Wie sich Werder ans Gewinnen gewöhnen will

Sieben auf einen Streich

Alle Testspiele dieser Vorbereitung wurden gewonnen - Werder hat sich dazu bewusst vor allem kleinere Gegner ausgesucht. Der Verein verfolgt damit einen ausgeklügelten Plan, lässt sich aber nicht blenden...
07.09.2020, 12:56
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Sieben auf einen Streich
Von Jean-Julien Beer
Sieben auf einen Streich

Weiter, immer weiter: Werders Trainer Florian Kohfeldt treibt das Team an.

nordphoto

Ein wenig ungewöhnlich ist es ja schon, wenn in einer Saisonvorbereitung das alte Werder auf das neue Werder trifft. Und doch ist es an diesem Wochenende so passiert. Nicht auf dem Rasen, sondern am Spielfeldrand. Gerade hatte sein Kader auch das siebte und letzte Testspiel dieser Saisonvorbereitung gewonnen, da wurde Florian Kohfeldt mit der kritischen Anmerkung konfrontiert, dass ja auch kein hochklassiger Testspielgegner dabei gewesen sei. Der Trainer hörte sich das in Ruhe an und konterte dann: „Das ist, glaube ich, so ein bisschen das alte Werder-Denken. Und das meine ich gar nicht böse. Der Linzer ASK war ein Achtelfinalist im Europapokal, und das in einer schweren Gruppe. Die hätte ich eigentlich vom grundsätzlichen Ansatz her in dem Moment sogar einen Tick über uns gesehen.“ Über Werder Bremen also, dem deutschen Bundesligisten, bei dem jüngere Fans die Europapokalspiele nur aus Erzählungen kennen und wo man sehr erleichtert war, in der Relegation gegen den 1. FC Heidenheim den Klassenerhalt geschafft zu haben – wobei in beiden Spielen kein Sieg gelang.

Wo genau die Zeitrechnung eines neuen Werder begann, lässt sich nicht sagen. Fest steht aber: Die neueste Werder-Ausgabe, die Profimannschaft der Saison 2020/21, die sollte sich in diesem Sommer lösen von den ganzen Rückschlägen der abgelaufenen Saison, die bleischwer auf vielen Spielern lasteten. Das war der Plan, wie Kohfeldt bestätigt, und deshalb waren die Testspielgegner letztlich sehr bewusst gewählt: „Ich wollte in dieser Vorbereitung Spiele gewinnen. Für uns war es nach der vergangenen Saison wichtig, ein gewisses Selbstverständnis zu bekommen, dass wir Spiele gewinnen können, und dass wir auch mal zwei Spiele nacheinander gewinnen können. Dass das nichts ist, was verboten ist.“

Der sportliche Wert ist umstritten

So gesehen sollte die Bremer Mannschaft eine Woche vor dem Pflichtspielstart im DFB-Pokal bei Regionalligist Jena wieder wissen, wie sich Gewinnen anfühlt. Dem 2:0 im ersten Testspiel gegen Eintracht Braunschweig folgten sechs weitere Siege: 4:1 gegen LASK, 4:2 gegen Austria Lustenau, 4:0 gegen Groningen, 1:0 gegen St. Pauli, 2:0 gegen Hannover und zuletzt 7:0 gegen Rehden. Sieben auf einen Streich, auch wenn es ein geplanter Streich war. „Es war zwar kein internationaler Topgegner dabei“, fasst Werders Sportchef Frank Baumann die Spiele zusammen, „wir haben aber trotzdem auch Gegner gehabt, die kein Fallobst sind. Es war keine Selbstverständlichkeit, dass wir uns in den Spielen so gut präsentiert haben und auch die Ergebnisse gepasst haben.“

Der sportliche Wert von Testspielergebnissen ist jedoch seit jeher umstritten. Nicht immer mündet einer erfolgreiche Vorbereitung in eine gute Saison. „Egal, ob eine Vorbereitung positiver oder negativer verläuft, man kann sich dafür nichts kaufen“, weiß Baumann. „Die Ergebnisse aus Testspielen sind ein wenig Makulatur, wenn die Saison losgeht. Nur die Pflichtspielergebnisse zählen. Trotzdem ist es nach der Saison, die wir gespielt haben, schon auch wichtig, dass man ein positives Gefühl aus der Vorbereitung mitnimmt in die Spiele. Auch wenn wir wissen, dass gerade in der Bundesliga andere Gegner und ein anderes Niveau auf uns warten. Wir konnten die Vorbereitung sehr gut nutzen.“

Auch andere Aspekte waren wichtig

Denn es ging nicht nur um positive Ergebnisse. Neben dem guten Gefühl, Spiele gewinnen zu können, standen weitere Aspekte auf der Agenda. „Wir konnten uns im athletischen Bereich einiges erarbeiten, weil wir sehr viele Spieler lange zur Verfügung hatten und es im Vergleich zum vergangenen Jahr wenig Verletzungstage gab“, bilanziert Kohfeldt nach einer Vorbereitung, die er als „gut bis ordentlich“ einstuft. „Wir wollten mit einer neuen Mannschaft viele Abläufe einspielen, viel testen, und das war gut. Auch taktisch konnten wir uns viel erarbeiten. Das sind Dinge, die natürlich bleiben. Aber Fakt ist auch: Alle Siege, die wir eingefahren haben, die haben natürlich keinen Wert für das, was jetzt kommt. Jetzt beginnt der Wettbewerb, jetzt muss die Anspannung noch mal höher werden. Wir haben eine Basis gelegt, aber erst jetzt wird es erst wichtig.“

Baumann und Kohfeldt machen in ihren Analysen deutlich, dass sie sich nicht blenden lassen von den Erfolgen auf ihrer kleinen Siegestournee. „Auch wenn einiges schon gut gepasst hat, müssen wir uns in vielen Bereichen offensiv wie defensiv noch verbessern“, betont der Manager, „das ist ein Stück weit aber normal. Wir wissen, dass wir noch weiter hart arbeiten müssen und uns für die guten Ergebnisse relativ wenig kaufen können.“

Gegen ein Topteam habe man bewusst nicht gespielt. „Zu sagen, wir suchen un mal einen Gegner, wo wir auf jeden Fall mal auf die Fresse kriegen, das war nicht der Ansatz in der Vorbereitung“, erklärt Kohfeldt. Man brauche auch keine Niederlage, um den Spielern aufzuzeigen, was sie verkehrt machen: „Wir hatten auch aus diesen Testspielen genug Material, wo man sich anschauen konnte, was noch nicht optimal läuft. Das Spiel gegen Lustenau war für mich schon ein Dämpfer in der Vorbereitung, das war schlecht, das habe ich ja auch damals schon deutlich gesagt.“ Aber auch dieses schlechte Spiel wurde vom neuen Werder wenigstens gewonnen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+