Nachwuchs als "Erfolgsversprechen" Werder Bremen setzt auf seine U23

Viele Bundesliga-Klubs melden ihre U23 vom Spielbetrieb ab, in Bremen haben die Verantwortlichen eine andere Auffassung. Von der vereinseigenen Talentförderung soll die Profimannschaft profitieren.
05.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Werder Bremen setzt auf seine U23
Von Timo Sczuplinski

Eigentlich ist Frank Baumann bei Werder ein Mann für Zukunftsfragen. Wenn der Ehrenspielführer in seiner Funktion als Sportlicher Leiter der U 23 aber über die Nachwuchsarbeit der Bremer spricht, dann taucht er schon mal in seine eigene Vergangenheit ab. „Ohne die zweite Mannschaft wäre ich damals wohl überhaupt kein Profi geworden“, sagt Baumann mit Blick auf seine Zeit beim 1. FC Nürnberg.

Wahrscheinlich wäre er früher oder später wieder in seine Geburtsstadt Würzburg zurückgekehrt und hätte als gelernter Sozialversicherungsangestellter eine ganz gewöhnliche Karriere gemacht. Stattdessen schaffte er als A-Jugendlicher aber über das zweite Team den Sprung zu den FCN-Profis. Und reifte später in Bremen zum Nationalspieler.

Seither ist viel Zeit vergangen. Und dass Bundesliga-Klubs sich heute – rund 20 Jahre später – weiter U-23-Mannschaften leisten, ist mittlerweile nicht mehr ganz so selbstverständlich. Für einige sind sie sogar eher lästig und zu teuer. Die Pflicht, ein zweites Erwachsenenteam zu melden, ist seit dieser Saison aufgehoben worden. Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen zum Beispiel haben bei dieser Gelegenheit ihre zweiten Mannschaften im vergangenen Jahr gleich ganz abgemeldet – mit der Begründung, dass Talente heute häufig schon viel früher den Sprung zu den Profis schafften und den Zwischenschritt, also die U 23, gar nicht brauchten.

Eine starke Reserve

In Bremen haben die Verantwortlichen eine andere Auffassung. „Wir haben nicht einen Moment darüber nachgedacht, die U 23 abzumelden“, sagt Sportdirektor Rouven Schröder. Ganz im Gegenteil. Die Grün-Weißen sehen es als ihre „Pflicht an, die Talente im Leistungsbereich weiter zu fördern“. Natürlich auch in der Hoffnung, dass die Profimannschaft davon profitiert.

Vor allem in dieser Saison ist das bei Werder „exorbitant gut gelungen“, wie Frank Baumann findet. In Levent Aycicek, Davie Selke, Janek Sternberg, Marnon Busch, Melvyn Lorenzen, Maximilian Eggestein oder zuletzt auch Lukas Fröde haben es etliche U-23-Spieler ins Bundesligateam geschafft. „Diese Saison ist schwer zu toppen“, sagt Baumann.

Eine starke Reserve hat bei Werder Tradition. In den 80er Jahren hießen die Talente aus der Zweiten Günter Hermann, Marco Bode oder Dieter Eilts, später Frank Rost, Christian Schulz oder Philipp Bargfrede. „Nicht alle schaffen es direkt von der U 19 in den Profibereich“, sagt Rouven Schröder, deshalb setzt er auf die zweite Mannschaft. Cheftrainer Viktor Skripnik bezeichnet er dabei als „Faustpfand“. Der Ukrainer, selbst aus der U 23 in die Bundesliga aufgestiegen, kennt die Juniorenabteilung wie kaum ein anderer.

Dass für viele unter Skripnik der Weg in Richtung Bundesliga frei wurde, bringt Werder noch einen großen Vorteil. „Man merkt: Es fällt uns leichter, talentierte, interessante Spieler für Werder zu gewinnen“, sagt Frank Baumann. Einen Spieler wie Michael Zetterer – deutscher U-20-Nationaltorwart – hätte man im Winter gewiss nicht bekommen, wenn es bei Werder keine U 23 mehr gegeben hätte. Und auch Rouven Schröder sieht es nicht unbedingt als Nachteil, wenn Nachwuchsspieler deutschlandweit die Zeitung aufschlagen „und dann sehen, wer am Wochenende wieder alles von den Nachwuchsspielern bei uns im Bundesligakader stand“. Die U 23 funktioniert in Bremen also auch als Lockmittel, selbst wenn der Fokus – wie Baumann betont – besonders auf diejenigen Spieler gelegt werde, die schon in den Jugendteams der Grün-Weißen kicken.

Mehr Einfluss auf Talente

Die Anziehungskraft könnte nun weiter steigen, wenn der aktuelle Tabellenführer in der Regionalliga tatsächlich den Sprung in die dritte Liga macht. Für Talente wie Julian von Haacke oder Lukas Fröde wäre es nach den Regionalliga-Erfahrungen der nächste Schritt. Auch wenn eine Liga höher weniger Erfolgserlebnisse zu erwarten sind, profitierten die Jungs dann von den neuen Rahmenbedingungen. Volle Stadien, entsprechend mehr Aufmerksamkeit – auch das helfe ihnen auf dem Weg Richtung Bundesliga, findet Baumann.

Doch egal ob Regionalliga oder dritte Liga: „Dieses Team ist auch ein wichtiger Faktor, um junge Spieler hier in Bremen zu halten“, sagt Frank Baumann. Mit dem Verzicht auf die U 23 würde man eindeutig am falschen Ende sparen, findet Rouven Schröder. Zwar wäre es auf den ersten Blick der finanziell günstigere Weg, denn der Verein bräuchte keine zweite Mannschaft zu unterhalten. Und indem er mehr Talente verleihen würde, könnte er sogar zusätzliche Einnahmen erzielen. Letztlich, so Schröder, sei es aber viel wertvoller, die Talente vor der eigenen Tür zu haben – der Verein habe so engeren Kontakt, mehr Einfluss.

Mit Tim Borowski, der zur neuen Saison Sportlicher Leiter der U 23 wird, hat Werder nun ein weiteres Zugpferd in den eigenen Reihen. Wie bei Baumann könnte dann allein schon Borowskis Werdegang Ansporn für die Jungen sein. Der ehemalige Nationalspieler gilt bei den Bremern als Paradebeispiel dafür, wie es laufen kann. Von der U 17 über die U 19 schaffte Borowski einst ebenfalls über die U 23 den Sprung nach ganz oben.

"Future Liga" statt Pflichtspiele – Ostvereine melden U-23-Teams ab

Deutsche Profiklubs müssen bereits seit dieser Saison nicht mehr zwingend ein U-23-Team unterhalten. Der Deutsche Fußball-Bund hat diese Regelung nun zur kommenden Saison auch auf die unteren Spielklassen ausgedehnt. Dynamo Dresden, der Hallesche FC und der Chemnitzer FC meldeten daraufhin ihre zweiten Teams zum Sommer vom Spielbetrieb ab. Als Ersatz soll eine „Future-Liga“ mit den tschechischen Klubs Sparta Prag, Slovan Liberec und FK Teplice dienen. Die Vereine treten dort mit Nachwuchsspielern zehn Mal pro Saison in Testspielen gegeneinander an.

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