Werders Pokalspiel gegen Jena in der Analyse

Lerneffekt bei der Premiere

Werder zeigt im ersten Pflichtspiel der Saison eine schwache erste Halbzeit, korrigiert dann aber seine Probleme und nimmt die eine oder andere wichtige Erkenntnis mit aus der Partie in Jena.
13.09.2020, 12:32
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Von Stefan Rommel
Lerneffekt bei der Premiere

Werder (hier mit Davie Selke) tat sich gegen Jena zunächst schwer, fand in der zweiten Halbzeit aber besser ins Spiel.

nordphoto

Werder-Trainer Florian Kohfeldt hatte gegen Jena im Pokal fast die volle Auswahl an Spielern und vertraute im ersten Pflichtspiel der Saison trotzdem fast ausnahmslos auf seine „alten“ Spieler. Patrick Erras war der einzige Zugang in der Startelf, dazu setzte sich die Innenverteidigung aus den Routiniers Ömer Toprak und Niklas Moisander zusammen, Marco Friedl saß nur auf der Bank, Milos Veljkovic war gar nicht im Kader. Im Angriff bekam Davie Selke den Vorzug vor Niclas Füllkrug und stürmte neben dem gesetzten Joshua Sargent. Der zuletzt leicht angeschlagene Davy Klaassen saß zunächst auch draußen, für ihn rückte Leo Bittencourt ins Team.

Werder startete im eher ungewohnten 4-2-2-2 im eigenen Ballbesitz, also mit zwei Sechsern vor der Abwehr im Aufbau und zwei Zehnern davor, die allerdings auch in die Halbräume und auf die Flügel driften durften, um dort zu überladen. So war jedenfalls der Plan - an dessen Umsetzung die Mannschaft in der ersten Halbzeit allerdings oft genug scheiterte. Werder suchte den tiefen Aufbau und im Übergangsdrittel fast immer den Weg über das Zentrum, sah sich dort aber zwei eng stehenden Jenaer Viererketten gegenüber. Über die Außenverteidiger aufzubauen oder diese früher einzubinden, erschien keine Option. Vielleicht waren die Gäste auch etwas überrascht von der doch recht mutigen Jenaer Herangehenweise.

Jenas Pressingansatz überrascht

Jena zeigte sich ganz besonders im Pressing sehr aktiv. Der Regionalligist verschanzte sich nicht wie andere Klubs nur in der eigenen Hälfte, sondern beschäftigte Werder schon teilweise tief jenseits der Mittellinie - und streute dabei sogar mehr Angriffspressingphasen ein als der turmhohe Favorit aus Bremen. Jena rückte situativ mit acht Feldspielern in die Bremer Hälfte auf, presste sogar Torhüter Jiri Pavlenka an und sicherte in der Restverteidigung nur Mann gegen Mann ab. Ein ziemlich unorthodoxes Vorgehen einer drei Klassen tieferen Mannschaft. Konnten die Gastgeber keinen Balldruck erzeugen oder diesen hochhalten, ging es zurück in ein flaches 4-4-2. Hier zeigte sich die Mannschaft aber in einigen Szenen durchaus verwundbar.

Werder fand mit seinen Zehnern oder einem zurückweichenden Angreifer immer mal wieder den Raum im Rücken der ersten Jenaer Viererkette und hätte von dort aus den Angriff im besten Fall mit Tempo weiterführen können, traute sich in Person von Yuya Osako oder Bittencourt den ersten Impuls aber zu selten nach vorne gewandt zu und brach den Angriff wieder ab. Statt das Tempo aus diesen gefährlichen Zonen also anzuziehen und Druck auf die Abwehrkette zu machen, nahm Werder Geschwindigkeit raus, spielte fast wieder aus dem Stand und gewährte dem Gegner damit die Chance, sich neu auszurichten und zu stellen.

Unruhe und Hektik

Wenig überraschend fanden die Gäste kaum einmal den Weg in den Rücken der gegnerischen Abwehr. Mit zunehmender Spieldauer wurden die Aktionen der Bremer immer hektischer, gerade im Mittelfeld versandeten viele Bälle durch unsaubere Abspiele oder weil der eine oder andere Spieler etwas Besonderes machen wollte in Situationen, in denen mehr Ruhe und Geduld gefragt gewesen wären. Das steht übrigens im ziemlich krassen Gegensatz zum kommenden Bundesligagegner Hertha BSC, der in seiner Pokal-Partie auch bei einem 0:2-Rückstand nach einer Viertelstunde nicht hektisch wurde, sondern ruhig zurück ins Spiel fand.

Jena durfte sich nach den zunehmenden Bremer Ballverlusten auch ein paar Mal in der gegnerischen Hälfte zeigen, blieb aber bei seinen vereinzelten Kontern stets in Unterzahl und letztlich ungefährlich. Aus dem freien Spiel heraus konnte Jena auch keine Akzente setzen. Werder verteidigte mit Erras als zusätzlicher Absicherung im 5-3-2 gegen den Ball. Die mangels Tiefe im Spiel erzwungenen Bremer Flanken aus dem Halbfeld bevorzugt über die linke Seite mit dem gut anschiebenden Ludwig Augustinsson stellten für Jena kein Problem dar, weshalb Werder mit Ausnahme eines Pfostentreffers von Theo Gebre Selassie im Nachgang eines Standards nur zu einer einzigen Torchance kam.

Breiter, schneller, besser

Nach der Pause rückte Kohfeldt ab von seinem Plan mit zwei engen Zehnern im Zentrum des Spiels und stellte sowohl personell als auch in der Grundordnung um. Erras und Osako blieben draußen, dafür kamen Davy Klaassen und Tahith Chong ins Spiel. Klaassen besetzte die Position neben Eggestein auf der Doppel-Sechs und interpretierte diese freier, auch mal als Achter. Chong und der zurückgezogene Sargent spielten nun aber sehr breit, fast an der Seitenlinie, während immer wieder Bittencourt zu Selke in den Angriff aufrückte oder aus der Tiefe hinter die Abwehrkette sprintete. Werder agierte nun also eher in einer Mischung aus flachem 4-4-2 und 4-3-3 und mit einer anderen Breite in seinem Spiel gegen die sehr auf die Sicherung des Zentrums fokussierten Jenaer. In dieser Anordnung blieb die Mannschaft nun auch gegen den Ball.

Durch die Besetzung von Linksfuß Chong auf dem rechten und Rechtsfuß Sargent auf dem linken Flügel boten sich mehr Optionen im Spiel über die Seiten: Mit den nachrückenden und hinterlaufenden Außenverteidigern konnte Jenas Abwehr an den Rändern aufgeknackt werden oder aber die Option für die Flügelspieler geschaffen werden, mit dem Ball am Fuß selbst nach innen zu ziehen. Gebre Selassie profitierte durchaus von Chong vor sich und schaltete sich nun über seine Seite immer öfter in den Angriff mit ein. Werder schaffte es nun tatsächlich ein paar Mal hinter die gegnerische Abwehrreihe - das Führungstor fiel allerdings nach einer Augustinsson-Flanke aus dem Halbfeld.

Werder riss den Gegner in der Folge immer wieder über die Seiten auf. Klaassen verteilte sauber die Bälle, Sargent und Augustinsson hatten gute Tiefe in ihrem Spiel und Chong wurde am anderen Flügel in offener Stellung eingesetzt, also mit dem Blick Richtung gegnerisches Tor und damit sofort in der nötigen Ausgangsposition für ein Tempodribbling oder ein Hinterlaufen Gebre Selassies. Das war der größte Unterschied zur ersten Halbzeit, als sich Bremens Spieler in den für den Gegner gefährlichen Zonen kaum einmal aufdrehen konnten oder wollten.

Alte Muster, neue Ansätze?

Im ersten Pflichtspiel der Saison fiel die Bremer Mannschaft phasenweise wieder in alte Schemata zurück. Als Widerstände auftraten - in diesem Fall das fehlende, Sicherheit bringende frühe Tor - wurden einzelne Spieler schon wieder fahrig und verließen die besprochene Marschroute, um auf eigene Faust Dinge zu probieren. Gegen Jena fiel das in der eigenen Torsicherung nicht weiter ins Gewicht, weil in der zweiten Halbzeit auch das Gegenpressing in Ordnung war. In einem Spiel auf Bundesliganiveau werden die daraus resultierenden Ballverluste aber ganz anders bestraft werden.

In der zweiten Halbzeit war dann eine andere Disziplin und Linientreue zu erkennen und mit dem schnellen Tor kam dann auch eine gewisse Souveränität ins Spiel. Die Chancenverwertung passte zwar nicht, aber immerhin erspielte sich Werder nach der Pause fünf, sechs Großchancen und damit eine adäquate Anzahl an Gelegenheiten gegen einen unterklassigen Gegner. Notwendig dafür waren Kohfeldts Änderungen, der Trainer korrigierte einige für die erste Halbzeit getroffene Maßnahmen. Weder passten die Zentrumsbesetzung zur Kompaktheit des Gegners, noch der eine oder andere Spieler so richtig zur Spielidee.

Im Pokal zählt noch eine Spur mehr als in der Liga am Ende das Ergebnis und das passte aus Bremer Sicht. Und vielleicht war es nach den doch oft locker eingefahrenen Testspielsiegen nochmal eine wichtige Erfahrung für die Mannschaft, dass in Pflichtspielen noch ein paar andere Dinge gefragt sind: mehr Geduld, mehr Widerstandsfähigkeit und mehr Ruhe.

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