Vor 25 Jahren verließ Rehhagel Werder

Als „König Otto“ abdankte

In Bremen konnte es kaum jemand glauben: Werders Erfolgstrainer Otto Rehhagel ging vor 25 Jahren ausgerechnet zum Erzrivalen FC Bayern. Und die Begleitumstände des Wechsels sorgten für zusätzlichen Ärger.
26.07.2020, 21:20
Lesedauer: 6 Min
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Als „König Otto“ abdankte
Von Christoph Bähr
Als „König Otto“ abdankte

Das letzte Heimspiel: Nach einem 2:1-Sieg gegen den Karlsruher SC verabschiedet sich Otto Rehhagel am 10. Juni 1995 mit einer Ehrenrunde von den Werder-Fans.

Jochen Stoss

Solch eine Begrüßung erleben selbst Könige nur selten. Als Otto Rehhagel Anfang Februar 1995 das Bremer Theater am Goetheplatz betrat, um sich wie so häufig eine Vorführung anzuschauen, standen plötzlich alle Menschen im Saal auf und applaudierten. Was war passiert? Rehhagel hatte nicht etwa einen seiner vielen Titel mit Werder gewonnen, sondern um ihn rankten sich seit einigen Tagen hartnäckige Wechselgerüchte. Der ewige Werder-Trainer wurde mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht und ganz Bremen versuchte, den Abgang von „König Otto“ nach 14 erfolgreichen Jahren zu verhindern. Die Menschen huldigten ihm nicht nur im Theater, sie schrieben Briefe oder Gedichte und malten Plakate, doch Rehhagel brach ihnen allen das Herz. Er ging vor 25 Jahren ausgerechnet zum Bremer Erzrivalen nach München.

Werder stand unter Schock. „Zuerst war die Enttäuschung bei uns allen sehr groß. Das ist vergleichbar mit einer Trennung nach der Silberhochzeit. Wenn plötzlich ein Ehepartner sagt: Ich habe jemand anderen gefunden, mit dem ich lieber zusammen sein möchte als mit dir“, erinnert sich der damalige Werder-Manager Willi Lemke im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Mit Rehhagel ging nicht einfach nur ein Trainer, sondern eine Art Übervater. Manch einer dachte wohl, Rehhagel würde für alle Zeiten im Weserstadion in seinen farbenfrohen Ballonseide-Trainingsanzügen an der Seitenlinie stehen, auf dem kleinen Finger seiner rechten Hand pfeifen und Anweisungen auf den Platz rufen. Umso überraschender kam sein Abschied – nicht nur für die Menschen in Bremen, sondern für ganz Fußball-Deutschland. Die Frankfurter Rundschau schrieb beispielsweise: „Es ist, als verlasse ein Vater seine Familie. Rehhagel ist in Bremen schon heute mehr Mythos als Mensch.“

Eine Vaterfigur für die Spieler

Rehhagel hatte das Traineramt bei Werder 1981 übernommen, die Mannschaft erst zum Wiederaufstieg geführt und dann zu einem europäischen Spitzenteam geformt. Zwei deutsche Meisterschaften, zwei Pokalsiege und einen Europapokalsieg holte Werder in der Ära Rehhagel. Dazu kamen zahlreichen Topplatzierungen in der Liga sowie Halbfinal- und Finaleinzüge im internationalen und nationalen Pokalwettbewerb. Aus Otto Rehhagel wurde "König Otto von Bremen", das Oberhaupt der Werder-Familie. Während er oft barsch gegenüber Medienvertretern auftrat, ging er mit seinen Spielern zumeist sehr empathisch um. Seine Frau Beate kümmerte sich intensiv um die Sorgen und Nöte der Spielerfrauen. "Er war wie ein Vater für die Spieler. Das war wirklich eine verschworene Gemeinschaft. Da ist nie etwas nach außen gedrungen. Das hat Otto Rehhagel geliebt und auch gebraucht“, sagt Willi Lemke.

Entsprechend hart traf es die Mannschaft, als Rehhagels baldiger Abgang bekannt wurde. „Der Abschied war sehr emotional. Für viele Spieler war er bis dahin der einzige Trainer im Profibereich. Lange Zeit konnte man sich nicht vorstellen, dass er mal weggeht“, blickt Dieter Eilts zurück, der selbst bis 1995 im Profibereich nur unter Rehhagel trainierte.

Die Werder-Führung haderte derweil nicht nur mit Rehhagels Abschied, sondern auch mit den Begleitumständen. Angefangen hatte alles recht harmlos mit einem „Sport Bild“-Artikel Anfang Februar 1995, der Rehhagel als besten Trainer für die Bayern bezeichnete, wenn Giovanni Trapattoni gehen sollte. Am Tag darauf stieg die „Bild“-Zeitung ein und trieb den Wechsel medial voran. Ausgerechnet jenes Boulevard-Blatt, das in Bremen Rehhagels erklärter Intimfeind war, bekam nun ein langes Interview mit dem Trainer. Offiziell war der Wechsel zwar noch nicht, doch Rehhagel bereitete sich schon einmal auf die bunte Münchener Medienlandschaft vor und versuchte, sich mehr zu öffnen.

Nur die Werder-Verantwortlichen ließ er weiterhin im Dunkeln über seine Pläne. Sie wollten das alles nicht wahrhaben. „Ich konnte mir vorher nie vorstellen, dass er mal zu den Bayern geht. Über viele Jahre hatten wir schließlich Seite an Seite gegen sie gekämpft“, sagt Lemke. Werder-Präsident Franz Böhmert, Rehhagels Vertrauensperson im Verein, kehrte am 12. Februar 1995 aus dem Florida-Urlaub zurück und versprach den wartenden Journalisten am Flughafen: „Noch ist nichts entschieden. Ich werde um Otto Rehhagel kämpfen." Da war es jedoch längst zu spät, am folgenden Morgen verkündete Bayern-Präsident Franz Beckenbauer stolz via „Bild": „So holte ich Rehhagel nach München."

Informanten im Bayern-Präsidium

Die Bremer Führungsriege stand nun in der Öffentlichkeit auch noch als unwissend da. Dennoch bewiesen die Werder-Verantwortlichen Größe und erklärten am 13. Februar 1995 in einer Pressekonferenz, dass sie Rehhagel trotz bestehenden Vertrages ziehen lassen werden. Es passte ins Bild, dass Werders Entscheidung schon vor dieser Pressekonferenz bei vielen Münchener Boulevardreportern bekannt war. Jedes Blatt hatte damals seinen Informanten im Bayern-Präsidium.

Nach dem ganzen Ärger rund um Rehhagels Wechsel nach München kamen sogar Gerüchte auf, nach denen Werder seinen Trainer sofort freistellen könnte. Co-Trainer Karl-Heinz Kamp sollte demnach bis zum Saisonende die Mannschaft betreuen. Das Verhältnis zwischen Rehhagel und der Klubführung galt schon länger als getrübt. Der Trainer soll nachhaltig verstimmt gewesen sein, weil der Transfer von Stefan Effenberg aus Florenz nach Bremen im Sommer 1994 platzte. Letztlich erhielt Rehhagel aber trotz allem die Chance, sich mit einem Titel aus Bremen zu verabschieden. „Es war für uns alle schwer, doch nach ein paar Wochen haben wir uns mit seiner Entscheidung arrangiert“, sagt Lemke. Fast hätte es sogar geklappt mit der dritten deutschen Meisterschaft unter „König Otto“. „Wir haben eine richtig gute Saison gespielt. Es war eine zusätzliche Motivation, dem Trainer zum Abschied noch einmal eine gute Zeit zu schenken“, betont Eilts.

Werder und Borussia Dortmund lieferten sich einen Zweikampf um die Meisterschaft, und das Drehbuch war filmreif: Ausgerechnet in München konnten die Bremer am letzten Spieltag durch einen Sieg den Titelgewinn perfekt machen. Für die Bayern ging es sportlich um nichts mehr, doch die Spieler wollten wohl ihrem neuen Trainer Rehhagel zeigen, was sie können. Die Münchener gewannen mit 3:1 und zerstörten Werders Titelträume auf brutale Art.

Abschiedsfeier im kleinen Kreis

Die Bremer standen ohne die Meisterschaft und ohne ihren Erfolgstrainer da. Sinnbildlich für die Stimmung bei Werder im Juni 1995 war Verteidiger Hany Ramzy, der auf dem Platz des Münchener Olympiastadions einen Weinkrampf erlitt. Nach dem ersten Schock bereitete die Mannschaft Otto Rehhagel aber einen gebührenden Abschied. Im engsten Kreis – nur mit den Spielern und deren Frauen, ohne die Werder-Führung – feierte Rehhagel seinen Ausstand. Die Spieler sangen ihm dabei sogar ein Ständchen: Den Song „König Otto von Bremen“ von Entertrainer Winnie Appel veredelten die Werder-Profis als Chor im Hintergrund und schmetterten ebenso schief wie emotional: „König Otto von Bremen, hast so lang und gut regiert, warst mehr als ein Trainer, wusstest immer was passiert.“ Auch einen kritischen Ausblick in die Zukunft bietet der Song: „Ein König unter'm Kaiser – Otto, geht das gut?“

Heute weiß man: Es ging nicht gut. Nach einem verheißungsvollen Start stand Rehhagel schnell in der Kritik, im Münchener Starensemble rumorte es. „Ich habe an Rehhagels Lippen gehangen und zu ihm aufgeschaut, bei einigen anderen war das leider nicht so“, erinnert sich der damalige Bayern-Spieler Dietmar Hamann. Die Ruhe, die Rehhagel in Bremen geliebt hatte, fehlte komplett. Ende April 1996, drei Wochen vor dem Saisonende, wurde Rehhagel entlassen. Die Bayern standen auf Platz zwei in der Bundesliga und im Uefa-Cup-Finale, doch das reichte ihnen nicht. Für Willi Lemke ist klar: „Der Wechsel nach München war rückblickend aus meiner Sicht sein größter Fehler. Davon abgesehen hat er mit seinen sensationellen Erfolgen mit Werder Bremen, mit Kaiserslautern und mit Griechenland natürlich Fußballgeschichte geschrieben.“

Einige Wochen nach Rehhagels Entlassung bekamen die Bayern-Verantwortlichen mehr als deutlich zu spüren, wie sehr „König Otto“ trotz seines Wechsels nach München in Bremen noch immer verehrt wurde. Am 7. Mai 1996 traten die Münchener im Weserstadion an, verloren überraschend mit 2:3 gegen Werder, und die Bremer Zuschauer schäumten vor Wut. Von hanseatischer Zurückhaltung keine Spur: Die Werder-Fans beleidigten Interimstrainer Beckenbauer und Bayern-Manager Uli Hoeneß fast durchgehend – nur unterbrochen durch Sprechchöre, mit denen sie Rehhagel feierten. Die Bremer hatten ihrem König den Verrat ganz offensichtlich verziehen.

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