Warum das Remis gegen Hoffenheim Werder hilft

Kleine Schritte vorwärts

Werder hat vier Spiele in Folge nicht verloren, dabei aber zumeist biederen, zweckmäßigen Fußball gespielt. Trainer Florian Kohfeldt betonte, dass es aktuell nur in kleinen Schritten vorangehen könne.
26.10.2020, 13:10
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Kleine Schritte vorwärts
Von Christoph Bähr

In der vergangenen Saison war die Reise an die Weser für die meisten Gastmannschaften eine Art Wellness-Trip. Bei den chronisch heimschwachen Bremern, die nur zwei von 17 Partien im Weserstadion gewannen, konnten sie dringend benötigte Punkte holen. Mittlerweile ist der Trip nach Bremen nicht mehr so angenehm, das erfuhr die TSG Hoffenheim spätestens in der Schlussphase des Spiels (1:1) am Sonntagabend. Als die Gästebank es einmal wagte, sich etwas vehementer bei Schiedsrichter Daniel Schlager zu beschweren, mussten sich die Hoffenheimer aus Richtung der Bremer Ersatzspieler und Betreuer einiges anhören. „Sei ruhig und setz dich wieder hin“, rief etwa Niclas Füllkrug, der nach seiner Auswechslung auf der Tribüne des leeren Weserstadions Platz genommen hatte.

Anders als noch vor wenigen Monaten ist Werder zurzeit ein Gegner, gegen den man nicht gerne spielt. Nicht nur weil die Ersatzspieler Alarm machen, sondern auch, weil die Mannschaft auf dem Platz kompakt verteidigt und die Zweikämpfe annimmt. Beachtliche 61 Prozent der direkten Duelle entschieden die Bremer gegen Hoffenheim für sich und liefen zudem mehr als der Gegner (114,15 zu 112,44 Kilometer). Was die Defensivarbeit angeht, hat sich Werder im Vergleich zur katastrophalen Vorsaison verbessert. Das reichte, um mit acht Zählern aus fünf Spielen einen sehr passablen Saisonstart hinzulegen. Es gibt viele Bremer Fans, die sich nach einem Jahr voller Abstiegsangst einfach über die gute Punkteausbeute freuen. Wer sich in den sozialen Netzwerken umschaut, findet aber auch viele Anhänger, die den biederen, unspektakulären Fußball der Mannschaft kritisieren.

Florian Kohfeldt suchte in seiner Analyse des Unentschiedens gegen Hoffenheim nach dem goldenen Mittelweg: „Ich habe kein überragendes Spiel von uns gesehen, aber ich habe viel von dem gesehen, was wir trainiert haben“, sagte Werders Trainer. „Mir ist wichtig, dass wir uns bei einer stabilen Punktelage fußballerisch entwickeln. Natürlich gab es auch ganz viele Szenen im Spiel, in denen wir nicht das gemacht haben, was wir uns vorgenommen hatten. Wir hatten aber auch Phasen, in denen wir genau das gemacht haben. Ich sehe einen kleinen stabilen Entwicklungsschritt.“

Nur fünf Torschüsse

Es geht also darum, in kleinen Schritten voranzukommen: Punkte bringen Selbstvertrauen, das wiederum dabei hilft, besseren Fußball zu spielen. Kohfeldt muss sich daran messen lassen, dass er attraktiven, mutigen Ballbesitzfußball zum Saisonziel ausrief. Der Coach hat aber auch immer betont, dass es ein weiter Weg dorthin ist. Das zeigte sich gegen Hoffenheim einmal mehr: Werder war offensiv zumeist harmlos, gab insgesamt nur fünf Torschüsse ab. Dennoch sah Kohfeldt das Spiel als Fortschritt: „Es war ein verdienter Punkt für uns. Mit dem Ball haben wir einen Schritt nach vorne gemacht. Wir hatten eine deutlich bessere Staffelung, haben nicht immer die richtige Lösung gefunden, aber die Trainingsarbeit hat sich ausgezahlt.“

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Kohfeldt arbeitet mit einer Mannschaft, die nach dem Fast-Abstieg nur mit jungen Spielern verstärkt wurde, während mit Davy Klaassen und Kevin Vogt zwei erfahrene Stammkräfte gegangen sind. Im Training gehe es aktuell um die Grundlagen, sagt Werders Trainer häufig. Zuletzt übte das Team, mehr Dominanz auszustrahlen und mehr Ballbesitzphasen zu haben. Zumindest statistisch zeigte das einen Effekt: Hatte Werder in den Spielen davor stets deutlich weniger Ballbesitz als der Gegner gehabt, so lag dieser Wert gegen Hoffenheim immerhin bei 49 Prozent. „In der zweiten Halbzeit standen wir nicht mehr so lange hinten drin, weil wir selber den Ball gehalten haben und im Gegenpressing da waren“, analysierte Kohfeldt. „Besonders die erste Halbzeit würde ich als Schritt nach vorne bezeichnen - von der Staffelung her und vom Thema Spielkontrolle her. Da war das Gefühl: Wir haben es im Griff. Es war kein riesiger Schritt nach vorne und da ist keine Euphorie, aber man merkt: Sie verstehen es und fühlen sich wieder freier auf dem Platz.“

Ein fragiles Gebilde

Ob die vielen kleinen Schritte irgendwann dazu führen, dass Werder spielerisch einen etwas größeren Schritt nach vorne macht, kann momentan niemand seriös vorhersagen. Im Spiel nach vorne fehlen dem Team Überraschungsmomente und Kreativität. Bei einer Aufstellung mit einer Dreierkette plus zwei Außenverteidigern und zwei defensiven Mittelfeldspielern ist aber auch von vornherein klar, dass der Fokus auf der Stabilität liegt. Das Gebilde Werder ist immer noch fragil, weshalb Kohfeldt jede Personalentscheidung genau überdenkt. „Wo stelle ich die Spieler hin, die einen gewissen Schutz brauchen und sich gerade eingespielt haben? Wo spielt der einzelne Spieler lieber? Wo machen wir ihn stark?“, diese Fragen habe er sich gestellt, berichtete der Trainer.

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Also wechselte beispielsweise Manuel Mbom, der seine Sache als Rechtsverteidiger gut gemacht hatte, nur rüber auf die linke Seite und nicht ins zentrale Mittelfeld. „Er hat dann lediglich seitenverkehrt gespielt. Das war kein großes Problem“, erläuterte Kohfeldt. „Ich wollte ihm keine Aufgabe geben, bei der ein hohes Risiko dabei gewesen wäre, dass er schlecht aussieht. Die Jungs haben eine gewisse Stabilität gefunden.“ Um diese Stabilität zu wahren, habe er in der zweiten Halbzeit auch die Grundordnung nicht geändert, betonte der Coach.

Es ist also viel Fingerspitzengefühl gefragt und jedes kleine Erfolgserlebnis bringt mehr Sicherheit. „Wir wollten gewinnen, aber der Punkt ist für uns gut gegen eine Spitzenmannschaft der Liga, die in der Europa League spielt und vor der Saison noch einmal Qualität dazu bekommen hat“, betonte Kohfeldt. Rein tabellarisch befindet sich Werder übrigens auch gerade in Reichweite zu den internationalen Plätzen. Wohin sein Blick geht, machte Kohfeldt aber unmissverständlich klar: „Der Abstand zu den letzten drei der Tabelle bleibt stabil. Das sind Kleinigkeiten, die gut für uns sind. Sich aus dieser Stabilität heraus fußballerisch weiterzuentwickeln ist deutlich angenehmer als jetzt schon hinterherzurennen.“ Vier Spiele in Folge hat Werder nicht verloren. Schön anzusehen war der Bremer Fußball nur sporadisch, aber für Kohfeldt sind erst einmal andere Dinge wichtig: „Durch die Erfolgserlebnisse geht es langsam wieder in die Richtung, dass wir mehr Lust haben zu gewinnen als Angst zu verlieren.“

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