Stadionsprecher Stoll über Geisterspiele

„Wenn das passiert, ist meine Zeit vorbei"

Christian Stoll, seit fast 25 Jahren Stadionsprecher im Weserstadion, über mögliche Geisterspiele, das Einspielen von künstlicher Geräuschkulisse und Solidarität im Fußball-Geschäft.
30.03.2020, 09:45
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Wenn das passiert, ist meine Zeit vorbei
Von Christoph Sonnenberg
„Wenn das passiert, ist meine Zeit vorbei"
nordphoto / Kokenge

Herr Stoll, falls die Saison zu Ende gespielt wird, würde es Stand jetzt nur noch Geisterspiele geben. Wären Sie als Stadionsprecher dann im Einsatz?

Christian Stoll: Es ist gegen Leverkusen vorgesehen gewesen, dass einer von uns beiden Sprechern dabei gewesen wäre, in diesem Fall Arnd Zeigler. Dann wurde die Partie ja abgesagt. Ich habe bisher nichts gegenteiliges für mögliche weitere Geisterspiele gehört. Obwohl die Entwicklung derzeit unübersichtlich ist, gehe ich also davon aus.

Sind Geisterspiele eine gute und richtige Maßnahme, diese Saison noch zu einem Ende zu bringen?

Das aller Wichtigste ist die Gesundheit der Menschen. Punkt. Persönlich, als Old-School-Fan, finde ich Spiele ohne Zuschauer eine Katastrophe. Fußball ist für die Menschen gemacht, für die Fans. Ein Stadion, in dem ein Bundesligaspiel ohne Zuschauer stattfindet, ist geisterhaft. Das war bei der Partie Gladbach gegen Köln zu sehen und zu spüren. In Bremen ist die Unterstützung durch die Zuschauer eine ganz besondere, die Mannschaft braucht sie, gerade in der derzeitigen sportlichen Situation. Auf der anderen Seite ist klar, dass die DFL und die Klubs Interessen haben, weshalb die Spiele gespielt werden müssen.

Wie können Sie sich auf ein Spiel ohne Zuschauer vorbereiten?

Der klassische Sprecher oder Moderator ist da nicht gefragt. Wir machen unser Programm ja für die Zuschauer und nicht für die Spieler oder Offiziellen der Klubs. Jeder Spieler auf dem Platz weiß, welche Rückennummer er hat oder wer das Tor erzielt hat. Ich weiß also nicht genau, was ein Stadionsprecher dann zu tun hat. Wir sind überflüssig, machen wir uns nichts vor. Aber es wird vermutliche Bestimmungen geben seitens der DFL, dass es einen Sprecher bei einem Bundesligaspiel geben muss.

Sind Sie als nicht dafür, ohne Zuschauer die Aufstellung durchzusagen, Torschützen zu nennen oder Auswechselungen?

Das Verlesen der Aufstellung ist einer der Höhepunkte des Stadionprogramms. Aber für wen sollte ich sie aufsagen? Für wen die Torschützen? Stadionsprecher sind in erster Linie für die Zuschauer da. Aber wenn die nicht im Stadion sind? Ich kann es mir noch nicht vorstellen und will darüber auch gar nicht wirklich nachdenken. Seit fast 25 Jahren mache ich das in Bremen mit 40 000 Menschen im Stadion. Und dann sind da vielleicht 40 Menschen. Das ist unvorstellbar!

Um ein wenig Normalität vorzugaukeln, könnten Gesänge und Applaus vom Band eingespielt werden. Wäre das eine Überlegung?

Von diesen Überlegungen habe ich gehört. Wenn das passiert, ist meine Zeit vorbei. Das hat mit meiner Vorstellung von Fußball nichts zu tun. Viele Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre im Fußball finde ich bedenklich, zum Glück wenige davon bei Werder. Aber das wäre das Letzte! Vielleicht bin ich aus der Zeit gefallen. Aber in dem Fall will und könnte ich es nicht nachvollziehen.

Atmosphäre lässt sich nicht künstlich erzeugen?

In einem leeren Stadion lässt sie sich mit keiner Maßnahme erzeugen. Den Versuch würde ich auch gar nicht erst starten. Selbst in einem vollen Stadion lässt sich Atmosphäre nur erzeugen, wenn die eigene Mannschaft alles aus sich herausholt. Stimmung kommt vom Rasen auf die Tribüne und schwappt dann wieder runter. Etwas anderes funktioniert nicht, das kann ich aus meiner langjährigen Erfahrung sagen.

Haben Sie schon mal ein Geisterspiel erlebt?

Ein echtes Geisterspiel nicht, aber etwas ähnliches. 2006 gab es in Wolfsburg ein Vorbereitungsspiel auf die WM, da spielten Kroatien gegen Polen. Nur 600 Fans waren im Stadion, schon das war sehr unwirklich. Vor ein paar Monaten war ich auf Einladung Izet Hajrovics in Zagreb. Ein Heimspiel Dinamos, bei dem aus Sicherheitsgründe nur 400 Fans in einem Stadion waren, in das 40 000 passen. Zur Halbzeit bin ich gegangen, weil das für mich mit Fußball nichts zu tun hat. Da schaue ich lieber Kreisliga, da ist mehr Atmosphäre.

Hat ein Geistspiel Einfluss auf die Leistung der Spieler?

Klares Ja! Den Klassenerhalt 2016 haben wir zu großen Teilen unseren Fans zuzuschreiben, die unsere Mannschaft phantastisch unterstützt hat. Sie haben uns auf einer Welle getragen. Gelegentlich spreche ich mit Spielern anderer Mannschaften. Die sagen, dass sie nicht gerne in Weserstadion nach Bremen kommen, weil die Atmosphäre heiß ist. In Deutschland gibt es im Moment nicht so viele Vereine, die da mithalten können. Mit diesem Pfund konnten wir immer wuchern. Fällt das weg, halte ich es für weitaus schwieriger.

Schaut man auf die Heimtabelle, liegt Werder mit fünf Punkten auf dem letzten Platz. Im Weserstadion läuft es also nicht besonders gut. Könnten Spiele ohne Zuschauer helfen, weil die Spieler dann weniger Druck verspüren?

Das kann so sein. Es gibt ja Psychologen, die behaupten, dass das den Druck mindern könnte. Letzten Endes geht es darum, die Klasse zu halten. Wenn Geisterspiele dabei helfen, was ich nicht glaube, dann bin ich selbstverständlich dafür.

Helfen könnte auch ein Abbruch der Saison, dann würde es vermutlich gar keinen Absteiger geben. Wäre das aus Werders Sicht vielleicht sogar die beste Lösung?

Das ist Kaffeesatzleserei. Wir spielen eine schlechte Saison, keine Frage. Spekulationen, was wäre wenn etwas wie gespielt worden wäre – die sind vollkommen überflüssig. Wir müssen abwarten, welche Entscheidungen getroffen werden, welche Entwicklungen es gibt. Ich hoffe, dass sie Werder am Ende nützen.

Die Folgen der Corona-Pandemie geht vielen Vereinen an die Substanz, bei einigen wird es vermutlich um die Existenz gehen. Ein Werder-Fan-Klub hat deshalb zu Solidarität mit dem Klub aufgerufen und bittet darum, bei bereits gekauften Tickets keine finanzielle Entschädigung zu fordern. Was sagt das aus?

Das ist bemerkenswert und zeigt, wie Werder die Menschen bewegt und sie beschäftigt. Wie tief der Klub in den Herzen der Fans ist. Und sie ist ein Beleg dafür, dass die Corona-Krise auch für etwas gut sein könnte: dass es Solidarität unter den Menschen gibt. Dass die vier Teilnehmer der Champions League, Bayern, Dortmund Leipzig und Leverkusen, 20 Millionen Euro in einen Topf werfen wollen, hätte es vorher so nicht geben. Die Solidarität vieler Spieler, unsere waren da ja vorne mit dabei, auf Teile des Gehalts zu verzichten, um zu helfen, finde ich großartig. Alles was hilft, die erste Liga zu halten, hilft. Denn nur das zählt!

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+