So lief Werders bislang einziges Geisterspiel

Gespenstische Stimmung im Steigerwald

Geisterspiele sind gerade ein großes Thema. Was nicht jeder weiß: In Werders Geschichte gab es schon ein Pflichtspiel ohne Zuschauer, als die zweite Mannschaft in Erfurt antrat. Ein Rückblick.
22.03.2020, 10:24
Lesedauer: 6 Min
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Gespenstische Stimmung im Steigerwald
Von Christoph Bähr
Gespenstische Stimmung im Steigerwald

Kein Mensch auf der Tribüne: Vor leeren Rängen marschieren die Mannschaften von Rot-Weiß Erfurt und Werder II ins Steigerwaldstadion. Erfurt musste die Partie zur Strafe ohne Zuschauer bestreiten, weil Rot-Weiß-Anhänger antisemitische Sprechchöre gerufen hatten.

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Um die 300 Drittliga-Spiele hat Sandro Stallbaum in seiner Karriere bestritten. Er war ein zuverlässiger Defensivmann, dazu Kapitän von Werders zweiter Mannschaft. Den Sprung auf die ganz große Fußballbühne schaffte er nicht, und trotzdem hat der heute 38-Jährige zwei Spiele hautnah erlebt, die einen festen Platz in den Fußball-Geschichtsbüchern haben. 2004 spielte Stallbaum bereits für Werders Reserve, als Skandal-Schiedsrichter Robert Hoyzer das Regionalliga-Spiel beim Wuppertaler SV zugunsten des Bremer Gegners verschob. Stallbaum stand an diesem Tag nicht im Kader, sagt aber: „Die Erinnerung an das Spiel ist noch sehr präsent.“ Etwas länger nachdenken muss er dagegen, um sich das bislang einzige Geisterspiel der Werder-Historie in Erinnerung zu rufen: Im August 2008 spielte Werders zweite Mannschaft in der dritten Liga bei Rot-Weiß Erfurt ohne Zuschauer.

Aufgrund der Corona-Pandemie gelten Spiele vor leeren Rängen derzeit als einzige Möglichkeit, um die Bundesliga-Saison möglicherweise doch noch zu beenden. Fast hätte Werder bereits gegen Leverkusen ohne Zuschauer gespielt, doch der Spieltag wurde noch abgesagt. Es wäre nicht das erste Geisterspiel in der Bremer Vereinsgeschichte gewesen: Nachdem Erfurter Anhänger beim Derby gegen Carl Zeiss Jena durch antisemitische Rufe aufgefallen waren, bestrafte der Deutsche Fußball-Bund den Verein im Sommer 2008 mit einem Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit und das betraf auch den nächsten Gegner Werder II.

Klein und verloren

Bis auf die Teams, ihre Betreuer sowie die Medienvertreter durfte niemand ins Steigerwaldstadion, während sich Hunderte Erfurter Fans vor den Toren der Arena einfanden und versuchten, einen Blick aufs Spielgeschehen zu erhaschen. „Ich kann mich daran erinnern, dass im Stadion wirklich eine merkwürdige Atmosphäre herrschte so ganz ohne Zuschauer“, erzählt Stallbaum, der Werders zweite Mannschaft damals als Kapitän auf den Platz führte. „Sonst war in Erfurt immer recht gute Stimmung, und dann war plötzlich gar nichts los. Das war als Spieler irritierend.“

Die Bilder vom Einmarsch der Mannschaften wirken gespenstisch. Im Hintergrund ragt die große Tribüne empor, auf der kein einziger Mensch sitzt. Die Spieler erscheinen davor klein und verloren. Die Tartanbahn, die es im altehrwürdigen Steigerwaldstadion bis heute gibt, habe die merkwürdige Stimmung noch verstärkt, sagt Stallbaum. Fast zwangsläufig komme dann der Gedanke auf, es handele sich nur um ein Trainingsspiel. „Wie schafft man es, in solch einer Atmosphäre die nötige Anspannung aufzubauen und in den Wettkampfmodus zu kommen? Das war damals ein großes Thema für uns und das wird auch heutzutage nicht ganz leicht für die Spieler, falls es weitere Geisterspiele geben sollte“, sagt Stallbaum.

Die Euphorie springt über

Für ihn, der es selbst erlebt hat, ist klar: Geisterspiele sind für keinen Fußballer ein Vergnügen. „Wir haben damals auswärts gespielt. Dass die Erfurter keine Unterstützung von ihren Fans bekamen, hätte also ein Vorteil für uns sein müssen, aber das war nicht so“, sagt Stallbaum und hält ein kleines Plädoyer für die Bedeutung der Fans bei einem Fußballspiel: „Als Fußballer spielst du viel lieber vor Leuten, auch wenn sie den Gegner anfeuern. Die Euphorie nimmt man trotzdem mit, man saugt die Atmosphäre auf.“

Stallbaum, der heute als Steuerberater arbeitet, spielte mit Werder II in der dritten Liga, als Fortuna Düsseldorf und der FC St. Pauli kurzzeitig drittklassig waren. „Als zweite Mannschaft haben wir natürlich öfter vor wenigen Leuten gespielt. Dafür waren dann diese Spiele in Düsseldorf oder bei St. Pauli absolute Höhepunkte und wirklich schöne Momente“, blickt er zurück. „Auch in Erfurt war immer gut was los, deshalb fanden wir es schon schade, dass wir dort keine Zuschauer hatten.“

Kürzlich bestritten Gladbach und Köln wegen der Corona-Pandemie das erste Geisterspiel der Bundesliga. Bis dahin hatte es im deutschen Profifußball lediglich sechs Partien ohne Zuschauer gegeben, allesamt in der zweiten oder dritten Liga. Erfurt gegen Werder II war im Jahr 2008 überhaupt erst das zweite Geisterspiel im Profibereich. Es handelte sich also durchaus um eine besondere Partie. Dass sich Spieler, die dabei waren, trotzdem nur mühsam daran erinnern können, liegt wohl schlicht und ergreifend daran, dass die Zuschauer fehlten. Die Fans tragen durch die Stimmung im Stadion eben dazu bei, dass ein Spiel besonders wird. Wenn sie nicht da sind, vergisst man das Spiel leichter.

Der Beginn einer Negativserie

„Ehrlich gesagt habe ich keine großen Erinnerungen an das Spiel in Erfurt“, gibt Finn Holsing zu, der damals für Werders zweite Mannschaft auf dem Platz stand und heute das Nachwuchsleistungszentrum von Arminia Bielefeld leitet. Immerhin das Ergebnis kennt der 36-Jährige noch: „Wir haben mit 1:3 verloren und nicht wirklich einen guten Tag erwischt haben. Es war relativ am Anfang der Saison und das Spiel war der Beginn einer langen Serie ohne Sieg.“ Tatsächlich durchlebte Werders Reserve unter Trainer Thomas Wolter nach dem Geisterspiel eine fast schon unheimliche Negativserie und blieb 13 weitere Partien sieglos. Danach steigerten sich die Bremer aber wieder und schafften letztlich den Klassenerhalt. „Der Abstiegskampf hat uns wirklich zusammengeschweißt. Bei uns haben damals Spieler wie Max Kruse, Martin Harnik oder Philipp Bargfrede gespielt, die in der Saison enorm gereift sind“, erzählt Sandro Stallbaum.

Heute steht Bargfrede, der damals in Erfurt 80 Minuten lang mitspielte, bekanntlich im Bremer Profikader. Möglicherweise ist er bald der einzige Spieler, der das erste und zweite Geisterspiel der Werder-Historie auf dem Platz miterlebt. Der Plan der Deutschen Fußball Liga (DFL) sieht zumindest vor, dass die Bundesliga-Saison mit Spielen ohne Zuschauer zu Ende gebracht wird, sobald es die Lage aufgrund der Corona-Pandemie erlaubt. Sollte dieser Plan umgesetzt werden können, hätte Sandro Stallbaum dabei aus Bremer Sicht kein gutes Gefühl. „Ich glaube nicht, dass Spiele ohne Zuschauer ein Vorteil für Werder wären“, sagt er. „Im Weserstadion herrscht immer gute Stimmung. Die Fans würden der Mannschaft enorm fehlen.“

Die Geisterspiele im deutschen Profifußball

Wegen der Corona-Pandemie wurde kürzlich das erste Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte ausgetragen. Am 11. März gewann Borussia Mönchengladbach das Rheinische Derby gegen den 1. FC Köln mit 2:1, und keine Zuschauer waren dabei. Zuvor hatte es im deutschen Profifußball lediglich sechs Partien vor leeren Rängen gegeben.

Im Januar 2004 gewann Alemannia Aachen in der zweiten Liga mit 3:2 gegen den 1. FC Nürnberg. Das Stadion blieb leer, weil Nürnbergs Trainer Wolfgang Wolf im Hinspiel von einem Wurfgeschoss getroffen worden war. Im August 2008 musste Drittligist Rot-Weiß Erfurt gegen Werder II (3:1) ohne seine Anhänger auskommen, weil es zuvor antisemitische Beleidigungen aus dem Fanblock gegeben hatte. Hansa Rostock musste nach Ausschreitungen seiner Anhänger bei der Zweitliga-Partie gegen Dynamo Dresden (2:2) im Dezember 2011 vor leeren Rängen spielen. Dresden traf es auch im März 2012: Nach Ausschreitungen der Anhänger wurde das Zweitliga-Spiel gegen den FC Ingolstadt (0:0) ohne Zuschauer ausgetragen. Der Karlsruher SC wurde ebenfalls für das Fehlverhalten seiner Fans bestraft, als er im August 2012 in der dritten Liga vor leeren Rängen den VfL Osnabrück empfing (1:1). Im Januar 2017 war wieder Rostock betroffen: Nachdem die Anhänger wiederholt Pyrotechnik eingesetzt hatten, fand die Drittliga-Begegnung gegen Jahn Regensburg (0:0) ohne Zuschauer statt.

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