gegeben, als es noch nicht so gut lief. Jetzt hat er ja ein paar Mal getroffen.

Sie könnten ja einfach mehr Tore schießen als er, um ihm eine Lehre zu erteilen – dann sagt er so etwas vermutlich nicht wieder.
Ach nein, mir ist das nicht so wichtig. Ich wünsche jedem Spieler bei uns, dass er jede Chance, die er bekommt, verwertet. Dann sind wir als Mannschaft erfolgreich und können die Saison positiv beenden.

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Nach dem Spiel gegen die Bayern folgen nun weitere Duelle gegen Top-Klubs. Wie groß ist die Gefahr, dass Werder noch einmal unten rein rutscht?
Wir haben uns einen kleinen Vorsprung erarbeitet. Es ist gut, dass wir in den entscheidenden Spielen gegen Köln und Bielefeld punkten konnten, auch wenn sie nicht unbedingt traumhaft anzuschauen waren. Gegen die Bayern haben wir in meinen Augen gar nicht so ein schlechtes Spiel gemacht, aber manchmal muss man eben akzeptieren, dass der Gegner besser ist. Jetzt kommt mit Wolfsburg der nächste starke Gegner, gegen den wir punkten wollen, denn ich würde nicht sagen, dass wir jetzt schon gerettet sind. Wir müssen weiter wachsam sein.

Werder wird in dieser Saison häufig für den defensiven Spielstil kritisiert. Finden Sie das ungerecht, gemessen an dem, was am Ende an Punkten dabei herauskommt?
Uns ist allen bewusst, dass das Spiel anders aussieht als früher. Aber man erkennt eben auch, dass wir jetzt eine ganz andere defensive Stabilität haben. Wir halten die Spiele immer bis zum Ende offen, haben nur selten deutlich verloren. Dementsprechend haben wir den Spielstil schon etwas für uns entdeckt, weil wir sehen, dass wir als Mannschaft erfolgreicher damit sind. Im Hinterkopf haben wir aber natürlich, dass wir wieder in Richtung attraktivere Spielweise gehen wollen.

Florian Kohfeldt hat sich nach dem Bielefeld-Spiel ganz ähnlich geäußert. Haben Sie ihm eigentlich schon gesagt, dass er unbedingt über den Sommer hinaus Werder-Trainer bleiben soll?
Das weiß er, weil ich ihm in den vergangenen zwei Jahren schon ein paar Mal gesagt habe, dass ich hoffe, dass wir unsere Verträge bei Werder zusammen erfüllen. Er ist ein ganz wichtiger Bestandteil des Vereins und spielt auch für mich persönlich eine große Rolle.

Und wie sieht es mit Ihrer Zukunft aus? Bei Werder gilt ja die Maxime „Kein Spieler ist unverkäuflich“. Können Sie garantieren, dass Sie in der nächsten Saison noch da sind?
Ich kann garantieren, dass ein Wechsel für mir aktuell wirklich gar kein Thema ist. Ich habe noch nicht ein einziges Mal mit meinem Berater darüber gesprochen, eventuell den Verein zu verlassen. Deswegen weiß ich auch gar nicht, was ich noch weiter dazu sagen soll.

Sie könnten sagen: Ja, ich bleibe …
Na ja, wir sind jedenfalls immer noch nicht an dem Punkt, an den ich mit Werder kommen wollte. Ich würde hier einfach gerne mal eine Saison durchspielen und richtig fit sein. Ich glaube, dann könnte ich die Mannschaft sehr verstärken und dabei mithelfen, dass wir noch ganz andere Dinge erreichen.

Ihr Trainer hat jüngst gesagt, er wünscht Ihnen sehr, dass Sie einfach mal zwei Jahre verletzungsfrei Fußballspielen können. Was genau glauben Sie, wäre dann in Ihrer Karriere noch möglich?
Oh, das ist schwer zu sagen. Ich bin ein Mensch, der sich immer weiterentwickeln möchte. Ich habe zu Hause zum Beispiel vor fünf, sechs Jahren mit dem Kochen angefangen. Meine Frau hat mir das ein bisschen beigebracht. Auch da will ich immer besser werden.

Auf welcher kulinarischen Stufe stehen Sie?
Chefkoch. Das Letzte, was ich gekocht habe, war Geschnetzeltes, aber wirklich gutes Niveau. Im Fußball ist das mit dem Weiterentwickeln deutlich schwieriger, wenn du immer wieder von Verletzungen unterbrochen wirst. Es ist ja nicht nur eine Pause, und du machst danach genau da weiter, wo du vorher warst, sondern du wirst immer wieder weit zurückgeworfen. Jetzt hätte ich einfach gerne die Möglichkeit, weiter nach vorne zu kommen und nicht ständig körperlich das aufholen zu müssen, was ich vorher schon erreicht hatte. Das wünsche ich mir.

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