Thomas Schaaf über Pizarros Karriere

„Claudio ist ein Menschenfänger"

Thomas Schaaf spricht im WESER-KURIER Magazin über die Anfänge der großen Karriere Claudio Pizarros in Bremen, seine speziellen Fähigkeiten auf dem Platz und eine merkwürdige Münchner Kritik.
02.05.2020, 13:07
Lesedauer: 6 Min
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„Claudio ist ein Menschenfänger
Von Christoph Sonnenberg
„Claudio ist ein Menschenfänger"
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Herr Schaaf, als Claudio Pizarro im August 1999 von Alianza Lima zu Werder wechselte, waren Sie gerade ein paar Monate als Trainer im Amt. Es gibt unterschiedliche Versionen, wer Pizarro entdeckt und nach Bremen geholt hat. Wissen Sie, wie das damals wirklich abgelaufen ist?

Thomas Schaaf: Beschwören würde ich es nicht, ich glaube, Jürgen Born hatte einen Tipp bekommen. Mit Klaus Allofs ist er dann zusammen nach Peru geflogen, um sich Claudio anzuschauen. Wir haben damals einen Strafraumstürmer gesucht und hatten von Claudios Talent gehört. Die ersten Informationen, die Klaus mir dann am Telefon mitgeteilt hat, waren überzeugend. Bei der Beurteilung von Spielern hatten wir beide ein tiefes Vertrauen. Jeder wusste genau, was der andere von einem Spieler erwartet, welche Anforderungen er stellt. Da ich nicht weg konnte aus Bremen, habe ich Klaus gebeten, ein paar Videos zu schicken.

Was waren Ihre ersten Eindrücke?

Selten habe ich einen Spieler gesehen, der so präsent ist im Strafraum. Der immer genau da steht, wo der Ball runterfällt. Der einen extremen Willen hat, Tore zu schießen. Claudio stand immer im Brennpunkt. Dazu kommt diese Freude, der Spaß am Fußball.

Heute gibt es Videos von nahezu allen Profis und allen Spielen weltweit. Wie lief 1999, vor über 20 Jahren, die Beobachtung eines Spielers in Südamerika ab?

Wenn irgendwie möglich, haben wir beide, Klaus und ich, den Spieler live gesehen. Aber es war eben nicht immer möglich, bei Claudio beispielsweise. Ich konnte ja nicht einfach aus dem Trainingsalltag in Bremen mal eben einige Tage nach Peru fliegen. Aber es gab, wie ich bereits sagte, zwischen Klaus und mir dieses große Vertrauen in die Meinung des anderen.

Beschränkte sich die Beobachtung eines Spielers auf Training und Spiel, oder wurde auch geschaut, wie er sich im privaten Umfeld gibt?

Klaus und Jürgen waren damals über eine Woche in Peru und haben sich über alles schlau gemacht. Sie waren im Elternhaus, haben mit dem Vater gesprochen, mit den Menschen in seinem Klub Allianza Lima. Und sie haben natürlich auch mit Claudio gesprochen. Aber, ganz grundsätzlich, war es damals schon ein Risiko, einen Spieler aus Südamerika nach Deutschland zu holen.

In welcher Hinsicht?

Weil man nicht wusste, wie es mit der Anpassung klappt. Claudio war ja damals kein bekannter Spieler, mit 40 Länderspielen und einer Qualität, die er über einen langen Zeitraum nachgewiesen hatte und wir sie deshalb einschätzen konnte. Er war ein großes Talent, das nach Europa wollte.

Mit 20 Jahren ist es für einen Spieler ein großer Schritt in eine unbekannte Welt, viele tausend Kilometer von der Heimat entfernt. Was für ein Typ war Pizarro, als er aus Peru nach Bremen kam?

Von seinem Wesen hat er sich nicht groß verändert, Claudio war damals so, wie er bis heute ist: immer freundlich, immer interessiert, immer respektvoll. Er hat auch damals schon genau geschaut und gesucht, woher er Informationen bekommen kann. Claudio wollte wissen, wie die Dinge laufen, wie das große ganze funktioniert. So macht er es heute immer noch. Er war ehrgeizig. Als Fußballer, das war schnell zu erkennen, war er komplett: Schnelligkeit, Technik, Kopfballspiel, Schusstechnik. Er hat es als Stürmer immer verstanden, auch andere in Szene zu setzen. Neben den vielen Toren, die er erzielt hat, hat er sehr viele aufgelegt.

Pizarro hatte immer einen sehr großen Aktionsradius auf dem Platz. Was für ein Stürmertyp war er in Ihren Augen?

Das Zentrum, der Strafraum, das war seine Spielwiese. Claudio hat aber auch dafür gesorgt, dass er in dieses Zentrum kommt. Mal ist er auf den Flügel ausgewichen, mal hat er sich zurück ins Mittelfeld fallen lassen und ist dann von dort in die Spitze nachgegangen. Er hat immer ein sehr großes Pensum abgespult.

Sie haben in Ihrer Karriere mit vielen großen Spielern gearbeitet. Gehört Pizarro zu den besten?

Natürlich gehört er zu den besten, allein weil er ein kompletter Spieler mit so vielen Fähigkeiten war. Ailton war schnell, hatte einen super Schuss, das waren seine Stärken. Hatte er einen Gegenspieler, der schnell genug war, hatte er es an dem Tag schwer. Claudio zu stoppen war sehr viel komplizierter, weil er so vielseitig war. Niemand wusste, was er als nächstes tun würde, wo er als nächstes auftauchen würde. Er war unberechenbar.

Pizarro und Ailton haben sich auf dem Platz gut ergänzt, waren privat aber auch eine explosive Mischung.

Aufgrund der Sprache haben sich beide sofort gut verstanden. Sie haben aber auch schnell begriffen, wie sie auf dem Platz voneinander profitieren können. Besonders Ailton, der durch Claudios Pässe seine Schnelligkeit einsetzen konnte.

Beide waren Schlitzohren, die das eine oder andere angestellt haben. Wie oft mussten Sie die Faust in der Tasche ballen und haben für den Erfolg weggesehen?

Beides sind Jungs die wussten, dass das Leben auch mehr zu bieten hat. Sie waren beide Menschen, die nicht nur Zuhause geblieben sind, sondern gerne auch mal unterwegs waren. Sie haben das Leben genossen, vielleicht gehört das für Südamerikaner auch noch mehr dazu als für uns in Deutschland. Aber das Maß war okay, die Verhältnismäßigkeit hat sich nie verschoben. Claudio wusste, dass er fit sein musste, sich vorbereiten und konzentrieren musste. Dass er die Voraussetzungen für professionellen Fußball schaffen muss. Hätte er das nicht getan, hätte er niemals all die Jahre auf dem Niveau spielen können. Das eine oder andere gehört neben dem Fußball dazu, aber Claudio hat schon sehr viel richtig gemacht.

Es gibt einige Anekdoten der beiden. Eine ist die aus dem Dezember 2000, als sich Pizarro und Ailton kurz vor Weihnachten die 5. Gelbe Karte abgeholt haben. Es wurde damals vermutet, sie hätten es absichtlich getan, um im letzten Spiel nicht auflaufen zu müssen. Statt vorzeitig in den Weihnachtsurlaub zu fliegen, haben Sie die beiden verdonnert, in Unterhaching bei den Werder-Fans zu stehen. Wie war das damals?

Das gehört auch dazu. Verstehen konnte ich ja durchaus, dass beide schnell nach Hause wollten zu ihren Familien und dem schönen Wetter. Wir hatten damals aber nur knapp über 20 Punkte. Da gehört es auch dazu, einer Situation gerecht zu werden. Beide haben das damals verstanden.

Pizarro wirkt wie ein ewiger Sonnenschein, der Probleme einfach weglächelt. Mussten oder konnten Sie ihm böse sein?

Claudio war aber auch sehr ungeduldig, wenn etwas nicht funktionierte oder bei ihm etwas nicht geklappt hat. Dann war er unzufrieden. Manchmal waren auch wir unzufrieden. Aber er war immer ein Mensch, der versucht hat, das Positive zu sehen.

Bei dem es schwer fällt, seinem Charme zu widerstehen?

Claudio ist ein Menschenfänger. Er kann Menschen mitnehmen, sie begeistern, wenn er den Raum betritt mit seinem Lächeln, seiner höflichen und respektvollen Art. So hat er viele Menschen für sich gewonnen.

Haben Sie es zu Beginn seiner Karriere für möglich gehalten, Claudio noch mit 41 Jahren als Profi in der Bundesliga spiele zu sehen?

Nein, davon konnte man nicht ausgehen. Auch, weil seine Art zu spielen aufwendig war, er hat ja keine Situationen gescheut, keinen Weg, er ist überall hingegangen. Claudio war aber schlitzohrig genug, immer einen Tick schneller am Ball zu sein, wenn der Gegner mit der Grätsche kam. Und er hat etwas, das ihn seine ganze Karriere getrieben hat: dass er das Spiel liebt, dass er den Fußball liebt. Diese Liebe war sicher Antrieb, so lange zu spielen oder spielen zu können.

In München, beim FC Bayern, waren einige der Meinung, Pizarro hätte aufgrund seiner Fähigkeiten mehr aus seiner Karriere machen können. Wie sehen Sie das?

Es gab am Anfang seiner ersten Zeit in München die Kritik, er würde nicht richtig laufen. Da habe ich gedacht: über wen reden die da? Bei uns hat er zwei Positionen gleichzeitig gespielt, er hat überall mitgeholfen, ist hinterher gegangen und marschiert. In Bremen konnte er sich sehr schnell einbringen, in München hat das vielleicht etwas länger gedauert. Ob er dort mehr hätte erreichen können, kann ich nicht einschätzen. Bei Werder war es optimal.

Wird Pizarro dem Fußball erhalten bleiben?

Ich denke schon. Er liebt das Spiel, deshalb wird er ihm verbunden bleiben. In welcher Position? Keine Ahnung.

Was wünschen Sie ihm für die Zukunft?

Gesundheit. Dass er sich seinen Charme erhält und die Menschen weiterhin für sich gewinnt. Und dass er den Spaß am Leben nicht verliert.

Das Pizarro-Magazin

Viele Interviews, Anekdoten und Geschichten über Claudio Pizarro gibt es im neuen Magazin des WESER-KURIER über die außergewöhnliche Karriere der Werder-Legende. Das Heft ist in den Kundenzentren des WESER-KURIER, die ab diesem Montag wieder geöffnet sind, in unserem Online-Shop unter www.weser-kurier.de/shop und auch telefonisch unter 0421-3671-6616 erhältlich. Außerdem gibt es das Heft im Zeitschriftenregal vieler Supermärkte in Bremen und Umgebung. Der Preis für das 100 Seiten starke Magazin: 9,80 Euro.

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