Remis gegen Bayern bestätigt Werders Weg

Eine Frage des Glaubens

Was ist das 1:1 gegen die Bayern für Werder wert? In der Tabelle natürlich nur einen Punkt, aber das Spiel gegen den Rekordmeister bestärkte den Glauben der Bremer, auf dem richtigen Weg zu sein.
22.11.2020, 13:06
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Eine Frage des Glaubens
Von Christoph Bähr
Eine Frage des Glaubens

Mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung trotzte Werder dem FC Bayern einen Punkt ab.

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Ohne Zuschauer in den Stadien fehlt nicht nur die Stimmung, sondern auch eine wichtige Form der Bestätigung. Sind die Fans zufrieden mit der Leistung? Welcher Spieler wird besonders angefeuert, welcher ausgepfiffen? Fragen, die sich normalerweise durch die Reaktionen der Anhänger schnell beantworten lassen, die aber momentan offen bleiben. Um die so wichtige Stimmung rund um die Mannschaft zu ergründen, müssen die Verantwortlichen derzeit die Medienberichte, die alltäglichen Gespräche und die vielen Internet-Kommentare zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Bei Florian Kohfeldt entstand dabei zuletzt der Eindruck, dass eine latente Unzufriedenheit rund um Werder herrschte, besonders nach dem zähen 1:1 gegen Köln, das gefühlt fast einer Niederlage glich. Umso wichtiger für die Stimmung war nun das 1:1 gegen die Bayern, das sich fast wie ein Sieg anfühlte. Kurz nach dem Abpfiff dachte der Trainer an die Fans, die die Mannschaft in München nicht für die starke Leistung feiern konnten, aber daheim mitfieberten: „Ich glaube, ganz viele Leute hatten Spaß in Bremen.“

Mit dieser Vermutung dürfte Kohfeldt richtig liegen. Ohne Angst, dafür mit großem Kampfgeist und enormer taktischer Disziplin hatte Werder den Favoriten an den Rand einer Niederlage gebracht. Der Coach führte weiter aus: „Die Leute hatten Spaß, weil eine junge Mannschaft leidenschaftlich versucht hat, ihr Ding zu machen. Wenn wir den Weg weiter gehen, werden wir eine sehr stabile Saison spielen, auch wenn wir mal einen Rückschlag erleiden. Ich versuche schon seit Wochen, an die Öffentlichkeit zu transportieren, dass die Mannschaft hart an sich arbeitet, leidenschaftlich Fußball spielt und auch fußballerisch Schritte geht."

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Ein Spiel wie in München brauchten sie bei Werder ganz offenbar dringend. Nach den zuvor vier, teilweise recht holprigen Unentschieden in Folge bröckelte der Rückhalt der Fans angesichts fehlender Attraktivität und überschaubarer Offensivpower. Zumindest entstand dieser Eindruck ohne das Stimmungsbarometer Stadionatmosphäre. Bei Werder waren sie trotzdem stets überzeugt davon, auf dem richtigen Weg zu sein. Und auch wenn das Bayern-Spiel das fünfte 1:1 in Serie brachte, so liefert es doch Argumente dafür, dass sich bei Werder nach dem Fast-Abstieg einige Dinge in die richtige Richtung entwickeln.

Durchschnittsalter gesenkt

Die junge Mannschaft, von der Kohfeldt sprach, war wirklich relativ jung. Auf ein Durchschnittsalter von 25,1 kamen die 14 eingesetzten Bremer Spieler in München. Zum Vergleich: In der vergangenen Saison lag Werders Altersschnitt teilweise bei 28, und die 15 Bayern-Akteure kamen am Sonnabend auf einen Schnitt von 27,5. Es hat sich also ein Umbruch vollzogen. Junge Spieler wie Marco Friedl oder Josh Sargent sind zu Stammkräften aufgestiegen. Talente wie Manuel Mbom oder Felix Agu drängen ins Team.

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Gerade solche jungen Spieler brauchen Bestätigung, damit das Selbstvertrauen wächst. „Gesehen zu haben, dass wir unseren Fußball gegen die beste Mannschaft der Welt umgesetzt haben, kann uns helfen, den Glauben weiter zu stärken“, betonte Kohfeldt. In der Defensive hat seine Mannschaft zu einer beachtlichen Stabilität gefunden. Nach dem bitteren 1:4 gegen Hertha BSC zum Auftakt kamen in sieben Spielen nur noch sechs Gegentore dazu.

Selbst dem Münchener Supersturm um Robert Lewandowski, der eigentlich fast immer gegen Werder trifft, war die Bremer Abwehr gewachsen. „Wir haben sehr viel Arbeit investiert in den Defensivbereich, insbesondere in der Vorbereitung. Die Abstimmung untereinander wird immer besser“, sagte Kohfeldt. „Gegen Bayern haben wir kein Chancenfeuerwerk zugelassen. Natürlich hatten die ihre Chancen, aber wir haben das nicht nur mit Glück überstanden, sondern hatten durchaus auch Spielkontrolle - in dem Sinne, dass wir nicht in hektische Situationen gekommen sind.“

Mutig im Offensivspiel

Wichtig war dem Werder-Trainer, dass gegen die Bayern nicht nur die Defensive, sondern auch die oft kritisierte Offensive funktionierte: „Wir waren extrem mutig im Spiel nach vorne, haben uns Torchancen erspielt aus dem Umschalten heraus, aber nicht nur, sondern auch aus dem Positionsspiel heraus. Das hat mich sehr gefreut, weil wir daran in den vergangenen Wochen und Monaten viel gearbeitet haben. Und wir haben bisher in jedem Spiel ein Tor geschossen, das muss man auch zur Kenntnis nehmen.“

Sogar ein Bremer Sieg gegen die Bayern war möglich. Vor der Halbzeit vergaben Josh Sargent, Ludwig Augustinsson und Leonardo Bittencourt gute Möglichkeiten. Nach der Pause hätten Milot Rashica und zweimal Sargent für den Sieg sorgen können. Mit mehreren starken Paraden verhinderte Manuel Neuer einen zweiten Werder-Treffer. „Er ist für mich der beste Torwart der Welt. Er hat es wieder Weltklasse gemacht“, sagte Kohfeldt. Für einen kurzen Moment wirkte der Trainer sogar, als wäre er mit dem Punkt nicht restlos zufrieden. „Vielleicht hatten wir noch einen Hauch die Möglichkeit, das Spiel für uns zu entscheiden“, überlegte Kohfeldt, um sich dann selbst auszubremsen: „Mit einem Punktgewinn in München unzufrieden zu sein, das wäre zu viel.“

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Bedingungslos abfeiern wollten sie den Achtungserfolg gegen den Rekordmeister bei Werder allerdings auch nicht. „Das sind zu viele Unentschieden, das müssen wir bald ändern – hoffentlich schon am Freitag gegen Wolfsburg“, sagte etwa Ludwig Augustinsson. Und Florian Kohfeldt sah sich mit Blick auf die kommenden Aufgaben dazu veranlasst, auch einige warnende Worte an seine Spieler zu richten: „Dieser Glaube kann uns helfen, er darf aber nicht eine Sekunde dazu führen, dass wir denken: Es geht mit einem halben Prozent weniger. Wir müssen immer ans Limit gehen, in jedem Spiel.“

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