Werders Spiel gegen Leverkusen in der Analyse

Defensiv kompakt, offensiv ohne Durchschlagskraft

Die Null muss stehen: So lautete Werder Bremens Strategie im Spiel gegen Bayer Leverkusen. Florian Kohfeldts Plan, das Zentrum zu schließen, ging auf, analysiert Taktik-Experte Tobias Escher.
09.05.2021, 11:25
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Von Tobias Escher
Defensiv kompakt, offensiv ohne Durchschlagskraft

Werders Außenverteidiger Ludwig Augustinsson (vorne) war auf dem linken Flügel oft auf sich allein gestellt.

Carmen Jaspersen/dpa

Steht bis zur Halbzeit-Pause hinten die Null, hat Werder eine echte Chance auf den Punktgewinn. Dieser goldenen Regel folgt Florian Kohfeldt in dieser Saison. 22 Punkte sammelte Kohfeldts Team, wenn sie in der ersten Halbzeit kein Gegentor kassiert haben.

Gegen Bayer Leverkusen gelang es Werder bereits zum 15. Mal in dieser Saison, ohne Gegentor in die Pause zu gehen. Das Problem: Es war zugleich das zwölfte Mal, dass es zur Halbzeit-Pause 0:0 stand. Auch gegen Leverkusen ging Werders defensive Stabilität auf Kosten der offensiven Durchschlagskraft.

Aufstellung fast wie im Pokal

Trainer Florian Kohfeldt schenkte jener Elf das Vertrauen, die sich im DFB-Pokal-Halbfinale gegen RB Leipzig teuer verkauft hatte. Einzig Leonardo Bittencourt rutschte neu in die Startelf, Manuel Mbom fehlte verletzt. Kohfeldt setzte auf das gleiche taktische System wie gegen Leipzig: Werder verteidigte in einem engen 4-3-3. Davie Selke agierte zentral im Sturm, Niclas Füllkrug und Joshua Sargent spielten versetzt neben ihm.

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Werder setzte damit erneut auf die Taktik aus dem Leipzig-Spiel. Oberste Priorität hatte das Schließen des Zentrums: Die drei Stürmer zogen sich eng zusammen. Sie blockierten den Passweg ins Mittelfeld. Auch die Dreifachsechs orientierte sich ins Zentrum. Leverkusen durfte das Spiel über die Außen eröffnen, nicht aber in das Zentrum gelangen.

Die Leverkusener versuchten zunächst gar nicht erst, den Ball in die enge Zone im Zentrum zu passen. Ihr 4-2-3-1-System war recht breit angelegt. Die Außenstürmer hielten lange Zeit ihre Positionen auf dem Flügel. Gerade Karim Bellarabi stand praktisch durchgehend mit einem Fuß auf der Seitenauslinie.

Karim Bellarabi positionierte sich stets weit außen.

Karim Bellarabi positionierte sich stets weit außen.

Foto: Deichstube

Doch gefährlich vor das Tor kamen die Leverkusener zunächst nur selten. Bremen war durchaus gewillt, den Leverkusenern Raum auf den Flügeln zu geben. Selbst die Mittelfeldspieler rückten kaum aus der Mitte. Bremens Außenverteidiger mussten auf den Flügeln viele Situationen allein lösen. Werders Kalkül: Im schlimmsten Fall setzen sich Bayers Außenstürmer durch und schlagen eine Flanke. Die Flanke sollte nicht verhindert, sondern lediglich im Strafraum verteidigt werden. Hier sah sich Werder im Vorteil.

Werders Konter versanden

Tatsächlich gelang es Werder, mit der hohen Kompaktheit im Zentrum Leverkusen zur Ineffektivität zu verdammen. Tempo konnten die Leverkusener nur aufnehmen, wenn Werders Außenverteidiger zu weit vorrückten. Gerade Linksverteidiger Ludwig Augustinsson rückte einige Male zu weit heraus, Leverkusen kam über Doppelpässe in den Raum hinter ihm. Der sehenswerteste Angriff dieser Art endete sogar in einem Tor, das aufgrund einer Abseitsstellung jedoch aberkannt wurde. Dieser Angriff war aber die Ausnahme, nicht die Regel; insgesamt hatte Werders Abwehr die Partie im Griff.

Von Werders Angriff war derweil wenig zu sehen. Auch offensiv orientierte sich Werder am Leipzig-Spiel: Stoßstürmer Selke sollte mit langen Bällen gefüttert werden. Er ließ sich fallen, um die hohen Zuspiele zu erreichen und weiterzuleiten. Leverkusen war allerdings gut eingestellt auf diese hohen Bälle. Selke gewann deutlich weniger Kopfball-Duelle als im Pokal-Halbfinale.

Trotz offensiver Schwächen und einiger Wackler auf den Außenverteidiger-Positionen: Werder kontrollierte die Partie über eine stabile Defensive. Leverkusen hatte zwar fast 70% Ballbesitz, spielte aber fast ausschließlich Rück- und Querpässe.

Umstellung stabilisiert Werders Defensive

Nach der Pause stellte Kohfeldt etwas um: Mit den Einwechslungen von Yuya Osako und Milot Rashica (57., für Füllkrug und Bittencourt) veränderte sich die Formation zu einem 4-4-2. Rashica und Sargent verteidigten nun auf den Flügeln, während Osako im Pressing neben Selke agierte. Werder behielt die hohe Kompaktheit im Zentrum, stabilisierte zugleich aber die Flügel: Die Außenverteidiger bekamen Unterstützung durch Rashica bzw. Sargent.

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Auch offensiv setzte Werder in dieser Phase vermehrt Akzente. Rashica agierte auf der ungewohnten rechten Seite. Er sollte den Flügel beackern und Hereingaben in den Strafraum schlagen. Hohe Flanken bereiten Leverkusen in dieser Saison Probleme. Echte Torgefahr entwickelte Werder nicht; dafür entlasteten sie mit ihren eigenen Angriffen die Defensive.

Defensiv hui, offensiv pfui: Beide Seiten verteidigten besser als sie angriffen. Bis zum Schlusspfiff plätscherte die Partie vor sich hin. Leverkusen fehlte nach der Bremer Umstellung jegliche offensive Durchschlagskraft. Werder gelang offensiv nicht viel mehr; als Außenseiter war dies aber auch nicht unbedingt von ihnen zu erwarten. Werders defensiv solide Leistung bringt sie in die Position, mit einem Sieg kommende Woche an Augsburg vorbeiziehen zu können. Auch dann sollte wieder die Null stehen.

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