Theo Gebre Selassie im Interview

„Ich zwinge mich, es zu genießen"

Im Interview erklärt Theo Gebre Selassie, in welchem Moment er die Qualen des Abstiegskampfes hinter sich gelassen hat. Und warum sein Sohn am Ende der Saison die Spiele nicht mehr anschauen konnte.
24.08.2020, 12:22
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„Ich zwinge mich, es zu genießen
Von Christoph Sonnenberg
„Ich zwinge mich, es zu genießen"
Nordphoto

Herr Gebre Selassie, Sie spielen gerade Ihre neunte Vorbereitung mit Werder. Was hat sich in den Jahren seit 2012 in der Art des Trainings verändert?

Theo Gebre Selassie: Alles! Zumindest innerlich hat sich fast alles verändert. Vonseiten des Ortes hat sich nichts geändert, es ist immer der gleiche hier im Zillertal, die Bedingungen sind jedes Jahr sehr gut, das Hotel ist angenehm, das Essen lecker und es ist ja schon Tradition, die Vorbereitung hier zu verbringen.

Unter Thomas Schaaf gab es zusätzlich ein Lauftrainingslager auf Norderney, das haben Sie auch mitgemacht.

Ja, habe ich. Es war eine andere Form der Vorbereitung. Es ist nicht so, dass wir jetzt weniger trainieren, aber diese Laufeinheiten vor dem Frühstück sind nicht mehr da. Im ernst: Jetzt trainieren wir mehr auf dem Platz mit dem Ball. Wir tragen in jeder Einheit Sender am Körper und danach wird kontrolliert, wie die individuelle Belastung ist. Deswegen bekommen einige Spieler zwischendurch mal einen halben Tag Pause. Das ist ein anderes Level, es hat sich weiterentwickelt.

Sind Sie damals morgens anders aus dem Bett gekommen?

Ja, ich will jedoch nicht, dass es so rüberkommt, als würden wir nicht hart trainieren. Aber es war schon so, dass man damals körperlich wirklich kaputt war, man konnte kaum mehr Treppen steigen.

Kommt Ihnen manchmal der Gedanke, dass es vielleicht Ihre letzte Vorbereitung mit Werder ist?

Ja, schon, weil es Fakt ist. Ich habe jetzt einen Vertrag für diese Saison, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es die letzte wird. Aber man weiß nie, das kann sich noch ändern. Ich probiere, es mehr zu genießen.

Geht das, eine Vorbereitung zu genießen?

Ich zwinge mich ein bisschen dazu. Es zu genießen, dass ich hier sein darf. Ich versuche, auch wenn die Vorbereitung eine harte Zeit ist, die positiven Seiten zu sehen.

Wie ist denn der Stand? Sie haben einen Vertrag für diese Saison gemacht, und dann wird im Winter besprochen, ob es vielleicht doch noch weitergeht?

Genau, wir gucken erstmal, was dieses Jahr kommt, wie die Saison wird und dann sehen wir. Das wichtigste ist, wie es zu Hause ist. Meine Frau und ich sprechen darüber und wir treffen die Entscheidung dann gemeinsam.

Die Abmachung war, wenn Ihr Sohn eingeschult wird, geht es zurück nach Tschechien. Nächstes Jahr wird er eingeschult – dann steht doch eigentlich alles fest, oder nicht?

Er sollte eigentlich schon jetzt in die Schule gehen. Dann haben wir gesagt, dass er lieber ein Jahr später geht. Nächstes Jahr muss er auf jeden Fall.

Würden Sie, falls es Ihre letzte Saison in Bremen ist, Ihre Karriere in Tschechien fortsetzen?

Die Frage ist, wie mein körperlicher Zustand ist. Und was möglich wäre, ob etwas Sinn ergibt. Ich brauche ein Ziel, eine Motivation. Nur zu kicken, das ist es nicht. Ich muss auch überlegen, ob ich wieder jedes Wochenende weg sein will. Mein älterer Sohn spielt auch Fußball, da wäre ich dann bei seinen Spielen an den Wochenenden gerne dabei.

Ihre Karriere neigt sich dem Ende zu. Wären Sie gerne nochmal 20?

Das denke ich selten, weil ich weiß, wie hart es für mich war es zu schaffen und mich durchzusetzen. Zuerst in Tschechien, aus so einer kleinen Stadt, aus der ich komme. Dann in die erste Liga, Nationalmannschaft und später ins Ausland zu wechseln, in die Bundesliga und dann so lange hier zu spielen – das war wirklich kein einfacher Weg. Und ich bin sehr dankbar, dass ich das geschafft habe.

Sie sind jetzt 33 Jahre alt. Gibt es im Rückblick einen Ratschlag, den Sie zu Beginn Ihrer Karriere gerne bekommen hätten?

Nicht zu viel nachdenken, sich nicht immer einen Kopf über alles machen. Das versuche ich jungen Spielern auch heute zu sagen, wenn etwas schiefgelaufen ist. Aber ich weiß, dass das bei mir mit 20 nicht viel gebracht hätte. Ich war immer sauer, wenn ich etwas nicht so gut gemacht habe, wie ich es hätte machen können.

Sie sind selten verletzt, gesundheitlich spricht nichts dagegen, dass Sie weitermachen. Ist es Veranlagung?

Glück spielt natürlich eine große Rolle. Aber ich mache auch ziemlich viel im Kraftraum und stretche mich nach jeder Einheit, ich achte auf meinen Körper. Ich glaube, ich war hier in Bremen nur einmal ein bisschen länger verletzt. In der letzten Saison, aber das war ein Unfall. Unter Robin Dutt habe ich in der Vorbereitung eine Überlastung meiner Knochen gehabt, da habe ich einfach zu viel gemacht. Damals habe ich gelernt, dass es auch schaden kann, wenn es zu viel ist. Und sonst, ja, auch die Genetik.

Florian Kohfeldt sagt, Sie sind der unterschätzteste Spieler in seinem Kader. Er sagt auch, dass Sie trotz Ihres Alters noch immer versuchen, besser zu werden. Wie machen Sie das?

Ich glaube das ist etwas, was mir am Anfang meiner Karriere geschadet hat, auch in Bremen: diese selbstkritischen Gedanken. Am Anfang waren das zu viele. Aber wenn ich darüber nachdenke, habe ich es deswegen vielleicht geschafft, so lange hier zu bleiben. Ich habe nie aufgegeben, auch wenn die Situation für mich nicht immer perfekt war. Es hat mich immer gepusht weiterzugehen, weil ich weiß und wusste, es kann besser sein, ich kann das besser machen. Auf der anderen Seite habe ich auch gelernt zu erkennen, was ich nicht besser machen konnte, nicht besser verteidigen zum Beispiel. Eine überragende Flanke genau auf den Punkt, wo der Stürmer steht – da konnte ich nichts machen. Ich glaube, das kann ich jetzt gut einschätzen, was ich hätte besser machen können und was nicht.

Haben Sie das Gefühl, nicht so viel Anerkennung zu bekommen wie andere? Unterschätzt zu werden, um es mit Kohfeldts Worten auszudrücken?

Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen, weil ich lieber ein normales Leben habe. Ich fühle mich wie ein normaler Mensch, der sich mit anderen Menschen normal unterhalten möchte, nicht nur über Fußball. Ich bin froh, wenn ich mich nicht über Fußball unterhalten muss. Wenn man auf jemanden Neues trifft, dann spricht man nur über Fußball. Als wäre mein Leben nur Fußball. Das ist nicht schlecht, ich bin dankbar für alles, aber das Leben hat auch anderes zu bieten, nicht nur Fußball.

Schauen Sie zu Hause viel Fußball?

Wenn die großen Spiele sind, schaue ich. Aber es ist nicht so, dass ich jeden zweiten Tag vor dem Fernseher sitze. Ich will die Zeit mit meinen Kindern genießen. Jetzt ist es aber so, dass auch sie Fußball schauen wollen, dann schauen wir uns gemeinsam die Highlights an – auch wenn das nach Niederlagen anstrengend ist. Aber sie wollen die Highlights sehen, dann musst du das durchziehen, auch wenn das nicht angenehm ist.

Kommentiert Ihr Sohn die Spiele?

Ja, und mein Sohn ist ein bisschen wie ich. Er macht sich für sein Alter viel zu viele Gedanken. Zum Beispiel zum Ende der vergangenen Saison, da konnte er die Spiele nicht anschauen – und er ist sechs Jahre alt!

Weil er so aufgeregt war?

Ja. Er wusste schon, wie wichtig das ist, weil es präsent bei uns zu Hause war. Und das bekommt er natürlich mit, wenn ich mit meiner Frau darüber rede. Er konnte unsere Spiele nicht ansehen. Das müssen wir besser machen, das ist komplett unnötig, dass er sich darüber so viele Gedanken macht.

Wie ist es Ihnen im Abstiegskampf ergangen?

Müssen wir darauf zurückblicken?

Ein bisschen schon. Wie lange haben Sie gebraucht, um diese Zeit zu verarbeiten?

In der zweiten Urlaubswoche habe ich mich immer noch gefragt, ob wir es wirklich geschafft haben, die Klasse zu halten. Ich konnte es nicht glauben, dass es vorbei ist. Wirklich weg waren die Gedanken erst, als wir uns als Mannschaft zum ersten Mal in der Kabine wiedergesehen haben. Da war plötzlich eine positive Atmosphäre da.

War das eine wichtige Erkenntnis, dass sofort eine gute Atmosphäre herrschte beim Wiedersehen?

Ja, es war wichtig, gleich positive Energie zu spüren. Wenn ich darüber nachdenke, wie wir da unten noch rausgekommen sind – puuh!

Gab es einen Moment, in dem Sie dachten, dass es vorbei ist, dass Werder absteigt?

Als ich im Spiel gegen Mainz verletzt vom Platz ging, war es schwierig. An diesem Tag war wirklich alles an der Grenze. Trotzdem haben wir zwei Tage später die Bereitschaft, etwas Unmögliches zu schaffen, gespürt. Gerade von Flo (Florian Kohfeldt; Anm. d. Red.). Am Ende ist es gut gegangen. Aber das ist etwas, was nicht regelmäßig passieren muss. Das wünsche ich auch keiner anderen Mannschaft.

Spüren Sie dennoch eine gewisse Verunsicherung als Nachwirkung der letzten Saison?

Nein, das würde ich nicht sagen. Viele Spieler sind nicht mehr da, viele junge Spieler mit großem Elan sind neu dabei, sie sind unbelastet.

Ein guter Saisonstart ist immer wichtig. Ist es das in diesem Fall noch mehr, weil bei einem Misserfolg gleich wieder Gedanken an die vergangene Saison auftauchen könnten?

Es ist viel zusammengekommen in der vergangenen Saison. Wenn wir wieder zehn Verletzte haben, wieder einen schlechten Start, kann das vielleicht passieren. Aber Angst davor habe ich nicht. Dafür hat sich die Mannschaft zu sehr verändert.

Sie sind seit 2012 dabei und haben bei Werder viel erlebt. Was ist Ihr Gefühl für die kommende Saison?

Wichtig ist, wie die Mannschaft tickt – auf dem Platz, aber auch daneben. Was ich da sehe, ist sehr positiv. Wir haben eine gute Mischung. Die jungen Spieler sind hungrig, das gibt allen im Team Elan.

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