Werders Lage nach dem Leipzig-Spiel

Déjà-vu am Deich

Nach dem 1:4 gegen RB Leipzig steht Werder Bremen an einem ähnlichen Punkt wie in der Hinrunde. Der Spielplan sei eben gefährlich, sagt Trainer Florian Kohfeldt.
11.04.2021, 16:40
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Von Daniel Cottäus
Déjà-vu am Deich

Werder war gegen Leipzig einmal mehr klar unterlegen, so wie Felix Agu hier im Duell mit Ibrahima Konaté.

Kokenge/nordphoto

Der Mann hatte es ganz sicher nur gut gemeint, als er am Sonntagmorgen mit seinem Kleinwagen so nah wie möglich an den Trainingsplatz des SV Werder Bremen heranfuhr, dort die Scheiben herunterließ und laut scheppernd die gängigen grün-weißen Vereinshymnen aus den Boxen seines Autoradios erklingen ließ. Akustische Aufmunterung am Tag nach der deutlichen 1:4-Heimpleite gegen RB Leipzig. Schaden konnte das nicht. Und doch sorgte es bei Profis und Zuschauern kaum für den gewünschten Effekt – eher im Gegenteil. Während die Bremer Reservisten, die im Nieselregen gerade ihr Spielersatztraining absolvierten, die musikalische Untermalung weitestgehend ignorierten, nötigte sie einem der sechs, sieben, allerhöchstens zehn anderen Fans einen herrlich norddeutsch-nüchternen Kommentar ab: „An einem Tag wie heute hört sich das eher nach Krach an.“ Aufbruchstimmung und Unbeschwertheit sind am Osterdeich aktuell eben nur schwer zu finden. Dafür ist Werders Lage auch viel zu heikel, wieder einmal. Obwohl die Welt vor gut vier Wochen doch noch absolut in Ordnung schien.

Kleiner Rückblick, weil er dabei hilft, die Fallhöhe zu markieren: Nach dem 2:0-Erfolg im Nachholspiel bei Arminia Bielefeld hatten die Bremer am Abend des 10. März stolze elf Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, was damals bei noch zehn ausstehenden Spielen zwar noch nicht die sichere Rettung war, ihr gefühlt aber eindeutig näher lag als Abstiegskampf und Überlebensängste. Nun ja. Zurück zum 10. April, zum 1:4 gegen Leipzig, das Werders vierte Liga-Pleite in Serie war und den Vorsprung weiter, auf jetzt nur noch vier Zähler eindampfte. „Wir haben einen ganz gefährlichen Spielplan, das wussten wir vorher“, sagte Werder-Trainer Florian Kohfeldt, der mit seiner Mannschaft gerade mitten in einem Déjà-vu-Erlebnis feststeckt.

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Auch in der Hinrunde waren die Bremer mit ordentlicher Ausgangslage in den Block mit schweren Spielen gegen Bayern, Wolfsburg, Stuttgart, Leipzig und Dortmund gestartet – verloren davon jedoch vier und standen vor dem Duell mit Mainz enorm unter Druck. Ähnliches droht jetzt wieder. Das kommende Auswärtsspiel beim Tabellenfünften aus Dortmund ist die letzte Chance, vor der Partie gegen den direkten Konkurrenten für etwas Entspannung zu sorgen. „Wir haben das nie abgehakt“, sagte Kohfeldt bezogen auf den Abstiegskampf, „ich habe immer beobachtet, was hinter uns passiert“. Verglichen mit dem Vorjahr sei Werders Lage aber immer noch gut: „Wir müssen nicht auf andere Ergebnisse hoffen, sondern können uns auf uns konzentrieren.“

In dieser Woche wird der Trainer dabei vor allem dafür sorgen müssen, dass die Köpfe seiner Spieler nach vier Liga-Pleiten in Serie schnell wieder frei werden, „denn natürlich macht so eine Serie etwas mit einer Mannschaft“, gestand der Trainer. Der Sieg im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Regensburg sei zwischendrin gut fürs Gemüt gewesen, das schon, aber dennoch forderte Kohfeldt: „Wir müssen jetzt klar bleiben. Die größte Sorge, die ich habe, ist, dass wir uns verlieren, denn wenn das passiert, wird es kribbelig, wofür ich aber keine Anzeichen sehe.“ Kurz vor Weihnachten in der Vorsaison, da sei es Werder passiert, erinnerte der Trainer, der solche Auftritte wie beim damals denkwürdigen 0:5 Heim-Debakel gegen Mainz und beim blutleeren 0:1 in Köln nie wieder von seiner Mannschaft sehen möchte. Dann doch lieber Mut und Entschlossenheit, was jüngst gegen Leipzig der Plan gewesen war, letztlich aber nicht aufging.

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Kohfeldt überraschte gegen das Spitzenteam mit seiner Aufstellung in zweifacher Weise, einmal rein personell und auch, was die offensive Ausrichtung betrifft. Da Spieler wie Milot Rashica, Milos Veljkovic und Kevin Möhwald nicht fit genug für 90 Minuten gewesen seien, habe er sich einen Plan überlegen müssen, erklärte Kohfeldt, der sich letztlich gegen das Mauern und für das Mitspielen entschied, was nach 20 ordentlichen Minuten nicht mehr funktionierte. Ab dem Moment, als Leipzig Betriebstemperatur erreicht hatte, lief Werder bis zum 0:3-Pausenrückstand, herausgeschossen von Dani Olmo (23.) und Alexander Sörloth (32./41.), nur noch hinterher. In Hälfte zwei, als Milot Rashica verkürzte (61./Handelfmeter) und Marcel Sabitzer sofort antwortete (63.), lief es zwar etwas, aber nicht bedeutend besser. Kapitän Niklas Moisander fasste das Spiel später so zusammen: „Wir haben versucht, Leipzig ein bisschen zu überraschen, mutig und mit Druck zu spielen. Das war unsere Taktik heute. In der ersten Halbzeit hat sie nicht funktioniert.“ Außerdem habe das Team zu einfache Fehler vor den Gegentoren gemacht, was für Kohfeldt übrigens Hauptgrund der Niederlage war.

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„Wir waren im eigenen Strafraum zu nachlässig. Drei der vier Gegentore müssen wir verteidigen“, ärgerte er sich. Die offensivere Ausrichtung hatte für den Trainer nicht nennenswert zum Misserfolg beigetragen. „Ich sage es ganz klar: Es ist immer besser, etwas zu probieren, als sich auf den Rücken zu legen und zu sagen: Hoffentlich nicht so doll. Aus fußballfachlicher Sicht kann man es an der mannschaftstaktischen Leistung heute nicht festmachen“, betonte er.

Demnach wäre es keine Überraschung, wenn die Bremer auch am kommenden Sonntag in Dortmund einen ähnlich Plan auf dem Platz verfolgen, der dann aber möglichst von Erfolg gekrönt sein sollte. Neben wertvollen Punkten hätte das für den Trainer noch einen netten Nebeneffekt: Gewisse Nachfragen würden ihm erspart bleiben. In welchen Belangen Leipzig qualitativ denn generell besser sei als Werder, wollte ein Journalist am Samstag wissen. Die Antwort, wie aus der Pistole geschossen: „Sprint, Körperlichkeit, Ballsicherheit, Effektivität.“ Nachfrage: Und umgekehrt? Langes Grübeln des Trainers, dann die Befreiung aus einer brenzligen Situation, wie es seine Spieler auf dem Platz viel zu selten geschafft hatten: „Das wäre anmaßend. Ich kann nur sagen, wo ich uns schwächer sehe.“

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