Stören Fans Geisterspiele, droht ein Abbruch Die unsichtbare Gefahr

Sollten Fan-Massen Spiele ohne Zuschauer stören, drohen Abbruch und Niederlage für die Heimmannschaft, das hat DFL-Geschäftsführer Christian Seifert klar gemacht. Für Werder könnte das brisant werden.
25.04.2020, 17:21
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Die unsichtbare Gefahr
Von Malte Bürger

Es ist bei weitem kein rein bremisches Problem. Viele Profivereine in Deutschland stellen sich aktuell die Frage, wie die eigenen Fans damit umgehen, wenn zeitnah wieder Bundesliga-Spiele stattfinden. Ohne Zuschauer zwar, aber trotzdem unter großer Beobachtung. Vielen Anhängern sind die sogenannten Geisterspiele ein Dorn im Auge, etliche Ultra-Gruppierungen haben bereits schriftlich ihren Unmut geäußert und für einen Saison-Abbruch geworben. Sie verweisen darauf, dass die Gesundheit aller Beteiligten im Vordergrund stehen müsse. Allein schon deshalb erscheinen Protestaktionen der Ultras am Stadion unwahrscheinlich. Nur so richtig glauben wollen das die Wenigsten.

Und so wird munter gemutmaßt, orakelt und ein Horrorszenario nach dem anderen entworfen. Auch Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), wurde im Anschluss an die jüngste außerordentliche Mitgliederversammlung gefragt, was für eine Reaktion er denn für angemessen halte, falls zu viele Fans auf dem Außengelände einer Arena auftauchen und so einen Spielabbruch herbeiführen oder gar provozieren wollen würden. „Ich würde mir bei aller Emotionalität wünschen, auch dort das richtige Augenmaß an den Tag zu legen“, antwortete Seifert. „Wenn wir wieder spielen, dann ist ganz klar ein Argument, dass es nicht zu Zuschaueransammlungen kommen darf. Wer das bewusst in Kauf nimmt, der nimmt auch in Kauf, dass das Spiel nicht stattfindet.“

Der Schwarze Peter lag somit auf dem Tisch, und die errichtete Drohkulisse erhielt weiteren Zuwachs. „Wenn wir im Spielbetrieb sein sollten, dann wäre das ein Problem. Dann wird man sich damit beschäftigen müssen, ob das wie ein abgebrochenes Spiel zu betrachten ist“, sagte Seifert. „Und das wird dann eben 2:0 für den Gegner gewertet.“ Für Werder könnte ein derartiges Szenario noch richtig gefährlich werden. Gerade im Abstiegskampf, wo jeder Punkt zählt. Auch Bremer Ultras lehnen die Geisterspiel-Pläne ab, allerdings haben sie bislang nicht im Ansatz dazu aufgefordert, mögliche Partien zu stören. Und doch lodert – zumindest in der Politik – die Angst, dass sie genau das tun werden.

Ein angespanntes Verhältnis

„Wenn das erste Geisterspiel dazu führt, dass sich massenhaft Fans vor den Stadien einfinden, haben wir ein Problem“, sagte jüngst Innensenator Ulrich Mäurer gegenüber dem WESER-KURIER. „Wir haben bundesweit ein Versammlungsverbot. Deswegen muss die Frage beantwortet werden, ob die Fans mitgehen oder ob sie sich verhalten wie in der Vergangenheit.“ In den Vorjahren gab es immer wieder Konflikte zwischen Mäurer und den Ultras. Nicht unwahrscheinlich also, dass im Zweifel gegen den Angeklagten entschieden wird. „Ich werde nie und nimmer hunderte von Polizeikräften in einen solchen Einsatz schicken. Die Gesundheit meiner Mitarbeiter zu gefährden, nur um eine Demonstration von Fans aufzulösen. Das ist völlig abwegig“, sagte Mäurer. „Dann ist es eher angemessen, auf Geisterspiele zu verzichten.“

Es war also eigentlich noch gar nichts passiert, einen möglichen Schuldigen hatte es aber schon einmal gegeben. Das kam bei den Ultras nicht wirklich gut an. Beispielsweise veröffentlichte die Bremer Gruppe „Caillera“ auf ihrer Internetseite ein Schreiben, in dem deutliche Worte fielen: „Was macht Ulrich Mäurer, wenn er negative Presse bekommt? Er kanalisiert diese ganz einfach auf die Ultras, indem er behauptet, es gäbe den Grund zur Annahme, die organisierte Werder-Fanszene würde den Ablauf der Geisterspiele stören wollen." Und mehr noch: „Damit beweist er jedoch wieder einmal nur seine Stümperhaftigkeit und Unwissenheit, denn bereits das boykottierte Montagsspiel (am 16. März gegen Bayer Leverkusen, Anm. d. Red), welches zum Geisterspiel deklariert worden ist, wurde unter dem Vorwand einer Fanszene-Versammlung und trotz einiger Appelle der Szene an die Vernunft der Werder-Fans abgesagt.“

Dachverband erklärt sich

Auch der Dachverband Bremer Fanklubs zweifelte in einer Erklärung an, dass Fans in Bremen Geisterspiele stören würden. Darüber hinaus teilte er mit: „Sofern von der Bundesregierung und den Ministerpräsidenten festgelegt wird, dass Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden dürfen, positionieren wir uns dahingehend, dass dies in Abwägung der aktuellen Situation des SV Werder Bremens auch notwendig ist. Dies bedeutet aber in keinem Fall, das Spiele ohne Zuschauer zu einer dauerhaften Lösung werden dürfen, nur um den Profifußball in der derzeitigen Form einfach so weiterzuführen.“

Der Dachverband hatte zuvor eine Videokonferenz mit Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald abgehalten, klärende Gespräche mit den Ultras sind dagegen schwierig zu bewerkstelligen. Der Disput mit Teilen des Anhangs hat durch die Verpflichtung von Stadionsponsor Wohninvest noch einmal ein neues Level erreicht. „Wir sind mit unseren Fans über unsere Fanbetreuung, den Fanbeirat und die Fanklubs im Austausch. Es ist aber auch bekannt, dass wir diesen aktuell leider mit unserer Kurve, insbesondere mit den Ultras, nicht so haben“, sagte Sportchef Frank Baumann. „Das wäre aber gerade in solch einer Situation sehr gut und sehr wichtig.“

Zumal es seiner Meinung nach derzeit wohl nur einen Weg aus der Misere gibt. „Keiner von uns möchte Spiele ohne Zuschauer wirklich haben, nur müssen wir der Situation auch realistisch ins Auge blicken“, sagte Baumann, „und die sieht so aus, dass wir sonst wahrscheinlich über viele Monate gar nicht mehr werden spielen können. Und da muss man sich fragen, welche Konsequenzen hätte das für alle Klubs und einen Verein wie Werder Bremen.“ Werders Sportchef setzt auf eine besonnene Reaktion: „Grundsätzlich glaube ich, dass unsere Fans für solch eine Situation ein sehr gutes Gespür haben und sich mit ihrer gesellschaftlichen Rolle auseinandersetzen.“

Sollte es doch Probleme geben, wird immer wieder über einen möglichen Umzug spekuliert, etwa nach Hamburg oder Hannover. „Wir sind im Dialog mit dem Innensenator und hoffen sehr stark auf die Solidarität all unserer Fans“, sagte Werder-Chef Klaus Filbry. „Dann würde einem Heimspiel in Bremen nichts im Wege stehen. Ansonsten müsste man nach Alternativspielorten Ausschau halten. Davon gehen wir aber nicht aus.“

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