So lief Werders Deal mit Patrick Erras

Erst gezögert, dann blitzschnell zugeschlagen

Das Bremer Interesse an Patrick Erras war schon länger bekannt, doch zuletzt zögerte Werder. Jetzt ging aber plötzlich alles ganz schnell, und der Transfer wurde innerhalb eines Tages perfekt gemacht.
30.07.2020, 16:25
Lesedauer: 3 Min
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Erst gezögert, dann blitzschnell zugeschlagen
Von Christoph Bähr
Erst gezögert, dann blitzschnell zugeschlagen

Patrick Erras wechselt aus Nürnberg nach Bremen.

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Es hat eine Weile gedauert, doch dann drückte Werder aufs Tempo und machte innerhalb eines Tages alles klar mit Patrick Erras. Der defensive Mittelfeldspieler hatte sich früh darauf festgelegt, dass er gerne zu Werder wechseln würde. Ein Interesse der Bremer war auch vorhanden, aber plötzlich herrschte Funkstille (wir berichteten). Als der 25-Jährige und seine Berater bereits andere Optionen abklopften, meldete sich Frank Baumann doch wieder. Werders Sportchef machte sofort Nägel mit Köpfen: Nach WESER-KURIER-Informationen kam Erras am Mittwoch nach Bremen und unterschrieb einen Vertrag bis 2023. Da sein Kontrakt beim 1. FC Nürnberg ausgelaufen ist, wechselt er ablösefrei.

In Nürnberg ist die Enttäuschung groß: Es gibt kein Geld, und ein echtes Eigengewächs verlässt den Verein. Erras spielte seit der D-Jugend für den Club, sieht jetzt aber die Zeit für eine Veränderung gekommen. Er strebte einen Wechsel ins Ausland oder in die erste Bundesliga an. Werder war von Anfang an sein Wunschziel, denn Sportchef Baumann, ebenfalls ein ehemaliger Nürnberger, hat Erras' Entwicklung schon länger verfolgt. Beide wurden in Nürnberg von Ex-Profi Reinhold Hintermaier entdeckt und gefördert.

Reise nach Blackburn abgesagt

Baumann und Erras verstehen sich gut, daher machte sich der Spieler nun auch sofort auf den Weg nach Bremen, nachdem Werders Sportchef sich gemeldet hatte. Eigentlich war bereits eine Reise nach England geplant gewesen, der Zweitligist Blackburn Rovers wollte Erras ebenfalls haben, doch die Reisepläne haben sich erledigt. Auch Premier-League-Aufsteiger Leeds United hatte Erras im Visier. Dazu hatte Nürnberg zuletzt intensiv um den Mittelfeldspieler gekämpft. Nachdem der Club lange Zeit nichts unternommen hatte, bemühte sich in den vergangenen Wochen sogar der Aufsichtsrat um den Verbleib des Eigengewächses. Der neue Sportvorstand Dieter Hecking führte Anfang der Woche kurz nach seinem Amtsantritt direkt Gespräche mit Erras und bot ihm einen neuen Vertrag an, doch der 25-Jährige will lieber zu Werder wechseln.

Am Mittwoch sprach Erras in Bremen mit Baumann und auch mit Trainer Florian Kohfeldt, der aus seinem Urlaub zurück ist. Von beiden und von der allgemeinen Gesprächsatmosphäre soll der Mittelfeldspieler sehr angetan gewesen sein. Ein angenehmer Zufall sorgte zusätzlich für gute Stimmung: Im Weserstadion liefen Erras die Ex-Nürnberger Niclas Füllkrug und Kevin Möhwald über den Weg, die bereits das individuelle Training aufgenommen haben. Die beiden kennt der Neu-Bremer aus der gemeinsamen Zeit beim Club, und die Wiedersehensfreude war groß. Am kommenden Montag lernt Erras dann auch den Rest der Werder-Mannschaft kennen. Nach WESER-KURIER-Informationen ist er beim Trainingsauftakt dabei.

Mit der Erras-Verpflichtung, die in Kürze offiziell bekannt gegeben werden soll, hat Werder einen ersten Schritt getan, um die Lücke auf der Sechser-Position zu schließen. Dort gibt es zwei Abgänge und ein Fragezeichen. Die Leihe von Kevin Vogt ist ausgelaufen. Nuri Sahins Vertrag wurde nicht verlängert. Auch Philipp Bargfredes Kontrakt ist beendet. Ob das Werder-Urgestein einen neuen Vertrag erhält, ist weiter offen. Dass Erras nach Bremen wechselt, dürfte Bargfredes Chancen nicht unbedingt erhöhen.

Noch ein Sechser gesucht

Dazu sucht Werder nach WESER-KURIER-Informationen neben Erras noch nach einem weiteren neuen Sechser. Dieser soll möglichst schon ein gestandener Spieler sein, was die Sache angesichts der finanziellen Möglichkeiten der Bremer nicht gerade einfach macht. Mit Mister X und Erras hätte Werder im defensiven Mittelfeld, der großen Baustelle der abgelaufenen Spielzeit, zwei neue Optionen. Dazu kommen Christian Groß und Rückkehrer Manuel Mbom als zusätzliche Alternativen. Auch Maximilian Eggestein und Kevin Möhwald können auf der Sechser-Position spielen, sind aber als Achter eingeplant.

An Erras hat Werder vor allem dessen körperliche Wucht und dessen Passstärke überzeugt. Die Bremer hoffen, dass der Mittelfeldspieler in dem neuen Umfeld einen Entwicklungsschritt macht und sich zu einem guten Bundesliga-Spieler entwickelt. 19 Mal spielte Erras bereits in der ersten Liga, dazu kommen 61 Zweitliga-Einsätze (neun Tore, zwei Vorlagen). Mit seiner Körpergröße von 1,96 Metern ist der Ex-Nürnberger künftig der größte Feldspieler im Bremer Kader, in der abgelaufenen Saison gelangen ihm drei Kopfballtore. Erras gilt zudem als laufstark und gut im Stellungsspiel. Die fehlende Dynamik wird oft als seine Schwäche angeführt.

In Kohfeldts System passt der Zugang: Erras kann im defensiven Mittelfeld und in der Innenverteidigung spielen und ist somit prädestiniert für die Pendler-Rolle zwischen Mittelfeld und Dreierkette, auf die Werders Trainer gerne setzt. Genau diese Rolle übernahm Erras kürzlich auch in den Relegationsspielen zwischen Nürnberg und Ingolstadt. Im Rückspiel bereitete er den späten Treffer zum 1:3 vor, der Nürnberg in der zweiten Liga hielt. Inzwischen ist klar: Es war sein Abschiedsgeschenk an den Club.

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