Niederlage gegen Leipzig in der Analyse

Nagelsmann kopiert Guardiola – und Werder findet keine Antwort

Werder Bremens Trainer Florian Kohfeldt pokerte mit seiner Aufstellung, doch sein Team fand keine Antwort auf das unorthodoxe Spielsystem von RB Leipzig, meint Taktikanalyst Tobias Escher.
11.04.2021, 13:40
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Von Tobias Escher
Nagelsmann kopiert Guardiola – und Werder findet keine Antwort

Vor dem Spiel waren Florian Kohfeldt und Julian Nagelsmann noch bester Laune. Nach dem Abpfiff hatte nur noch der Leipziger Trainer gut lachen.

nordphoto/gumzmedia

Am 20. Juni 1954 erwarb sich Sepp Herberger den Ruf eines Taktikfuchses. Im WM-Vorrundenspiel gegen die übermächtigen Ungarn stellte er eine B-Elf auf. Er schonte sein A-Team für das wichtigere Duell gegen die Türkei. Deutschland verlor zwar mit 3:8. Am Ende ging der Schachzug aber doppelt auf: Deutschland kam weiter, zugleich ließ Herberger den späteren Finalgegner Ungarn nicht in seine Karten blicken.

So viel Weitsicht dürfte indes nicht der Grund gewesen sein für Werder Bremens 1:4-Niederlage in der Bundesliga gegen den Pokal-Halbfinal-Gegner RB Leipzig. Florian Kohfeldts überraschende Startaufstellung lag eher an einer aufreibenden Pokal-Woche und dürfte kein ausgebuffter Taktiktrick gewesen sein. Dennoch: So dürfte Kohfeldt seine Mannschaft kein zweites Mal aufstellen.

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Werders Coach veränderte seine Elf im Vergleich zum 1:0 gegen Regensburg auf fünf Positionen. Ömer Toprak kehrte nach einer Verletzung zurück. Überraschend waren die übrigen Veränderungen: Davie Selke und Eren Dinkci starteten neben Joshua Sargent im Sturm. Manuel Mbom rückte neben Christian Groß auf die Doppelsechs, während Felix Agu als Linksverteidiger der Fünferkette begann.

Kohfeldt stellte seine Elf damit defensiver auf als unter der Woche. Werder verteidigte in einem 5-2-3-System. Die Bremer rückten in einzelnen Phasen aber aktiv heraus: Werder störte den Gegner dann in einem 3-4-3-System, auch die Außenverteidiger rückten weit vor. Dazu hatte Kohfeldt auf allen Positionen kräftige Spieler aufgestellt.

Hatte Leipzig jedoch erst einmal das Bremer Pressing bezwungen, zogen sich die Gastgeber in die eigene Hälfte zurück. Die Fünferkette verteidigte die Breite, die übrigen Akteure orientierten sich in die Mitte und sicherten das Zentrum. Im ersten Durchgang sammelte RB über 70 Prozent Ballbesitz.

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Gäste-Trainer Julian Nagelsmann dürfte bereits vor dem Anpfiff klar gewesen sein, dass seine Mannschaft viel Ballbesitz haben würde. Er stellte sein Team daher offensiv auf. Bei seiner Taktik ließ er sich von Pep Guardiola inspirieren. Bei Bremer Ballbesitz verteidigten die Gäste in einem 4-2-3-1. Sobald sie in Ballbesitz kamen, verformte sich ihre Formation: Justin Kluivert und Tyler Adams besetzten die Breite, Alexander Sörloth ging in die Sturmspitze. Hinter dem Dreier-Sturm bildeten die übrigen Mittelfeld-Spieler eine Raute. Leipzig griff dementsprechend in einer 3-Raute-3-Formation an – eine unorthodoxe Variante, die Manchester City in der aktuellen Saison perfektioniert hat.

Durch die Mischung aus 4-2-3-1 und 3-Raute-3 vereinte Leipzig das Beste aus zwei Welten: Das 4-2-3-1 verhalf ihnen, kompakt zu verteidigen und hoch zu pressen. Zugleich konnten sie im Ballbesitzspiel die Bremer dominieren. Das lag vor allem an der Überzahl im Zentrum: Mit ihrer Raute konnten sie immer wieder mit kurzen Kombinationen Raumgewinn erzielen. Zugleich hatten sie dank des Drei-Mann-Sturms auch genug Breite und Tiefe bei eigenen Angriffen. Angesichts Leipzigs starker Raumbesetzung und ihrer hohen technischen Klasse erhielt Werder selten bis nie Zugriff.

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Die taktischen Vorteile der Leipziger zeigten sich bei allen Treffern vor der Pause: Vor dem 0:1 schuf Rasenballsport dank der Raute eine Überzahl im Zentrum. Ömer Toprak musste herausrücken, um die Überzahl zu kontern. Dani Olmo startete sofort in die Lücke (23.).

Vor dem 0:2 kombinierte sich Leipzig gegen Werders hohes Pressing aus der eigenen Hälfte. Auch hier half die Überzahl im Zentrum. Werder zog sich in der Folge eng zusammen, um Zugriff zu erhalten. Das öffnete wiederum Raum auf den Flügeln. Christopher Nkunku konnte von rechts eine lange Flanke auf den völlig freistehenden Sorloth schlagen (32.).

Beim 0:3 überzeugte Leipzig nicht mit Kombinationsstärke, sondern mit Willenskraft. Nach einem Ballverlust setzten sie energisch nach. Auch hierbei half die eigene Ballbesitzstruktur: Leipzig hatte immer eine Überzahl um den Ball, sodass sie Bremer Konter sofort abwürgen konnten (41.).

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Kohfeldts Experimente bei der Aufstellung waren schief gegangen. In der Pause wechselte er gleich dreifach: Toprak ging verletzungsbedingt raus, Mbom und Dinkci aufgrund schwacher Leistungen. Mit den Einwechslungen von Kevin Möhwald, Milos Veljkovic sowie Milot Rashica stellte Kohfeldt auf ein 4-2-3-1-System um. Agu musste dafür vom Linksverteidiger-Posten nach Rechtsaußen wechseln, Marco Friedl wurde Linksverteidiger einer Viererkette.

Im neuen System erhielt Werder sogleich mehr Zugriff. Ihr Pressing strukturierten die Bremer in einem 4-Raute-2. Dadurch konnten sie Leipzigs Raute spiegeln. Zugleich fehlte in der neuen Aufstellung ein Mann in der Abwehrkette. Leipzig konnte Werder auseinanderziehen – und somit nach dem Anschlusstreffer (61.) sofort das 1:4 erzielen (63.). Nagelsmann wechselte in der Folge defensiv. Sein Team verwaltete das Ergebnis.

Ob Kohfeldt seinen Plan für das DFB-Pokal-Halbfinale absichtlich nicht verraten hat, weiß nur er. Fakt ist jedoch: Sein B-Plan ging im Liga-Spiel nicht auf. Werder ging gegen den Favoriten unter – so wie Deutschland einst in der WM-Vorrunde.

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