Werder vor dem Hinspiel gegen Heidenheim

Die Suche nach der richtigen Strategie

Florian Kohfeldt war angespannt. Die Bedeutung der beiden Relegationsspiele gegen Heidenheim war dem Trainer förmlich anzusehen. In der Vorbereitung darauf macht Werder einiges anders als sonst.
02.07.2020, 13:23
Lesedauer: 4 Min
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Die Suche nach der richtigen Strategie
Von Christoph Bähr
Die Suche nach der richtigen Strategie

Im Pokal hat sich die Mannschaft von Florian Kohfeldt schon einmal gegen Heidenheim mit Trainer Frank Schmidt durchgesetzt. In der Relegation herrschen jedoch besondere Bedingungen.

nordphoto

Florian Kohfeldt ärgerte sich über sich selbst. Der Werder-Trainer hatte kurz nach dem 6:1-Sieg gegen Köln euphorisch erzählt, dass seine Frau Juliane dieses Ergebnis vorhergesagt hatte, und bereut das inzwischen. Was seine Gattin für das Relegations-Hinspiel gegen Heidenheim prognostiziert, wollte Kohfeldt am Mittwoch dann auch nicht mehr verraten. „Jetzt ist gut mit dem Orakel. Das habe ich im Überschwang der Gefühle erzählt“, stellte Kohfeldt, der Privates normalerweise nicht preisgibt, mit dem nötigen Ernst klar. Überhaupt wirkte der Coach angespannt. Nach netten Anekdoten, die er sonst gerne mal erzählt, stand ihm nicht der Sinn. Zu wichtig sind die Spiele an diesem Donnerstag in Bremen und am Montag in Heidenheim (jeweils 20.30 Uhr). Sie entscheiden darüber, ob Kohfeldt als der Trainer in die Vereinsgeschichte eingeht, der den zweiten Bremer Bundesliga-Abstieg zu verantworten hat.

Dabei ist die Sache für viele eigentlich schon klar: Gegen die Heidenheimer, die kürzlich ohne große Gegenwehr mit 0:3 in Bielefeld verloren und deren gesamter Kader laut transfermarkt.de gerade einmal einen Marktwert von 18,6 Millionen Euro hat, kann für Werder nichts schiefgehen. Diese Sichtweise gefällt den Verantwortlichen logischerweise überhaupt nicht. „In der Öffentlichkeit herrscht das Gefühl: Werder hat es schon geschafft“, hat Sportchef Frank Baumann beobachtet. „Aber wir haben intern dagegen gesteuert. Wir brauchen zwei absolute Topleistungen. Die Chancen stehen 50:50.“

Bloß nicht unterschätzen

Ein Nordderby gegen den Hamburger SV hätte aufgrund der Brisanz kein Spieler auf die leichte Schulter genommen, doch Werders Erzrivale scheiterte auf der Zielgeraden. Also geht es gegen Heidenheim, das Team aus der baden-württembergischen Provinz ohne echte Stars. „Ich hatte keinen Wunschgegner“, betonte Kohfeldt. „Ich kann nur jedem zurufen: Absolute Vorsicht! Es ist der Tabellendritte der zweiten Liga. Bei uns herrscht ein Gefühl der totalen Anspannung. Keiner unterschätzt Heidenheim. Wir sehen die zwei Relegationsspiele als Geschenk an. Wir haben so viele Täler durchschritten, jetzt wollen wir es unbedingt zu einem guten Ende bringen.“

Das Geschenk muss also auch ausgepackt werden. Damit das klappt, haben sie bei Werder einiges verändert. Der Kontakt zwischen den Vereinsmitarbeitern und der Mannschaft sei etwa schon vor dem Köln-Spiel intensiviert worden, schilderte Baumann. So etwas passiert bei Klubs im Abstiegskampf regelmäßig, um den Spielern zu verdeutlichen, was für weitreichende Konsequenzen ein Abstieg für viele Menschen hätte. „Es ist ein sehr enges Miteinander. Die Mitarbeiter fiebern mit und haben sich einiges einfallen lassen, um die Mannschaft zu unterstützen“, sagte Baumann. Beim Köln-Spiel hing auf der leeren Tribüne ein Banner der Mitarbeiter mit der Aufschrift „Wir glauben dran".

Externer Rat für den Trainer

Und vor der Relegation hat sich noch mehr verändert: Florian Kohfeldt hat sich externen Rat geholt. „Ich bin immer noch ein junger Trainer und habe eine Relegation noch nie erlebt. Man sollte nicht überheblich sein und denken, dass man schon alles weiß. Das sind besondere Spiele“, sagte er. Der 37-Jährige sprach daher mit „zwei Leuten, die die Relegation schon erlebt haben, über die Besonderheiten und mögliche Fallstricke. Beide sind nicht direkt bei Werder tätig. Die Namen werde ich nicht nennen."

Überhaupt war die Pressekonferenz zum Heidenheim-Spiel geprägt von Geheimniskrämerei, was auch die besondere Bedeutung der Partie verdeutlicht. Zur Aufstellung ließ sich Kohfeldt nichts entlocken. Baumann gab sich ebenfalls geheimnisvoll. Die letzten Stunden vor der Begegnung sollen anders ablaufen als vor dem Köln-Spiel, kündigte der Sportchef an. Noch so eine Besonderheit. Mehr verraten wollte Baumann aber nicht: „Das Trainerteam hat die eine oder andere Idee zur gezielten Spielvorbereitung, aber es ist wichtig, dass die Mannschaft gewisse Dinge zuerst erlebt.“

In jedem Fall wird Kohfeldt seinen Spielern noch einmal die besondere Bedeutung der zwei Spiele verdeutlichen. Dafür fand er auf der Pressekonferenz schon eindringliche Worte: „Mehr ,All in' geht nicht. Es wird für beide Mannschaften kein Danach geben. Du kannst danach nichts mehr gutmachen. Wir stehen immer noch mit dem Rücken zur Wand, und zwar sowas von. Das wissen alle in der Mannschaft. Entscheidend sein werden die Mentalität, die Intensität und die Bereitschaft, in dieser Drucksituation zu bestehen.“

Spielverlagerungen als Stärke

Darüber hinaus dürfte Kohfeldt die Heidenheimer Stärken ansprechen. „Sie haben Waffen, die uns weh tun können“, unterstrich er. Insbesondere die Spielverlagerungen und die Stärke bei Standardsituationen hob er hervor. In der zweiten Pokalrunde kam Werder mit Heidenheim gut klar und siegte im Oktober 2019 mit 4:1. Diese Partie hat sich Kohfeldt zwar noch einmal angeschaut, aber er betonte: „Das ist lange her, und ich glaube nicht, dass das Spiel wiederholbar ist. Wir müssen jetzt auch einen Tick strategischer an die Sache herangehen, weil es zwei Spiele gibt.“

Im Pokal will Werder Duelle gegen unterklassige Gegner immer schnellstmöglich entscheiden. „Ob wir diese Herangehensweise jetzt auch wählen, sage ich noch nicht“, geheimniskrämerte Kohfeldt ein weiteres Mal. Ein Hin- und Rückspiel gegen einen Gegner hatte Werder schon lange nicht mehr, zuletzt zu glorreichen Europapokal-Zeiten. Frank Baumann hat diese als Spieler miterlebt und riet davon ab, sofort voll auf Angriff zu setzen: „Es ist sehr wichtig, zu Hause kein Gegentor zu bekommen. Wir müssen aus einer guten Defensive heraus versuchen, uns Chancen zu erspielen. Auf einen hohen Sieg zu spielen wäre verkehrt.“ Das tat Werder übrigens auch gegen Köln nicht – und gewann am Ende trotzdem mit 6:1, wie von Frau Kohfeldt vorhergesagt. Gegen Heidenheim muss es nun ohne ihre hellseherischen Fähigkeiten klappen.

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